Interview„Wir erleben in zahlreichen Sektoren eine unvorhersehbare Disruption“

Die Warenhauskette Galeria Karstadt Kaufhof schließt zahlreiche Läden, wie hier die Kaufhof-Filiale in Trierimago images / Jochen Tack

Als Berater für Restrukturierung und Sanierung helfen Sie Unternehmen, die überschuldet oder in Zahlungsschwierigkeiten sind. Wie schlimm ist es?

Martin Tasma ist Restrukturierungsexperte und Partner im Berliner Büro der Kanzlei Hengeler Mueller

MARTIN TASMA: So einen Schock wie Covid-19 hat sich niemand in unserer Branche ausmalen wollen. Die Marktakteure haben sich zwar in den vergangenen Jahren immer wieder gefragt, wann der Abschwung kommt und wir wieder mehr Insolvenz- und Restrukturierungsfälle sehen. Dabei sind aber alle von einem normalen konjunkturellen Abschwung mit einhergehenden Korrekturen am Markt ausgegangen. Jetzt werden wir auch in Deutschland Insolvenzen, Sanierungen und Übernahmen in erheblichem Ausmaß erleben. Das liegt auch daran, dass nach der Finanzkrise sehr viel Liquidität und zu sehr geringen Kosten vorhanden war. So konnten auch schwächer aufgestellte Unternehmen weiter am Markt bleiben, die nun von den Covid-bedingten Folgen getroffen werden.

Wann rechnen Sie mit der großen Pleitewelle?

Da müssen wir von Industrie zu Industrie unterscheiden. Falls die Covid-bedingte Aussetzung der Insolvenzantragspflichten in der ein oder anderen Form verlängert wird, wonach es momentan aussieht, mag zwar kurz Entspannung eintreten. Eine Insolvenz- und Restrukturierungswelle kommt dann zwar vielleicht nicht im Herbst, sie baut sich aber bis zum Frühjahr weiter auf.

Ist es sinnvoll, dass Insolvenzrecht nochmal zu verlängern?

So ein Aufschub birgt auch Gefahren. Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist es nicht von Interesse, notleidende Unternehmen ohne langfristig tragfähiges Geschäftsmodell oder nachhaltige Bilanzstruktur künstlich am Leben zu halten. Schwache Unternehmen werden letztlich ihre Substanz zu Ungunsten der Gläubiger weiter aufzehren. Bei einem früheren Gang in die Insolvenz können die Chancen für eine Restrukturierung oder für einen Verkauf bisweilen besser stehen.

Aber sobald eine Insolvenz öffentlich wird, hat das Unternehmen doch erst recht Probleme, Kunden wenden sich ab, Gläubiger bekommen Angst, Handelspartner stellen auf Vorkasse um.

Wir haben mit dem Insolvenzverfahren, um es mit einem vom Bundesfinanzminister geprägten Begriff zu sagen, nur eine „Bazooka“ im Waffenschrank, die leider auch Kollateralschäden verursacht. Uns fehlt im deutschen Recht bislang ein vorinsolvenzliches Sanierungsfahren, in dem Unternehmen beispielsweise Finanzverbindlichkeiten auch gegen den Willen einzelner Gläubiger restrukturieren können, ohne dass andere, gesunde Unternehmensbereiche von diesen Verfahren betroffen sind und Schaden nehmen. Entsprechende gesetzliche Rahmenbedingungen befinden sich aber nunmehr in Planung. Das stimmt zuversichtlich.

Was beobachten Sie im Moment?

Bei vielen Unternehmen ist Geschäft weggebrochen. Oft sind entstandene Umsatzeinbußen nicht nachholbar, während die Kosten weiterlaufen und so schnell nicht reduziert werden konnten. Diese Unternehmen laufen in ein massives Liquiditätsproblem hinein. Wenn sie die Lücken nicht vollständig durch Aufnahme von Fremd- oder Eigenkapital schließen können, werden sie unter anderem erwägen müssen, ihr Tafelsilber in Form von Unternehmensbeteiligungen zu veräußern. Solche Tafelsilber-Transaktionen sehen wir derzeit bereits.

Wen trifft es besonders hart?

Besonders betroffen sind insbesondere Bereiche wie Luftfahrt, Tourismus, Einzelhandel oder der Veranstaltungssektor, einschließlich Messe-, Kino- und Theatergeschäft. Die zugrundeliegenden Geschäftsmodelle setzen weitestgehend voraus, dass viele Menschen auf engem Raum zusammenkommen können. Die betroffenen Unternehmen fragen sich nun, ob die aktuellen Einbußen lediglich vorübergehender Natur sind oder ob ihr Geschäftsmodell durch die Corona-Pandemie grundsätzlich infrage gestellt ist. In letzterem Falle werden Unternehmen zum Marktaustritt gezwungen, wenn sie sich nicht kurz- bzw. mittelfristig neuerfinden.

Trifft die Unternehmen eine Mitschuld?

Den Unternehmern ist in den seltensten Fällen Misswirtschaft vorzuwerfen. Sie haben schlicht mit anderen Erwartungen an die Zukunft operiert. Wir erleben in zahlreichen Sektoren, wie Luftfahrt, Touristik, Einzelhandel oder Unterhaltung, eine unvorhersehbare Disruption. Geschäftskonzepte, die bislang bestens funktioniert haben, werden durch den Einbruch der Pandemie von Grund auf erschüttert, weil sich die Konsumeigenschaften der Menschen stark verändert haben. Unternehmen, die in der Vergangenheit Marktführer waren und eine wettbewerbsfähige Rendite erzielten, sind über Nacht zu Krisenkandidaten geworden, die ihr Geschäftskonzept grundlegend überdenken und verändern müssen, um unter diesen extrem veränderten Bedingungen zu überleben.

Wen sollten wir retten?

Ganz grundsätzlich gesprochen ist ausschlaggebend, inwieweit das jeweilige Geschäftsmodell in der Zeit nach Corona noch nachhaltig tragfähig ist. Branchen und Unternehmen mit weiterhin intaktem Geschäftsmodell werden sich nach dem rapiden Einbruch in den meisten Fällen wieder erholen können. Wie lange dieser Erholungsprozess dauern wird, kann man nicht pauschal vorhersagen. Hier muss man von Branche zu Branche und Unternehmen zu Unternehmen differenzieren.

Welche Konsequenzen sehen Sie für den M&A-Markt?

Auch der Markt für Fusionen und Übernahmen bleibt nicht unberührt. Viele Unternehmen halten ihr Geld zusammen. Für Akteure, die ihre Zukäufe stark fremdfinanzieren, wird es schwieriger, Transaktionen zu stemmen. Ein gewisser Teil wird aber dadurch kompensiert, dass einige Unternehmen Betriebsteile verkaufen müssen. Für strategische Investoren mit Liquiditätsreserven bieten sich in diesem Umfeld sicherlich auch gute Chancen für Zukäufe.

 


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