ManagementTalente in die Provinz

Ganz schön hier, eigentlich. An den Hängen wächst dichter Fichtenwald, im Tal windet sich ein Flüsschen durch den Dorfkern, an der Hauptstraße bürstet eine Frau ihren Gartenzaun. In Glatten ist die Welt in Ordnung. Für ein 2300-Einwohner-Örtchen im tiefsten Nordschwarzwald ist die Infrastruktur sogar bemerkenswert intakt: Es gibt eine Apotheke, zwei Bäcker, selbst ein Tattoo-Studio. Im Landkreis bewegt sich die Arbeitslosenquote auf drei Prozent zu. Im Neubaugebiet Beckenacker kostet der Quadratmeter Bauplatz gerade mal 80 Euro.

„Man kann hier leben“, findet Kurt Schmalz, geschäftsführender Gesellschafter des gleichnamigen Familienunternehmens, das seit 1910 in Glatten beheimatet ist. Mit Vakuumtechnik setzte der Mittelständler vergangenes Jahr 150 Mio. Euro um, weltweit beschäftigt er 1200 Mitarbeiter, 700 davon in Glatten. Aus dem spartanisch eingerichteten Chefbüro blickt Schmalz auf die Pferdekoppeln des benachbarten Reiterhofs.

Doch der Unternehmer weiß, dass das Schwarzwald-Idyll längst zum Standortnachteil geworden ist. Junge, gut ausgebildete Ingenieure oder Entwickler wollen immer seltener aufs Land ziehen. Der Ballungsraum Stuttgart ist zwar nur anderthalb Stunden von Glatten entfernt – aber dort werben schon Weltkonzerne wie Daimler, Bosch oder Trumpf um die Spezialisten.

Suche nach Digital-Spezialisten

Der Fachkräftemangel treibt Mittelständler bereits seit einigen Jahren um. Nun aber verschärft sich das Problem: Die Digitalisierung ist im Mittelstand angekommen, neue Fähigkeiten sind gefragt – und die sind abseits der Metropolen schwer zu bekommen. Auch ein Produzent von Vakuum-Schlauchhebern wie Schmalz braucht jetzt Nerds, die Apps entwickeln, große Datenmengen auswerten oder den Vertrieb E-Commerce-fähig machen.

34 Prozent der mittelständischen Unternehmen sehen wegen der Digitalisierung einen erhöhten Bedarf an Fachkräften, hat jüngst eine Umfrage der Genossenschaftsbanken ergeben. Und die KfW ermittelte, dass 28 Prozent der Industrieunternehmen zwar gern mehr digitalisieren würden, fehlendes Fachpersonal sie aber daran hindert.

„Die Leute, die man kriegt, passen meistens nicht“, sagt die Personalberaterin Katharina Wolff. „Die Digital-Spezialisten wohnen nicht in Duisburg oder Würzburg.“ Und erst recht nicht im Nordschwarzwald. Bei Wolffs Agentur D-Level, die auf die Vermittlung digitaler Fachkräfte spezialisiert ist, werden mehr und mehr Mittelständler vorstellig, die bei der Stellenbesetzung Hilfe brauchen.

Besonders stark nachgefragt sind Anwendungsentwickler und IT-Sicherheitsberater. Das hat eine Auswertung des Karrierenetzwerks LinkedIn im Auftrag von Capital ergeben. LinkedIn hat sämtliche Stellenangebote mit Digitalbezug untersucht, die Unternehmen mit weniger als 5000 Mitarbeitern in den vergangenen anderthalb Jahren dort eingestellt haben. Von den insgesamt über 55.000 Stellengesuchen entfielen 19.000 auf Entwickler und 17.000 auf IT-Sicherheitsexperten. Jeweils etwa 6000-mal wurden Stellen für Data Scientists, Cloud-Entwickler und Spezialisten für digitales Marketing ausgeschrieben.

Wolfgang Schmalz
Wolfgang Schmalz und sein Bruder übernahmen das Unternehmen 1984 vom Vater
© Daniel Delang

„Der Bedarf steigt deutlich“, sagt der Mittelständler Schmalz, „weil wir unseren Kunden über rein mechanischen Nutzen hinaus digitale Angebote bieten wollen. Dafür müssen wir Menschen finden. Und das ist ein Kampf.“

Um in dem heiß laufenden Kandidatenmarkt zu bestehen, verwöhnt Schmalz seine Mitarbeiter mit einer ganzen Palette von Zusatzleistungen: Angestellte bekommen eine Gewinnbeteiligung, Prämien für innovative Ideen und, bei entsprechender Performance, bis zu 15 Monatsgehälter; sie können sich an der „Schmalz Academy“ beruflich weiterbilden oder Koch- und Sportkurse belegen; es gibt eine Betriebskita („Schmalz Kinderwelt“) und im Sommer ein Ferienprogramm für Schulkinder, Massage und seit Kurzem die Möglichkeit, E-Bikes auszuleihen; wer psychologischen Rat sucht, kann die firmeneigene Lebenslagen-Unterstützung nutzen; auf dem Werksgelände wurden die „Schmalz Gartenanlage“ und ein Beachvolleyballfeld eingerichtet.