GastbeitragMit einem Management-Audit zur Restrukturierung

Unter den Öffnungszeiten eines Geschäftes steht der Schriftzug
Unter den Öffnungszeiten eines Geschäftes steht der Schriftzug "Geschlossen für immer".imago images / Steinach

Stephan Lang, Partner bei Indigo Headhunters

Laut der letzten DIHK-Corona-Blitzumfrage unter mehr als 13.000 Unternehmen sieht sich derzeit jeder elfte der Befragten von einer Insolvenz bedroht, 80 Prozent davon Kleinunternehmen. Und auch die Anzahl der Insolvenzen von Unternehmen mit einem Umsatz von mindestens 20 Mio. Euro lag bereits Ende des dritten Quartals über der Gesamtzahl des Vorjahres.

Was also passiert 2021? Greifen die staatlichen Maßnahmen, oder rollt die Insolvenzwelle aufgrund der staatlichen Hilfen lediglich mit Verzögerung an? In der öffentlichen Wahrnehmung sind in erster Linie die Probleme im Hotel- und Gastgewerbe präsent. Doch Rationalisierungsmaßnahmen, der Abbau von Arbeitsplätzen und nicht ausgelastete Produktionskapazitäten können in vielen Branchen Realität werden, insbesondere im Mittelstand. Auch das Münchner ifo-Institut geht von einer deutlichen Rezession aus, abhängig davon, wie lange die Einschränkungen des öffentlichen Lebens anhalten.

Gut ausgestatteter Werkzeugkoffer

Der Staat hat viele Möglichkeiten: Aussetzung der Insolvenzantragspflicht, Kurzarbeitergeld, KfW-Direktkredite, Bundes- und Landesbürgschaften, Wirtschaftsstabilisierungsfonds – bis hin zu möglichen Steuerstundungen und der Umsatzsteuersenkung. Nicht alle sind gleich wirksam. Die meisten Unternehmen versprechen sich wenig von der Umsatzsteuersenkung, viel hingegen von der Kurzarbeit.

Dementsprechend intensiv wird sie genutzt: Das Arbeitsministerium hat bereits über 18 Mrd. Euro an Kurzarbeitergeld ausbezahlt, und es befinden sich aktuell immer noch 2,6 Millionen Menschen in Kurzarbeit. Sicherlicht konnten Unternehmen auf diesem Weg Insolvenzen vorläufig abwenden, die Notwendigkeit für Kostensenkungsmaßnahmen und Restrukturierungen bleibt aber in sehr vielen Fällen weiter bestehen.

Problem: Das Instrument wird auf 2021 ausgeweitet und hält zusammen mit Überbrückungshilfen, Notkrediten und niedrigen Zinssätzen Unternehmen am Leben, die aus eigener Kraft schon nicht mehr lebensfähig wären – der Begriff des „Zombie-Unternehmens“ macht die Runde. Die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht für überschuldete Unternehmen tut ein Übriges. Unternehmen, die eigentlich schon Insolvenz anmelden müssten, wirtschaften auf Kosten des Staates weiter, obwohl der operative Gewinn für Zins und Tilgung nicht ausreicht.

Letzte Ausfahrt Restrukturierung

Die Gefahr von Mitnahme-Effekten steigt dabei, je länger die Situation andauert und ohne konkrete Bedingungen Hilfszahlungen fließen. Sollte das Zinsniveau steigen oder die Hilfsprogramme zurückgefahren werden, so dürfte die Luft für viele Unternehmen schnell sehr dünn werden. Unternehmenslenker können dann nur noch die Stundung der Tilgungen vereinbaren, um so handlungsfähig zu bleiben und die Restrukturierung in Angriff zu nehmen.

Flankierend setzt die Politik auf die EU-Richtlinie zur präventiven Sanierung, die 2021 in deutsches Recht umgesetzt werden soll. Sanierungswerkzeuge sollen demnach bereits vor Eintritt der Insolvenzreife eingesetzt werden können. Unternehmen sollen mit eigenverantwortlichen Sanierungsmaßnahmen frühzeitig die Bilanzstrukturen positiv verändern können und somit den Insolvenzfall vermeiden.

Erfolgsfaktor Führung

Ab Januar ist also mit einer deutlichen Zunahme von Insolvenzfällen zu rechnen, und die Welle dürfte zumindest bis Mitte des Jahres kaum abebben. Kanzleien, Wirtschaftsprüfer, Insolvenzverwalter und Restrukturierungsberater bringen sich bereits seit Monaten in Stellung für das erwartete Zusatzgeschäft.

Neben den externen Beratern rückt dabei auch die Führungsriege des in Schieflage geratenen Unternehmens ins Blickfeld. Neue Abläufe, neue Produkte und Dienstleistungen, im Extremfall sogar neues Geschäftsmodell – wieviel „Change“ kann das bestehende Team leisten? Die Führungskräfte müssen den Wandel aktiv vorantreiben, sie müssen eigene Vorbehalte überwinden und die gesamte Belegschaft motivieren und auf dem Weg mitnehmen. Und das, obwohl der Erfolg alles andere als sicher ist.

Immer öfter drängen deshalb Eigentümer oder Aufsichtsgremien auf eine Erhebung der im Managementteam vertretenen Kompetenzen und Fähigkeiten, ein sogenanntes Audit. Es bringt Aufschluss darüber, ob die Faktoren für ein Gelingen der Restrukturierung gegeben sind oder nicht. Ein mögliches Ergebnis eines solchen Audits kann sein, bestimmte Aufgaben im Team umzuverteilen, eine andere Option ist die gezielte Suche nach den fehlenden Kompetenzen und Erfahrungen außerhalb des Unternehmens – auf Zeit oder dauerhaft. Schließlich können auch externe Berater nur dann eine Sanierung zum Erfolg bringen, wenn sie sich auf eine tatkräftige und entschlossene Führungsmannschaft verlassen können.

 


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