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Gerald Wissel „Nur mehr Personal kann ein Chaos an den Flughäfen verhindern“

Schon vor der Corona-Pandemie herrschte zu Spitzenzeiten Chaos an deutschen Flughäfen wie hier in Stuttgart. Jetzt erwarten Experten ähnliche Passagierzahlen – bei gleichzeitig zehn Prozent weniger Personal 
Schon vor der Corona-Pandemie herrschte zu Spitzenzeiten Chaos an deutschen Flughäfen wie hier in Stuttgart. Jetzt erwarten Experten ähnliche Passagierzahlen – bei gleichzeitig zehn Prozent weniger Personal 
© IMAGO/Eibner
Mit Abebben der Pandemie will die Tourismusbranche eigentlich wieder durchstarten. Im Interview erklärt Luftfahrtexperte Gerald Wissel, was Flughäfen und Airlines versäumt haben und worauf sich Urlauber einstellen müssen

Herr Wissel, nach zwei Jahren Pandemie gibt es einen regelrechten Ansturm auf Flüge. Doch anstatt, dass die Branche endlich wieder durchstartet, gibt es massive Flugstreichungen, Verspätungen und Warteschlangen. Wurde der Nachholbedarf völlig unterschätzt?

GERALD WISSEL: Ich glaube schon. Eigentlich ist bereits im vergangenen Jahr klar gewesen, dass es einen enormen Nachholbedarf, gerade bei Privatreisen, gibt. Die Menschen wollten fliegen, konnten es aber wegen der Corona-Restriktionen oftmals nicht. Überhaupt nicht kommen sehen haben es Airlines und Bodendienstleister allerdings auch nicht. Die Frage, die sich jetzt stellt: Wie viel Personal und Kapazität werden hochgefahren? Die Branche reagierte auf die steigende Nachfrage zunächst zögerlich, weil unklar ist, wie es mit Corona im Herbst und Winter weitergeht.

Hätte die Branche schon viel früher gegensteuern müssen?

Fluggesellschaften hätten schon viel früher damit beginnen können, Crews, die bislang in Kurzarbeit waren, wieder zu schulen. Dazu sind Piloten und die Kabinencrew nach einer längeren Auszeit verpflichtet. Auch die Flughäfen selbst hätten nach der großen Welle an Entlassungen wieder früher Personal einstellen müssen. Es sind nämlich nicht nur viele mit Beginn der Corona-Pandemie in Kurzarbeit gegangen, sondern viele haben ihren Job komplett verloren. Und es betrifft eben nicht nur alleine das Boden- und Sicherheitspersonal, die Cockpit- und Kabinencrews, sondern auch Techniker, die die Flugzeuge regelmäßig warten und dafür sorgen, dass das Flugzeug am nächsten Tag wieder einsatzbereit ist. Oder das Personal im Tower und bei der Flugsicherung und schlussendlich auch das Personal, welches die Schulungen und Qualifizierungen durchführen muss.

Worauf müssen sich die Urlauber einstellen?

An den deutschen Flughäfen wird es im Sommer chaotisch werden. Passagiere müssen mit langen Wartezeiten und Flugstreichungen rechnen. Genauso wird es aber auch zu Verzögerungen bei der Gepäckabfertigung kommen. Das kann dazu führen, dass Flugzeuge sich verspäten oder Gepäck erst gar nicht eingeladen wird und erst mit einem späteren Flug transportiert wird. Auch bei der Abholung des Gepäcks am Gepäcklaufband muss mit längeren Wartezeiten gerechnet werden.

Seit der Corona-Krise haben viele Beschäftigte der Branche den Rücken gekehrt. Wieso ist es so schwierig, schnell neue Mitarbeiter zu finden?

Gerade am Flughafen, bei den Airlines, den Wartungsunternehmen, dem Sicherheitspersonal oder den Bodenverkehrsdienstleistern, kann selbst qualifiziertes Personal nicht einfach von heute auf morgen anfangen. Jeder Mitarbeiter, der am Flughafen in einem sicherheitsrelevanten Bereich arbeitet, muss sich einer sogenannten Zuverlässigkeitsprüfung gemäß Luftsicherheitsgesetz unterziehen. Von dem Vorschlag von Verkehrsminister Volker Wissing, sein Ministerium könne dabei helfen, dass diese Prüfungen schneller erfolgen, halte ich allerdings gar nichts. Schließlich hat es ja auch einen Grund, warum diese Prüfungen so gründlich gemacht werden. Gleichzeitig kämpft der bestehende Personalstamm natürlich auch noch mit Corona. Wir beobachten durchaus immer noch eine hohe Krankenquote von Mitarbeitern, die nach einem positiven Corona-Test fünf Tage ausfallen.

