Hotelbranche„Lockerungen heißen nicht, dass wieder Gewinne sprudeln“

Seit Mitte März stehen viele Hotelzimmer corona-bedingt leer –erste Lockerungen der Bundesländer könnten das ändern
Seit Mitte März stehen viele Hotelzimmer corona-bedingt leer –erste Lockerungen der Bundesländer könnten das ändernimago images / Ralph Peters

Die Bundesregierung gibt den Ländern für eigenständige Lockerungen grünes Licht. Auch die Hotelbranche könnte damit wieder etwas Aufwind bekommen. Noch bis Ende Mai wollen Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig Holstein und Bayern Hotels wieder öffnen lassen. Damit wäre der Hotelbetrieb noch vor den Pfingstferien und den Sommermonaten wieder möglich.

Auch die Dorint-Gruppe mit mehr als 60 Hotels steht längst in den Startlöchern „Vorbereitet sind wir auf alles, wir können sofort wieder auf Vollauslastung zurückgehen“, sagt Dirk Iserlohe, Aufsichtsratschef der Dorint-Gruppe und Vorstand der Finanzholding Honestis AG. Trotzdem ist die Branche damit längst nicht über den Berg. „Lockerungen heißen nicht, dass wieder Gewinne sprudeln. Selbst in der Lockerungsphase können wir nur mit weiteren Verlusten Geschäfte machen“, sagt er.

Das Dorint-Hotel in Chemnitz macht mit Licht-Motiven auf die aktuelle Situation aufmerksam und schaltet das Licht in den unbelegten Zimmern des Hotels ein (Foto: imago images / HärtelPRESS)

Umsatzverluste in Millionen-Höhe

Grund sind die erheblichen finanziellen Ausfälle, die viele Hoteliers noch lange in den Büchern haben werden. Seit Mitte März sind Übernachtungen nur noch für Geschäftsreisende möglich. Mehr als 1 Mio. der 2,4 Mio. Angestellten in der Hotel- und Gastrobranche sind mittlerweile in Kurzarbeit, 35.348 sind arbeitslos, bilanzierte der Branchenverband Dehoga Ende April. Von Mitte März bis Ende April ließen sich die Umsatzverluste der Branche auf 10 Mio. Euro beziffern.

Auch für Dorint ist der Abfall deutlich spürbar. Am 15. März – eine Woche vor Beginn der Corona-Maßnahmen – lag die Belegung der Hotelkette noch bei 56 Prozent. Eine Woche später waren es dagegen nur noch 2,7 Prozent. Pro Tag sei durchschnittlich mit 1 Mio. Euro Umsatzverlust zu rechnen, erklärt Iserlohe. „Das, was die Hotellerie und Gastronomie in dieser Zeit verliert, können wir in einem überschaubaren Zeitraum nicht wieder über zukünftige Gewinne erwirtschaften“, bilanziert er.

In den vergangenen acht Wochen haben immer mehr Häuser versucht, aus der Not eine Tugend zu machen und die leeren Hotelzimmer für Berufstätige als Homeoffice angeboten. 539 Häuser sind mittlerweile auf der Plattform „Homeoffice im Hotel“ der abel consulting Internetagentur registriert. Laut Stefanie Poplutz, Geschäftsleitung der Internetagentur, greifen rund 20.000 Nutzer täglich auf die Seite zu. Auch die Dorint-Gruppe setzt auf das Homeoffice im Hotelzimmer. Für April lag die Belegung damit bei durchschnittlich 5,6 Prozent. An einzelnen Standorten machte das Homeoffice-Geschäft zwischenzeitlich sogar 25 bis 30 Prozent aus. Die Verluste kann das aber nicht ausgleichen.

Mit der Protestaktion Stillsterben machen Hotel- und Gastrobetriebe Ende April in Dortmund auf ihre Lage durch die Corona-Maßnahmen aufmerksam (Foto: imago images / Friedrich Stark)

Rückkehr zum Normalbetrieb in weiter Ferne

Die Lockerungen können daran nicht viel ändern. Zwar rechnet der Deutsche Tourismusverband (DTV) damit, dass viele Deutsche nach Wochen der Kontaktsperre nach Erholung außerhalb der eigenen vier Wände suchen. „Ob das die wirtschaftlichen Totalausfälle mehrerer Wochen auffängt, ist zu bezweifeln. Anders als der Kauf eines Autos lässt sich der Urlaub nicht nachholen“, sagt Annika Wittke, Referentin für Presse- und Öffentlichkeit beim DTV.

