InterviewPleitewelle: „Es herrscht eine auffällig unauffällige Ruhe“

Mann mit rotem T-Shirt mit der Aufschrift Stoppt die Pleitewelle
Demo der Veranstaltungswirtschaft: Die Branche fürchtet eine Insolvenzwelleimago images / Michael Schick

Capital: Deutschland steckt in der tiefsten Rezession der Geschichte. Dennoch gibt es dank der umfangreichen Hilfspakete der Bundesregierung bislang nur wenige Insolvenzen. Wie bewerten Sie die Situation?

Christopher Seagon ist Partner der Sozietät Wellensiek und seit mehr als 25 Jahren mit Sanierungen und Insolvenzen befasst

CHRISTOPHER SEAGON: Derzeit herrscht eine auffällig unauffällige Ruhe. Der Bundesregierung ist es gut gelungen, den Ad-hoc-Absturz der deutschen Wirtschaft abzumildern. Die Hilfsprogramme und Änderungen im Insolvenzrecht waren auch wichtig, um einen Insolvenz-Tsunami zu vermeiden. Die Frage ist jetzt, ob die bisherigen Entscheidungen auf Dauer verhindern können, dass die Zahl der Insolvenzen deutlich ansteigt und grundsätzlich überlebensfähige Geschäftsmodelle es nicht in die Zukunft schaffen.

Stehen die Unternehmen schon Schlange bei Ihnen?

Wir haben uns auch vor Corona nicht gelangweilt. Viele Unternehmen steckten schon davor in einer angespannten Situation – beispielsweise in der Automobilzuliefererbranche oder im stationären Einzelhandel. Für Branchen wie diese, in denen tiefgreifende Transformationsprozesse ablaufen, wirkt die Pandemie jetzt wie ein Brandbeschleuniger. Je länger die Krise dauert, desto mehr Unternehmen bekommen Probleme mit der Liquidität. Wir stellen fest, dass auch der Druck der Kreditgeber auf die Geschäftsführungen wächst, sich qualifiziert beraten zu lassen.

Worum geht es dabei?

In den ersten Krisenmonaten ging es den Unternehmen häufig um Beratung und Unterstützung bei den Hilfskrediten der KfW beziehungsweise den Sonderprogrammen der jeweiligen Bundesländer. Inzwischen geht es zunehmend um operative Sanierungsmaßnahmen und um Zugang zu frischem Eigenkapital. Viele Unternehmen haben festgestellt, dass die Kreditvergabe – auch aus den Sonderprogrammen – restriktiv gehandhabt wird.

Die Bundesregierung will die Ausnahmen im Insolvenzrecht noch einmal verlängern. Überschuldete Unternehmen, die nur wegen Corona in der Krise stecken, sollen bis Ende Dezember keine Insolvenz anmelden müssen. Was halten Sie davon?  

Die Verlängerung ist in der aktuellen Situation grundsätzlich richtig. Allerdings sollte die gewonnene Zeit jetzt auch genutzt werden, um die EU-Richtlinie für den präventiven Restrukturierungsrahmen umzusetzen. Dabei handelt es sich um ein Verfahren, mittels dem eine frühzeitige Sanierung von Firmen ohne Einschaltung eines Insolvenzgerichts eingeleitet werden kann. Dieses Instrument könnte vielen Unternehmen einen Neustart ermöglichen und verhindern, dass es zu einer großen Insolvenzwelle kommt, sobald die Ausnahmen bei der Insolvenzantragspflicht auslaufen. Darüber hinaus sollte auch darüber nachgedacht werden, die Antragsfristen für Insolvenzanträge zu verlängern. Nach dem zurzeit ausgesetzten Recht müssen Geschäftsführer binnen drei Wochen nach Bekanntwerden eines Insolvenzgrundes zum Insolvenzgericht gehen. Das ist in der Praxis viel zu kurz. Denn es ist häufig nicht trivial zu ermitteln, ob beispielsweise eine Überschuldung vorliegt. Daher wäre eine deutlich längere Antragsfrist sinnvoll, denkbar wären etwa sechs Monate.

„Manche Geschäftsführer verstehen die Ausnahme im Insolvenzrecht als Freifahrtschein“

Christopher Seagon

Einige Ihrer Kollegen und manche Ökonomen warnen davor, die Sonderregeln im Insolvenzrecht zu verlängern. Sie fürchten, dass reihenweise Unternehmenszombies entstehen, wenn keine Firmen Pleite gehen können.

