GastkommentarParteien in der Krise – wo bleiben die Frauen?

Der Anteil der weiblichen Bundestagsabgeordneten liegt bei weniger als einem Drittel.imago images / Future Image

Das Megawahljahr 2021 wartet mit sechs Landtagswahlen und einer Bundestagswahl auf. Eines der bestimmenden Themen des Wahlkampfs muss die Gleichstellung von Frauen sein. Je nachdem wer den Parteivorsitz der CDU/CSU übernimmt, wird Farbe bekennen und den Schwerpunkt auf Frauen legen oder es sein lassen. Der FDP sind die Frauen weggelaufen, zudem stehen die Wahlprognosen schlecht und das Spitzen-Tandem der SPD ist, wie befürchtet, farblos geblieben. Allein die Linke und Bündnis 90/Die Grünen haben in Bezug auf die Anzahl weiblicher Abgeordneter im Bundestag die Zeichen der Zeit erkannt.

Insgesamt manifestiert sich jedoch in Bezug auf die paritätische Besetzung von Ämtern gerade im Bundestag eine ähnliche Situation wie in den Vorstandsetagen von Unternehmen: großer Nachholbedarf. Allerdings beginnt das Gleichberechtigungsmanko in der Politik schon in der Regionalliga. Wer als Partei in der Lokalpolitik nicht dafür Sorge trägt, dass Frauen politische Ämter besetzen, hat den Mangel dann in den Spitzenpositionen im Bundestag zu verantworten. Nicht einmal jedes zehnte Rathaus wird von einer Frau regiert. Ihr Anteil liegt bei lediglich neun Prozent und stagniert damit seit Jahren auf niedrigem Niveau, so die jüngste Studie der EAF Berlin aus 2020. Im deutschen Bundestag liegt der Frauenanteil Ende 2019 gerade mal bei 31,2 Prozent (221 von 709 Abgeordneten) – von echter Parität sind wir also auch in der Politik weit entfernt.

Als Psychologin frage ich mich daher, was ist hier das Thema hinter dem eigentlichen Thema der Gleichberechtigung. Seit Herbst 2020 habe ich gemeinsam mit einem Team aus Expertinnen zu verborgenen Karrierewiderständen von Frauen geforscht, um herauszufinden, was außer der berühmten gläsernen Decke, Frauen auf den unterschiedlichen Karrierewegen abbiegen lässt.

Gläserne Decke oder doch Unlust der Frauen?

Unsere Studie „Erfolgreiche Frauen in deutschen Führungsetagen – ein Tabu?“ hat gezeigt, dass ambitionierte Frauen Karrierewege in die Topetagen scheuen und oftmals schon frühzeitig ihre Aufstiegspläne und –wünsche aufgeben.

Ein zentrales Ergebnis der Untersuchung sind die vorherrschenden Angst-Gewaltmechanismen, die sich in einem „business as usal“-Gewand tarnen. Sie zeigen sich in Form von latent oder offen vorhandenen Aggressionen von männlichen, aber auch weiblichen Vorgesetzten. Gut gemeinte Frauenförderprogramme helfen wenig. Wohin will man Frauen auch fördern? In den Vorstandsetagen und höheren Führungspositionen zu vieler Unternehmen will man sie nicht haben. Dazu kommt, dass es keine wirklichen Zielvorstellungen gibt, was man(n) mit geförderten Frauen machen will, oftmals also reines Alibi. Es scheint so zu sein, als ob Programme den Mythos vom Mangel von Frauen noch untermauern. Nach dem Motto: Wir brauchen ein Programm, damit wir sie – die Frauen – flott machen, weil so wie sie sind, sind sie nicht richtig.

Parteien auf dem Prüfstand

Die Frage im Wahljahr 2021 wird daher vor allem für unsere männlichen Politiker die folgende sein: wer wollen wir sein und für wen stehen wir ein?

Will ich als Partei Politik für ein ganz bestimmtes Klientel machen, mit lautstarken, teils hochaggressiven Drohgebärden, „Bierzeltmanier“, narzisstisch-verliebten Macht- und Ränkespiele, oder geht es darum, diese Gesellschaft in ein neues Jahrzehnt zu führen mit echtem Respekt vor Andersdenkenden, mit positiver Beharrlichkeit und Teamplayerqualitäten?

Eines ist in Bezug auf Frauen in Führungspositionen – ob in Wirtschaft oder Politik – klar: Die Mehrzahl gewinnt man(n) nicht, indem man ständig Krieg führen will und sei es nur ein kommunikativer Krieg, immer in der Obacht Stellung zwischen Angriff und Verteidigung. Darüber hinaus gewinnt man sie nicht, indem man Frauen systematisch von Top-Führungspositionen ausschließt. Frauen gewinnt man für Karrierepositionen, so hat unsere Studie gezeigt, durch