Wie viel Personal fehlt denn eigentlich?

Das ist von Flughafen zu Flughafen unterschiedlich. Ich gehe aber davon aus, dass in der Branche über alle Bereiche hinweg mindestens 10 Prozent der Mitarbeiter fehlen beziehungsweise noch nicht wieder reaktiviert wurden.

Verschiedene Verbände wollen rund 2000 Leiharbeiter aus der Türkei holen, um Personallücken zu füllen. Kann das die Lösung sein? 

Personal aus dem Ausland kann sicherlich kurzfristig die Auswirkungen ein wenig abmildern. Aber es kann sie in diesem Sommer weder beseitigen noch kann es eine dauerhafte Lösung sein. Hinzu kommt, dass es nicht nur an qualifizierten Mitarbeitern, sondern auch an Schichtleitern, Lademeistern et cetera fehlt. Diese sind durch Corona ebenfalls massiv weggefallen und müssen nun schnellstens ersetzt werden. Was nützt es, wenn Sie zwar Mitarbeiter verfügbar haben, aber niemanden, der die Arbeit überwacht oder Tätigkeiten durchführen kann, die nur mit einer speziellen Qualifikation erbracht werden darf? 

Was muss passieren, damit die Arbeit attraktiver wird?

Bei der Müllabfuhr verdient man deutlich mehr als etwa die sogenannten Loader auf dem Vorfeld, die das Gepäck verladen. Das ist ein Problem. Den Kostendruck haben die Airlines ausgeübt. Ein Flughafen will seine Kunden, nämlich die Airlines, zufriedenstellen. Und die haben in der Vergangenheit gesagt: Wir sind zufrieden, wenn die Kosten sinken. Nirgends steht als Zielvereinbarung: Wenn die Passagiere zufrieden sind, dann habt ihr einen guten Job gemacht.

Dann wird sich daran nichts ändern, oder?

Kurzfristig nicht, aber ich hoffe auf die Einsicht aller Beteiligten, dass sicheres und zuverlässiges Fliegen seinen Preis hat und an der Kostenschraube in diesen sensiblen Bereichen nicht weiter gedreht werden kann. Aber auch die Politik ist gefordert, um dem Trend nach immer billigerem Fliegen im Interesse von Mitarbeitern und Passagieren einen Riegel vorzuschieben. 

Airlines streichen vorsichtshalber Hunderte Flüge, damit das Chaos nicht noch größer wird. Ist das der richtige Ansatz?

Die Flugstreichungen sind laut den Airlines notwendig gewesen, weil nicht ausreichend Personal an den betreffenden Flughäfen vorhanden war, um die Maschinen in dem geplanten Zeitrahmen abfertigten zu können. Aber auch die Fluggesellschaften haben nach wie vor einen Engpass an fliegendem Personal, sodass auch hierunter der eine oder andere Flug gelitten haben dürfte. Für eine Fluggesellschaft sind Flugstreichungen in einem gewissen Umfang nicht sonderlich problematisch, da zunächst die Flüge gestrichen werden, die nicht profitabel gewesen wären. Flüge mit hoher Auslastung und Wirtschaftlichkeit sowie Zubringer- und Abbringerflüge zu und von den Langstrecken kommen erst ganz zum Schluss dran.

Was kann jetzt noch getan werden, damit deutsche Flughäfen im Sommer nicht kollabieren?

Einen wirklichen Ausweg sehe ich nicht. Chaotische Zustände an den deutschen Flughäfen können nur mit mehr Personal abgefangen werden. Und hier haben Airlines und Flughäfen zu spät reagiert. Ich persönlich setze darauf, dass das verfügbare Personal an Bord und Boden mit einem Höchstmaß an Engagement und Professionalität dieser Situation begegnen und alles unternehmen wird, jedem Passagier eine angenehme Reise so weit es geht zu ermöglichen. Umgekehrt erwarte ich aber auch, dass dieses von allen Passagieren auch gewürdigt wird und die Mitarbeiter entsprechend behandelt werden.

Der Artikel ist zuerst bei n-tv.de erschienen.


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