Kolumne Nur eine Delle in der Amazon-Erfolgskurve

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
© Martin Kress
Die Gewinne von Amazon brechen ein – und einige Kleinaktionäre verfallen prompt in Panik. Dafür gibt es jedoch eigentlich keinen Grund

Tausende von Hamburgern fanden diese Woche ausnahmsweise Printwerbung vom größten Onlinehändler der Welt in ihrem Briefkasten: ein kleines Faltblatt mit einem 20-Euro-Gutschein für Amazon Fresh, den Lebensmitteldienst des Konzerns. Ein kleines Beispiel für das, was Amazon-Chef Andy Jassy am letzten Donnerstag bei der Vorstellung der neusten Quartalszahlen in den großen Rahmen rückte: Nicht die Optimierung der kurzfristigen Gewinne, sondern das langfristige Wachstum steht in Seattle weiterhin auf Platz eins der Prioritätenliste.

Dass sich die Gewinne im abgelaufenen Quartal gegenüber dem Vorjahr halbierten und auch im wichtigen Jahresendgeschäft unter Druck bleiben dürften, sollte man nicht überbewerten. Der nachbörsliche Sturz der Amazon-Aktie am Donnerstag ist bei der äußerst hohen Bewertung des Papiers zwar verständlich. Aber Grund zur Panik gibt es nicht. Die Erfolgskurve von Amazon scheint ungebrochen.

Neue Konkurrenten für Amazon

Natürlich müssen die Amerikaner wie viele andere Konzerne auch kurzfristig höhere Lieferkosten und Frachtraten wegstecken und viele Logistikprobleme lösen. Doch diese Belastungen dürften sich mit einiger Sicherheit als vorübergehend erweisen. Und es ist richtig, dass Amazon trotz dieser Zusatzkosten nicht an Investitionen spart. Auch um sich neuer Konkurrenten aller Art zu erwehren – wie beispielsweise den neuen Lebensmittellieferdiensten, die überall an den Start gehen.

Wie wichtig langfristige Investitionen sind und wie sie sich am Ende auch bezahlt machen, zeigt die zweite starke Säule des Amazon-Geschäftsmodells: der Cloud-Anbieter AWS, der anderen Unternehmen Speicherplatz und IT-Dienste über das Internet anbietet. In diesem Bereich stiegen die Umsätze im letzten Quartal um 39 Prozent und auch die hohen Gewinnmargen konnte der Konzern trotz wachsender Konkurrenz verteidigen. Wer hätte es vor zehn Jahren für möglich gehalten, dass ein Handelskonzern auch in der ganz anders gestrickten Welt der Cloud-Dienste ganz an die Spitze gelangen könnte?

Wachstum und nochmals Wachstum

Der neue Amazon-CEO Andy Jassy, der sich die großen Stiefel der Gründerikone Jeff Bezos überstreifen musste, verdiente sich seine Sporen bei AWS. Man kann davon ausgehen, dass ihm die Cloud-Sparte weiterhin besonders am Herzen liegt. Aber auch im Handel dürfte der neue Mann an der Spitze seine eigenen Akzente setzen. Bezos war zuletzt nur noch mit halbem Herzen bei der Sache und verfolgte zahlreiche andere Projekte. Bei Jassy liegt offenbar der ganze Fokus auf dem Amazon-Geschäft. Möglicherweise wiederholt sich bei Amazon die Geschichte von Apple, wo erst die Erben des großen Visionärs Steve Jobs nachhaltige Erfolge erzielten.

In der Grundphilosophie aber findet man kaum Unterschiede zwischen Bezos und Jassy: Beide setzen auf Wachstum und nochmal Wachstum. Kurzfristig sorgt das immer wieder für Dellen in den Bilanzen. Langfristig aber funktioniert die Strategie bis jetzt.

Bernd Ziesemerist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


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