Auch Dirk Iserlohe ist skeptisch was den „starken Sommer des Tourismus“ betrifft, „weil wir dann die Kapazitäten nicht haben werden, die wir in den Büchern gehabt hätten.“ Schon jetzt signalisieren Länder wie Mecklenburg-Vorpommern, dass die Lockerungen nur eine Teilauslastung erlauben. Auch das Interesse am Hotelbesuch bleibt unklar, wenn Gäste weiterhin wegen der verschärften Hygienevorschriften auf Frühstücksbuffet, Wellnessbereich oder Fitnessstudio verzichten müssen. Für die Branche geht das Abwarten daher weiter. „Wir wissen alle nicht, wann sind alle Beschränkungen weg – und wann ist das Verbraucherverhalten da, wo es vorher war“, so Iserlohe. „Ich rechne damit, dass wir mindestens 16 Monate brauchen, um in einem langsamen Aufstieg die Belegung wiederzubekommen, die wir vor Corona hatten, wenn man uns lässt.“

Der Unsicherheit über neue Umsätze stehen die laufenden Fixkosten gegenüber, die sich vor allem in Miete und Pacht niederschlagen. Zwar gilt auch für Hotels der Kündigungsschutz bis Ende Juni, die Miete müssen sie aber trotzdem zahlen. Auch die geplante Mehrwertsteuersenkung auf Speisen ab dem 1. Juli gleichen einem „politischen Feigenblatt“, so Iserohe. Denn den Verlusten von 95 Prozent des Umsatzes stünden dem Hotelbetreiber etwa durchschnittlich ein Prozent Ersparnisse durch die Maßnahme gegenüber.

Branche sieht die Politik am Zug

Schon Ende April prognostizierte der Dehoga Bundesverband, jeder dritte der 223.000 Betriebe im Gastgewerbe stehe ohne staatliche Hilfen vor dem Aus. Die Branche sieht deshalb die Politik am Zug. „Ein Rettungsfonds muss schnellstmöglich auf den Weg gebracht werden – mit direkten Finanzhilfen für alle Betriebe unserer Branche. Nur mit dieser Unterstützung haben viele Betriebe eine Überlebensperspektive“, erklärt Guido Zöllick, Präsident des Dehoga Bundesverbands. Auch der DTV schlägt einen „Rettungsschirm Deutschlandtourismus für alle existenzbedrohten Tourismusakteure“ vor.

Dirk Iserlohe ist Aufsichtsratschef der Dorint-Gruppe und seit 2016 Vorstand der Finanzholding Honestis AG

Dirk Iserlohe setzt zur Unterstützung der Hotelbranche dagegen auf ein Neun-Punkte-Programm. Die drei wichtigsten Punkte: Ein Solidarpakt zwischen Hotelbetreibern und ihren Verpächtern, der die Schäden der Krise auf beide Schultern verteilt. Zweitens, die Refinanzierung dieser Aufteilung durch die Banken mittels Tilgungsaussetzung bei einer Verlängerung der Kreditlaufzeit. Und drittens der Ausgleich der verbliebenen, Corona-bedingten Kosten über staatliche, verlorene, aber zu versteuernde Zuschüsse. „Man kann diese Krise nur überleben, wenn es ein Konzert verschiedener Solidarmaßnahmen zwischen Leistungspartnern gibt“, erklärt er.

Bis ihre Forderungen Gehör finden, muss sich die Hotelbranche selbst behelfen. Die Dorint-Gruppe setzt daher noch bis Ende August auf ihr Homeoffice-Angebot. Auch Stefanie Poplutz, Geschäftsführerin von abel consulting, rechnet damit, dass das Homeoffice-Konzept weiter relevant bleibt: „Ich denke, dass sich die Hotellerie auf dieses neue Klientel einstellen wird, um so die Häuser auch weiterhin tagsüber besser auszulasten.“ Auch auf Unternehmerseite rechnet sie mit Bedarf. „Vermutlich wird es so schnell keine überfüllten Großraumbüros mehr geben, sodass mancher Arbeitgeber sicher auch weiterhin auf das „Homeoffice im Hotel“ für seine Mitarbeiter zurückgreifen wird.“