Interview „Nur wenige glauben, dass Scholz den Kurs seiner Partei bestimmt“

Renate Köcher ist Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie Allensbach
Renate Köcher ist Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie Allensbach
© Reiner Zensen / IMAGO
Olaf Scholz erhält die besten Kompetenzwerte, doch die Top-Entscheider würden ihn mehrheitlich nicht wählen. Allensbach-Geschäftsführerin Renate Köcher ordnet die Ergebnisse der jüngsten Elite-Panel-Umfrage ein

Frau Köcher, die Corona-Infektionen steigen wieder, das Land fürchtet sich vor der Delta-Variante. Doch die von Ihnen befragten Top-Entscheider sind fest davon überzeugt, dass die Pandemie überwunden ist.

RENATE KÖCHER: Ja, in der Tat ist die Zuversicht groß. 62 Prozent der von uns befragten Manager und Spitzenpolitiker rechnen damit, dass wir die Pandemie dank der Impfungen endgültig bewältigen werden, nur ein knappes Drittel ist da noch skeptisch. Vor allem ist die überwältigende Mehrheit jedoch überzeugt, dass die Politik bei einer vierten Welle nicht mit vergleichbaren Einschränkungen reagieren muss, sondern aufgrund der Impfquote wesentlich weniger eingreifen muss.

Das ist ja auch deshalb bemerkenswert, weil die Signale aus Berlin – etwa was den Schulunterricht angeht – eher schon wieder das alte Muster zeigen.

Die Schulen sind wieder – wie schon im letzten Jahr – unzureichend vorbereitet worden. Und das frustriert insbesondere viele Eltern, die fürchten, dass es wieder keinen verlässlichen Unterricht geben wird. Generell wünschen sich die Menschen wieder mehr Planbarkeit. Diesem Bedürfnis trägt die Politik unzureichend Rechnung.

Dazu passt, dass auch in der Elite das Unverständnis über die Corona-Politik der Bundesregierung zunimmt.

60 Prozent Zustimmung sind immer noch ein ordentlicher Wert, aber tatsächlich, er sinkt deutlich. Vor einem Jahr lag die Zustimmung noch bei 90 Prozent, im Winter immer noch bei 80 Prozent.

Kommen wir zur anstehenden Bundestagswahl: Hier fällt auf, dass sich die hohen Kompetenzwerte für den SPD-Spitzenkandidaten Olaf Scholz so gut wie gar nicht auf seine Wahlaussichten auswirken.

Scholz erhält von den drei Kanzlerkandidaten in Bezug auf Kompetenz die beste Bewertung. Gleichzeitig glauben aber nur wenige, dass er den Kurs seiner Partei bestimmt. Das ist ein Grund, warum er bei der Frage nach der Kanzlerpräferenz mit knapp 20 Prozent weit hinter Armin Laschet zurückliegt.

Ginge es nach den Entscheidern, wäre die Wahl Laschets wohl ausgemachte Sache.

Die Präferenz für Laschet ist mit gut 60 Prozent eindeutig. Dabei ist natürlich auch zu berücksichtigen, dass die Führungsspitzen aus der Wirtschaft ganz ausgeprägt zu den Unionsparteien tendieren und nur eine Minderheit zur SPD. Die große Mehrheit wünscht sich daher eine CDU-geführte Regierung. Dabei wird jetzt wieder Schwarz-Gelb favorisiert, während vor einem halben Jahr noch Schwarz-Grün populärer war.

Im Übrigen haben die Entscheider offensichtlich etwas andere Prioritäten für die nächste Bundesregierung...

Hier steht die Digitalisierung mit weitem Abstand ganz oben auf der Liste, gefolgt von der Wirtschaftspolitik. Erst auf dem dritten Rang folgen Umwelt- und Klimapolitik.



Neueste Artikel