Um eine dauerhafte Verlängerung sollte es auf keinen Fall gehen, sondern um eine Brücke, bis mit dem präventiven Restrukturierungsrahmen ein weiteres Sanierungsinstrument bereitsteht. Denn natürlich führt die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht auch zu erheblichen Problemen. Manche Geschäftsführer verstehen die Ausnahme im Insolvenzrecht offenbar als Freifahrtschein: Wir kennen Fälle, in denen Unternehmen in der Corona-Pandemie noch wie vor der Krise geplant neue Anlagen bestellt haben, obwohl sie praktisch kein Geschäft mehr haben und nicht bezahlen können. Da reden wir dann über Eingehungsbetrug. Mit solchen Fällen muss vermehrt gerechnet werden, vor allem, wenn weiterhin so getan wird, als sei die Pflicht zum Insolvenzantrag bedingungslos und für alle ausgesetzt. Im Extremfall kommen Geschäftspartner bei solchen Zahlungsausfällen in Existenznöte, die von der Pandemie gar nicht oder wenig betroffen sind. Man vergisst zu rasch, dass funktionierendes Insolvenzrecht auch zum kalkulierbaren und verlässlichen Handelsverkehr gehört.

Wie lassen sich Firmenzombies verhindern?

Unternehmenszombies hat es schon vor Beginn der Corona-Krise gegeben. Viele dieser Zombies gibt es, weil wir auch in Deutschland nach der Finanzkrise unsere Hausaufgaben nicht gemacht haben und zu wenig auf Wettbewerbsfähigkeit und Wiederherstellung der sozial-marktwirtschaftlichen Ausgangsbasis geschaut haben – nicht zuletzt wegen der niedrigen Zinsen. Umso wichtiger ist es, dass die aktuellen Rettungspakete und Hilfen der Politik nicht zum Einstieg in eine Staatswirtschaft führen. Was wir brauchen, ist ein pandemiebedingter „Marshallplan“ für die deutsche Wirtschaft. Die Rückbesinnung auf sozial-marktwirtschaftliche Kriterien sollte dabei das Leitbild darstellen.

Gehören dazu aus Ihrer Sicht auch Staatsbeteiligungen an Unternehmen?

Als ein Element können auch staatliche Beteiligungsfonds dazu gehören – wie etwa der Wirtschaftsstabilisierungsfonds des Bundes oder ähnliche Instrumente auf Länderebene. Aber eines muss klar sein: Wenn sich der Staat mit Eigenkapital an Unternehmen beteiligt, muss er stets im Vorhinein eine Exitstrategie definieren. Und er muss darauf achten, dass die Unternehmen wettbewerbsfähig bleiben. Eine klar definierte Exitstrategie ist im Übrigen auch bei Unternehmenstreuhandschaften der entscheidende Faktor. Und der zweite Punkt des – nennen wir es „Pandemieexitplan“ – müssen Anreize für erfolgreiches Wirtschaften unter Pandemiebedingungen sein. Die Unternehmer müssen es als deutlich attraktiver erachten, eine harte Sanierung durchzustehen, um in einer neuen Wirtschaftsordnung unter Corona-Bedingungen auch wieder gutes Geld zu verdienen, als sich staatlicherseits finanzieren zu lassen und womöglich auf steuerfinanzierte Nachfinanzierungen zu hoffen, wenn der Restart dann doch nicht gelingt oder sich hinzieht.

„Deutschland hat exzellente Grundlagen, um gestärkt aus dieser Existenzkrise herauszukommen“

Christopher Seagon

Wenn es zu einer massiv steigenden Zahl an Insolvenzen kommen sollte – wie gut ist Deutschland auf eine solche Welle vorbereitet?

Sicherlich wird es in den kommenden Monaten eine höhere Zahl an Insolvenzen geben, wir kommen schließlich von einem unnatürlich niedrigen Niveau. Die Frage ist, wie gut die Instrumentarien sind, um damit umzugehen. Einen wichtigen Faktor mit einer zügigen Einführung des präventiven Restrukturierungsrahmens habe ich bereits erwähnt. Jedenfalls sind wir in Deutschland was die Rahmenbedingungen für einen Restart anbelangt, besser aufgestellt als beispielsweise in den USA. Man denke nur an unser Kurzarbeitergeld, gegen dessen erwiesene Errungenschaften bei der Überwindung volkswirtschaftlicher Krisen sich manch überforderter Amtsträger jenseits des Atlantiks immer noch wehrt. Deutschland hat zudem eine gut funktionierende Insolvenzjustiz und qualifizierte Sanierungsexperten und Insolvenzverwalter. Das war vor 30 Jahren noch anders. Deshalb haben wir schon die Folgen der Finanzmarktkrise gut bewältigt. Deutschland hat gemeinsam mit Europa aus Sicht der Restrukturierung exzellente Grundlagen, um gestärkt aus dieser bedrohlichen Existenzkrise herauszukommen.