  1. ehrliche und offene Kommunikation über Hierarchieebenen hinweg: Gerade hier scheint die gesamte Parteienlandschaft in Deutschland gehörig zu schwächeln, vor allem durch gewollte Intransparenz. Wer Schwächen zeigt und offen sagt, was er denkt, gerät schnell ins Abseits – entweder in der eigenen Partei, bei der gegnerischen Partei oder bei den Wählerinnen und Wählern. Wie viel Wahrheit verträgt ein Volk und wie viel Wahrheit will man tatsächlich haben? Unsere Studie hat gezeigt, dass Frauen, sofern sie sich nicht vom System korrumpieren lassen und sich anpassen, über ein ausgesprochen hohes Wertesystem verfügen. Das ehrt Frauen, macht sie glaubwürdig und im besonderen Maße wählbar, doch gleichzeitig stellt dies auch ihre größte Hürde dar, nach der Macht zu greifen. Zum einen nehmen Frauen sehr genau wahr, was hinter den Kulissen passiert und lehnen es ab, sich an „krummen“ Deals zu beteiligen. Und zum anderen setzen sie die Messlatte der Erwartungen an sich selbst unglaublich hoch. Das bringt kompetente Frauen oftmals zum Einlenken. Die Studie hat gezeigt, Frauen wollen das bestmögliche Ergebnis in der Sache und für die Menschen mit anderen gemeinsam erzielen. Die Jagd um Posten ist nicht ihr Ding.
    Mein Tipp an die Politik: Werben Sie um Frauen, gehen Sie auf sie zu und zwar nicht halbherzig, weil es in Ihrem Parteiprogramm steht, sondern weil Sie es tatsächlich ernst meinen. Frauen spüren sehr genau den Unterschied zwischen Scheinmanöver und Ehrlichkeit.
  2. Rückhalt und Zuspruch für sich selbst und für andere: Wer stärkt in der Politik tatsächlich den Rücken für einen potenziellen Konkurrenten ganz allgemein oder gar den Rücken der Frauen? Das System ist nicht darauf ausgerichtet, die Besten zusammen zu bringen, um die besten Ergebnisse zu erzielen. Koalitionen nicht nur auf politischer Ebene, sondern auch auf persönlicher Ebene sind meist nur auf Zeit: Entfällt der Nutzen, zerfällt die Koalition. Unsere Studie hat ergeben, dass Frauen Zuspruch und Rückhalt suchen. Aber wer sollte wozu Frauen Rückhalt geben? Schon allein mit dieser Frage laufen Frauen Gefahr, als „Wesen“ mit fehlender Resilienz und Durchsetzungsvermögen interpretiert zu werden.
    Mein Tipp an die Politik: Wenn tatsächlich mehr Frauen in Führung bringen wollen, sind Menschen, die sich offen oder im privaten Raum despektierlich oder ablehnend gegenüber Frauen äußern, eine Störvariable. Die Linie der Partei muss sein, dass Frauen gewollt sind, und dementsprechend müssen Verhaltensweisen und Kommunikationsmuster angepasst werden.
  3. den Verzicht auf Erbhofpolitik und Seilschaften: Analog zur Unternehmenswelt baut auch die Politik ihre Nachfolger sukzessive auf – Quereinsteiger*innen mit noch so guten Ideen haben keine Chance, wenn sie sich nicht in Seilschaften befinden, und sich eben nicht über Jahrzehnte hineingedient haben. Somit werden nur jene Personen nachgezogen, die sich in Werten und Ideologien ähneln. Und da die Mehrheit der Parteien von „Brüdern im Geiste“ geführt werden, werden Brüder und keine Schwestern nachgezogen. Dass es nur einige wenige Frauen in der deutschen Politik geschafft haben, spricht meines Erachtens für eine herausragende Kompetenz, Durchhaltevermögen und vermutlich enormer Frustrationstoleranz und psychischer Stärke dieser Frauen. Wer jedoch als Außenseiter und dann noch als Frau tatsächlich politische Karriere anstrebt, hat meist schlechte Karten.
    Mein Tipp an die Politik: Frauen brauchen Chancen und das sind offene durchlässige Systeme, in denen sie sich wohl fühlen. Abgeschlossene Männer-Zirkel fallen nicht unter diese Kategorie.

Die Konklusion: Mit echten Inhalten und weniger Machtgeplänkel

Nach Aussagen unserer Studien-Probandinnen wird Frauen eine vermeintliche Unfähigkeit, sich mit Dominanz- und Machtgehabe durchzusetzen, attestiert. Sie denken konsensorientiert, flach hierarchisch, neigen ausgesprochen selten dazu, ihre Persönlichkeit im Ruhm der Macht baden zu wollen. All das scheint ihnen zum Nachteil zu gereichen, vor allem in der Politik. Frauen geht es um Inhalte: wenn sie diese mit Macht durchsetzen können, gut, aber Macht alleine um der Macht willen, scheint bei Frauen keine Option zu sein. Womit wir beim Kernproblem angekommen sind: Politische Systeme bringen im besonderen Maße Menschen hervor, die ihre persönliche Bedeutsamkeit an Macht und Positionen ausrichten und weniger an der Frage, ob sie wirklich die beste Besetzung für die Aufgabe sind. Sie definieren sich zunächst über ihren Machtstatus und erst danach kommt der Inhalt.

Aus psychologischer Sicht ist es zu wünschen, dass mehr Männer und Frauen zu einem realistischen Selbstreflexionsvermögen und zu einer ausgewogenen Balance zwischen Ego und Aufgabe kommen. Das ist allerdings ein Prozess, der eine hohes Maß an Auseinandersetzung mit eigenen Persönlichkeitsmustern, Widerständen, und Abwehrhaltungen erfordert. Wer sich in Parteien auf den Weg machen will, Frauen zu bekommen, muss bei sich selbst anfangen. Wer will ich sein, Ego oder Aufgabe, oder beides?  Und wenn ja für wen will ich es sein? Alleine das würde den Anteil an Frauen in der Politik schon vergrößern. Angela Merkel hat eindrücklich gezeigt, wie das gehen kann. Die Messlatte liegt hoch – weniger für die Frauen, sondern parteienübergreifend im Besonderen für die Männer.

 


Martina Lackner, Psychologin, Autorin und Unternehmerin, hat sich 2019 in einem vierköpfigen Team mit Expertinnen auf den Gebieten weibliche Identität und Frauenförderung, Führungskräfteentwicklung, Psychologie sowie systemische Familien- und Psychotherapie zusammengeschlossen, um zum Thema Karrierehemmnisse von Frauen zu forschen.