ReedereiMSC - der Ozeanriese

Ein schwimmendes Hochhaus, strahlend weiß: Die „MSC Grandiosa“, das jüngste Flaggschiff der Reederei, hat in Hamburg angelegt
Ein schwimmendes Hochhaus, strahlend weiß: Die „MSC Grandiosa“, das jüngste Flaggschiff der Reederei, hat in Hamburg angelegtNikita Teryoshin

Ein blauer Teppich, sicher 100 Meter lang, daneben aufgereiht Männer und Frauen in blau-weißen Hosen und Jacken, am Ende eine kleine Bühne für das Publikum – und natürlich das Schiff: strahlend weiß, ein schwimmendes Hochhaus, so lang, dass man kein Ende sieht. Gianluigi Aponte kommt allein, gefolgt in einigem Abstand von drei Leibwächtern, alle mit Knopf im Ohr. Dunkler Anzug, dunkler Mantel, mit festem Schritt geht er über den blauen Teppich, der Blick geradeaus, kein Lächeln, kein Nicken – wie ein Staatsbesuch. Vor der Bühne stellt sich Aponte mit dem Rücken zum Publikum und blickt empor zu seinem neuesten Familienmitglied: der „MSC Grandiosa“, dem jüngsten Schiff in seinem Reich.

Es ist der Tag der Schiffsübergabe; ein Morgen Ende Oktober in Saint-Nazaire, einem Hafenstädtchen an Frankreichs Atlantikküste, das nur aus einer Werft zu bestehen scheint. Die Zeremonie ist Teil eines Spektakels und einer Choreografie, die gut eine Woche später im Hamburger Hafen enden wird, mit 1700 Gästen, Tausenden Schaulustigen, Lichtshow, Feuerwerk und Benefizkonzert in der Elbphilharmonie.

Alles für ein neues Schiff von MSC, 331 Meter lang, 67 Meter hoch, eine schwimmende Kleinstadt für 6334 Passagiere und 1704 Crewmitglieder mit 2440 Kabinen, rund 1 Mrd. Euro teuer.

MSC, die Mediterranean Shipping Company, ist als Konzern ein Ozeanriese. Weltmacht in der Containerschifffahrt, die zweitgrößte Reederei überhaupt hinter Maersk, im Geschäft mit der Kreuzfahrt liegt man auf Platz vier und schält sich gerade auf Platz drei – allerdings mit einigem Abstand zu der mächtigen Carnival Corporation (Aida, Costa) und Royal Caribbean Cruises. Doch MSC wächst rasant und lässt seit Jahren immer neue Superlative vom Stapel, schwimmende Paläste, noch größer, noch schöner, noch pompöser. Der Mann dahinter, Gianluigi Aponte, indes ist ein Phantom, nahezu unbekannt, genau wie seine Fa­milie. Sie tauchen nur auf, wenn neue Schiffe gebaut und getauft werden; in wuchtigen Inszenierungen wie an diesem wolkenverhangenen Tag in Frankreich.

Die Liturgie dieser Weihe ist minutiös geplant: Aponte steht nun vor seinem Schiff. Allein, minutenlang, der Künstler und sein Werk; hinter ihm das Publikum, vor ihm der mächtige Bug, über dem schon eine große Champagnerflasche baumelt. Stille. Der Wind weht eine feucht-kühle Brise herüber. Es erscheint Apontes Tochter Alexa auf dem blauen Teppich, ebenfalls allein. Dann mit einigem Abstand ihr Mann, flankiert von Managern. Schließlich Apontes Frau Raffaela, am Arm eines Leibwächters. So steht die Familie zusammen – feierlich schweigend, umgeben nur von wenigen Freunden und Mitarbeitern. Die restlichen Gäste bleiben hinter den roten Absperrbändern.

Ein Moderator übernimmt jetzt die Zeremonie, bittet den Chef der Werft und dann Aponte auf die Bühne. Als die französische Flagge und die der Werft eingeholt und die Flaggen von MSC und Malta gehisst werden, erklingen die Nationalhymnen. Er danke allen, die an diesem Schiff mitgewirkt hätten, sagt Aponte schließlich, den Arbeitern der Werft, den Ingenieuren, den Banken, und seiner Tochter Alexa, auch sie sei „grandiosa“. Daher möge nun auch sie dieses Schiff taufen.

Dramatische Musik, Alexa zerschneidet das Band, die Champagnerflasche saust herunter, Jubel, Seifenblasen – jetzt erst lockert sich die Stimmung. Händeschütteln, Schulterklopfen, die Arbeiter machen Selfies, auch mit Aponte – und erstmals löst sich seine strenge Miene, er lächelt zufrieden, wie auf einer Familienfeier. Und nichts anderes als eine Familienfeier ist diese Zeremonie. Die Familie bedeutet alles bei MSC, ihr gehört der Konzern, sie steuert ihn, sie lenkt die Geschicke.

Und diese sind eine Expansion unter Volldampf. MSC ist mit 493 Büros in 155 Ländern aktiv, beschäftigt 70.000 Angestellte, 520 Containerschiffe fahren unter der Flagge der Apontes. Die Kreuzfahrtsparte hat allein 30.000 Angestellte und betreibt 17 Schiffe, bis 2027 sollen es 25 werden. Die Summe des letzten Investmentplans: stolze 11,6 Mrd. Euro.