KommentarNicht nur sauber, sondern mies

Christian Schütte

Christian Schütte schreibt an dieser Stelle über Ökonomie und Politik


Nicht jeder Einkauf hält, was er im Test verspricht. Als der 1. FC Köln zum Beispiel 1965 den Serben Srdjan Čebinac unter Vertrag nahm, hatte der im Probetraining überzeugt. Seine Leistung im Ligaalltag war dann aber so mäßig, dass er nur dreimal eingesetzt wurde. In den Kölner Fußballannalen steht seither der schlimme Verdacht, dass zum Probetraining vielleicht gar nicht Srdjan selbst angetreten war – sondern sein deutlich talentierterer Zwillingsbruder Zvezdan.

Bei VW muss jetzt nicht mehr schlimm verdächtigt werden. Der Konzern ist ja voll geständig: Die Dieselfahrzeuge, die in Amerika die Abgastests durchliefen, waren technisch eben nicht ganz identisch mit denen, die danach von den Kunden gefahren wurden. Software erkannte die Testsituation und veränderte daraufhin die Steuerung des Motors.

Das ist krimineller Betrug, für den Volkswagen jetzt mit Milliarden haften muss. Recht so!

Bei aller Empörung sollte allerdings eines klar bleiben: Der Betrug besteht darin, dass die Technik auf dem Prüfstand nicht genauso funktionierte wie auf der Straße. Wenn Srdjan getestet wird, darf eben nicht Zvezdan antreten. Jeder Autohersteller hat zu garantieren, dass keine „Abschaltsysteme“ wirken oder etwas anderweitig präpariert oder ausgetauscht wird.

Dafür, dass der Test selbst realitätsnah und aussagekräftig ist, sind die Getesteten aber nicht zuständig. Dafür haften allein diejenigen, die über Prüfbedingungen, Testvorschriften oder eben über die Übungen im Probetraining entscheiden.

Trockenwäsche für jeden Pelz

Zu dem üblen Betrug von VW kommt deshalb auch ein übles Versagen der Politik. Wenn Verbraucher jetzt plötzlich erfahren, dass auch völlig korrekt getestete, manipulationsfreie  Produkte die versprochenen Eigenschaften unter Alltagsbedingungen überhaupt nicht besitzen, dann liegt die Verantwortung dafür bei den Testgestaltern. Und zwar erst recht, wenn sich dann auch noch herausstellt, dass solche Diskrepanzen in der Fachwelt schon seit Jahren bekannt sind. Glaubt man einigen grünen Kritikern, dann ist die Abweichung zwischen zertifizierten und realistischen CO2-Emissionen in den vergangenen zehn Jahren von gut zehn auf fast vierzig Prozent gestiegen.

Selbstverständlich machen die Hersteller das, was schon Schüler für ihre Klausur machen: Sie versuchen, möglichst das zu optimieren, was „drankommt“.  Und selbstverständlich versuchen sie über ihre Lobbyarbeit auch, möglichst vorteilhafte Testbedingungen herauszuschlagen. 

Beides entlässt die Politik aber nicht aus ihrer Verantwortung. Der Verdacht liegt nahe, dass bei den Abgaswerten nur dasselbe passiert ist wie auf vielen anderen politischen Feldern auch: Ehrgeizigste Finanz-, Bildungs- oder Umweltziele werden verkündet – aber weil diese Ziele in Wahrheit nur zu sehr hohen Kosten (und manchmal überhaupt nicht) erreichbar sind, lässt man zur Not halt etwas locker und passt die Methoden  der Erfolgsmessung an. Fertig ist der perfekte Kompromiss: Wenn man nur geschickt genug beim Messverfahren ist, lässt sich noch jeder Pelz waschen, ohne ihn nass zu machen.

Dafür ist dann nicht einmal Betrug mit irgendeinem Zwillingstrick nötig.