ExklusivMünchner Polizei ermittelte schon 2015 gegen Marsalek

Im Bild die Akte eines Mitglieds im Untersuchsausschuss mit dem Fahndungsfotos von Jan Marsalek des Polizeipräsidiums München auf dem Deckel.
Behörden weltweit suchen nach dem früheren Wirecard-Manager Jan Marsalek - auch Zielfahnder des Polizeipräsidiums München. Dort liefen schon 2015 kurzzeitig Ermittlungen gegen MarsalekIMAGO / Jürgen Heinrich

Nach Hinweisen der US-Regierung hat die Münchner Kriminalpolizei bereits im Sommer 2015 gegen den damaligen Wirecard-Vorstand Jan Marsalek und andere Topmanager des Konzerns ermittelt. Das geht aus Ermittlungsakten hervor, die Capital vorliegen. Dabei ging es um mögliche Beihilfe zu unerlaubtem Glücksspiel durch eine Konzerntochter von Wirecard. Die Ermittlungen in Deutschland wurden jedoch nach kurzer Zeit mangels Tatverdacht beendet. Marsalek gilt heute als Mastermind des Bilanzbetrugs bei dem insolventen Zahlungsdienstleiser und wird weltweit gesucht.

Den Akten zufolge hatte das US-Justizministerium den deutschen Behörden zuvor in einem Rechtshilfeersuchen Erkenntnisse über illegale Aktivitäten der Wirecard-Tochter Click2Pay geliefert. Bei Click2Pay handelte es sich um einen Softwareanbieter für Geldtransfers im Internet, über den auch große Pokerwebsites in den USA die Zahlungen von Spielern abwickelten. Laut den US-Glücksspielgesetzen waren solche Transaktionen illegal. Click2Pay hatte daher eine Methode entwickelt, um verbotene Zahlungen zu verschleiern, und war jahrelang eine wesentliche Ertragsquelle für Wirecard.

Erst Ermittlungsstopp, dann Razzia

Wie aus den Akten hervorgeht, ermittelte nach den Hinweisen der Amerikaner eine Kriminalhauptkommissarin im Polizeipräsidium München wegen des Verdachts der Beihilfe zur unerlaubten Veranstaltung eines Glücksspiels gegen vier Wirecard-Manager, die auch als Firmenverantwortliche bei Click2Pay dienten – darunter Marsalek. Bei Abfragen in bayerischen Polizeiregistern stieß sie auf zahlreiche Vorgänge mit Bezug zu Online-Glücksspiel, bei denen Click2Pay als Zahlungssystem genutzt wurde.

Im August 2015 verfasste die Kommissarin deshalb einen Antrag, um beim Amtsgericht München einen Durchsuchungsbeschluss für die Geschäftsräume von Click2Pay in der Aschheimer Wirecard-Zentrale zu erwirken. Die Zahlungssoftware Click2Pay werde von Wirecard „überwiegend angeboten, damit Kunden damit auf Glücksspielplattformen Zahlungen leisten können“, schrieb sie in ihrem Antrag. Mitte September verfügte dann jedoch ein Staatsanwalt der Staatsanwaltschaft München I, die Ermittlungen zu beenden. Es gebe keinen „begründeten Tatverdacht“ gegen Marsalek und die weiteren beschuldigten Wirecard-Manager, hieß es in seiner Einstellungsverfügung.

Allerdings führte die Staatsanwaltschaft München I dann im Dezember 2015 im Rahmen einer Rechtshilfe für die US-Regierung doch eine Razzia in der Wirecard-Zentrale durch, wie die Behörde schon früher bestätigt hat. Zu der Frage, ob es sich dabei um den gleichen Vorgang handelte wie im Sommer, wollte sie sich jetzt nicht äußern. Die US-Regierung habe um „strikte Vertraulichkeit“ gebeten, erklärte eine Sprecherin.

Die neue Capital erscheint am 18. März

Nur wenig später, ab Ende Februar 2016, erschienen im Internet mehrere Berichte einer bis dahin unbekannten Researchfirma namens Zatarra, die schwere Geldwäschevorwürfe gegen Wirecard erhob. Darin gab es auch detaillierte Angaben, mit welchen Tricks Click2Pay verbotene Zahlungen für Glücksspiel-Websites abgewickelt hat. Nach der Veröffentlichung ging die Staatsanwaltschaft München I wegen des Verdachts der Marktmanipulation gegen die anonymen Zatarra-Autoren und eine Reihe von Investoren vor, die im Umfeld der Berichte mit Leerverkäufen auf Kursverluste bei Wirecard gewettet hatten. Grundlage der Ermittlungen war unter anderem eine Strafanzeige der Finanzaufsichtsbehörde Bafin.

Auf die Frage, warum die Erkenntnisse der US-Strafverfolgungsbehörden aus dem Sommer 2015 und die Hinweise in den Zatarra-Berichten wenige Monate später im Fall Click2Pay nicht auch zu weitergehenden Ermittlungen gegen Wirecard-Verantwortliche geführt haben, erklärte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft: Verstöße gegen US-Glücksspielgesetze seien in Deutschland „nicht strafbar“. Darüber hinaus seien in den Zatarra-Berichten auch nur „mögliche Taten bis 2011“ aufgeführt worden. „Straftaten nach deutschem Recht wären also verjährt gewesen“, betonte die Sprecherin weiter.

Dagegen wirft der Linke-Abgeordnete Fabio De Masi den Ermittlern schwere Versäumnisse vor. „Die Staatsanwaltschaft München scheint ein Teil des Problems zu sein. Es gab immer wieder Hinweise, dass Wirecard illegale Zahlungen für Onlineglücksspiel abwickelte“, sagte der Finanzexperte, der auch im Wirecard-Untersuchungsausschuss des Bundestags sitzt. De Masi verwies darauf, dass sich auch der frühere bayerische Polizeipräsident Waldemar Kindler für weitere Glücksspielkonzessionen eingesetzt und für Wirecard lobbyiert habe, ebenso wie die beiden ehemaligen Regierungschefs von Hamburg und Schleswig-Holstein, Ole von Beust und Peter Harry Carstensen (beide CDU). „Die Glücksspiel-Lobby in Deutschland ist ein Krebsgeschwür“, sagte De Masi.

Rechtshilfeersuchen zurückgezogen

Etwas mehr als drei Jahre, nachdem die Amerikaner die deutschen Behörden um Unterstützung gebeten hatten, zogen sie dann ihr Rechtshilfeersuchen wieder zurück, wie das bayerische Justizministerium auf Anfrage von Capital bestätigte. Nach Angaben eines Ministeriumssprechers hatte es zuvor einen juristischen Streit gegeben. Wirecard-Vertreter hatten gegen die Entscheidung der Staatsanwaltschaft München geklagt, ihnen wie von der US-Regierung gewünscht die Einsichtnahme in die übermittelten Akten der US-Behörden zu verwehren. Nach einem Beschluss des Oberlandesgerichts München am 10. September 2018 hätten die Amerikaner dann ihr Ersuchen zurückgenommen, „um die Vertraulichkeit der von dort übersandten Dokumente weiterhin zu gewährleisten“, erklärte ein Sprecher des Justizministeriums. Zu weiteren Details des Rechtshilfeverfahrens wollte er sich unter Verweis auf die „Pressehoheit“ der US-Regierung nicht äußern.

Im Herbst 2019 reiste eine hochrangige Wirecard-Delegation dann in die USA. Anfang Oktober veranstaltete der Konzern einen Investorentag in New York, an dem allerdings in erster Linie Mitarbeiter und Analysten teilnahmen, wie die US-Investorin Fahmi Quadir gegenüber Capital sagte. Auch Quadir war bei dem Termin in Manhattan anwesend. Nach ihren Angaben war der Wirecard-Vorstand fast komplett vertreten: Konzernchef Markus Braun, Finanzvorstand Alexander von Knoop und Produktvorstand Susanne Steidl. Nur einer aus dem Topmanagement fehlte in New York: Jan Marsalek.

 


Die ausführliche Analyse zur Rolle der Ermittlungsbehörden im Fall Wirecard erscheint in Capital 4/2021. Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes und GooglePlay