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Weltwirtschaftsforum Davos und die Krise in der Krise in der Krise

WEF-Gründer Klaus Schwab
WEF-Gründer Klaus Schwab
© Laurent Gillieron / picture alliance/Keystone
Das Weltwirtschaftsforum findet unter düsteren Vorzeichen statt: Noch nie mussten Entscheidungsträger so viele Krisen parallel bewältigen. Nach den Jahren der Pandemie will man in Davos zumindest eines wieder beschwören: den Geist der Kooperation

Es gehört zum guten Ton in Davos, vor und beim Treffen der Mächtigen die Stirn in tiefe Sorgenfalten zu legen. Irgendwas ist immer, eine Finanzkrise, eine Naturkatastrophe oder ein „globale Herausforderung“, flankiert von Megatrends, die sowohl Hoffnung als auch Bedrohung verheißen. Und der Kapitalismus, nun, den kann man auch kritisieren und mehr Wohlstand für alle fordern, wenn man aus dem Helikopter gestiegen ist.

Doch in diesem Jahr ist auf dem Weltwirtschaftsforum (WEF) alles anders: Es ist das erste richtige Treffen nach der Pandemie – denn 2021 war das WEF wie alle Veranstaltungen notgedrungen digital, und 2022 wurde es in den Mai verlegt. Doch ohne Winterzauber in den Bergen, ohne Schneeschuhe und Schneegestöber, wollte nicht so recht das aufkommen, was seit Jahren als „Geist von Davos“ beschrieben wird.

Der zweite Grund, dass dieses Treffen ein Besonderes ist, ist ernster: Die Welt kommt zusammen in einer Zeit, in der sie gefühlt auseinanderzufallen droht. Der WEF-Gründer Klaus Schwab sprach im Vorfeld von zahlreichen, teils parallelen Krisen und einer „zunehmenden Fragmentierung“. „Wir stecken in einer Krisenmentalität fest“, so Schwab, der das Treffen in Davos 1971 erstmals organisiert hatte. Davos sollt dazu beitragen, diese Haltung zu ändern, wieder langfristig zu denken, erneut Vertrauen aufzubauen. Deshalb seien persönliche Begegnungen so wichtig: „Nur persönliche Interaktion schafft Vertrauen, das wir in einer zerrissenen Welt so dringend brauchen.“

Ein „unsicheres und turbulentes Jahrzehnt“

Viele Entscheidungsträger, sagte Schwab, seien von der Komplexität überwältigt. Denn es ist nicht nur eine Krise, die sie bewältigen müssen. Seit einiger Zeit sprechen Experten und Politiker von „multiplen Krisen“, „verschachtelten Krisen“, einer „Poly-Krise“ – oder einfach: der Krise in der Krise in der Krise. Die Pandemie ist in vielen Ländern nahezu ausgestanden, in China geht sie gerade erst los. Seit fast einem Jahr tobt der Krieg in der Ukraine; ein Ende ist nicht in Sicht. Die Schockwellen für die Energieversorgung hat man in nahezu allen Ländern gespürt. Dazu kommt der Klimawandel, den viele Länder einerseits anpacken – andererseits immer wieder zurückgeworfen werden. „Wir erleben die komplexeste geologische und wirtschaftliche Situation seit Jahrzehnten“, sagte WEF-Präsident Børge Brende, früher Außenminister von Norwegen.

In seinem Global Risk Report, der kurz vor dem Treffen erscheint, sagt das WEF ein „unsicheres und turbulentes Jahrzehnt“ voraus. Gefahren für die Ernährung oder die Energieversorgung könnten „Jahrzehnte des Fortschritts“ zunichtezumachen. „Wir erleben die Rückkehr von ‚älteren‘ Risiken‘“, so drückt der Bericht es aus: Inflation, Krise der Lebenshaltungskosten, Handelskriege, geopolitischen Konfrontationen und „das Gespenst eines Nuklearkriegs“. Allesamt Krisen, „die kaum jemand der derzeitigen Generation von Wirtschaftsführern und Politikgestaltern bislang erlebt hat“. Der Bericht beruht auf einer Umfrage unter rund 1200 Experten und Verantwortungsträgern aus Wirtschaft und Politik.

Das Treffen in Davos soll also eine Atempause bedeuten, soll helfen, manche Spaltung zu überwinden – was es in der Vergangenheit schon getan hat. Legendär sind Begegnungen zwischen Israelis und Palästinensers auf und hinter der Bühne, zwischen Iranern und Amerikanern. Und so war eines der großen Geheimnisse in diesem Jahr: Wird es auch ein Treffen zwischen Russen und Ukrainern geben? Die Ukraine reist mit einer Delegation an, hatte über Jahre auf der großen Promenade in Davos – wo sich die Woche über Länder und Konzerne in Läden und Wohnungen einmieten und präsentieren – sogar ein eigenes Haus.

Russland ist nicht eingeladen – und doch präsent

Die Russen sind allerdings, wie im Mai, nicht eingeladen. Im Oktober hatte WEF-Präsident Brende im Interview mit n-tv noch klargestellt: Russland könne erst wieder teilnehmen, wenn es sich an das „Völkerrecht, die UN-Charta und humanitäre Grundsätze“ halte und aufhöre, die Ukraine zu bombardieren. Die Kontakte zu russischen Firmen und Politikern hatte das WEF eingestellt. Russland wird aber sehr präsent sein: als neue Bedrohung.

Das Redebedürfnis und der Wunsch sich zu treffen, ist angesichts der „Poly-Krise“ riesig: Die Zahl der Teilnehmer ist so hoch wie vor der Pandemie (über 2700), noch nie kamen so viele Regierungsvertreter und Amtsträger (rund 380). Allein 30 Regierungschefs, 56 Finanzminister, 19 Zentralbankchefs und 30 Handelsminister reisen nach Davos. Auch Olaf Scholz und Robert Habeck werden auf der Bühne sein, neben CEOs wie BASF-Chef Martin Brudermüller, Allianz-CEO Oliver Bäte und Bayer-Vorstandschef Werner Baumann.

Aber auch neue Gesichter der deutschen Wirtshaft reisen zu dem elitären Treffen: Alexander Rinke, Co-Chef des Münchener Tech-Unternehmens Celonis zum Beispiel. Oder Mario Kohle, Gründer des Berliner Solar-Firma Enpal – das am schnellsten wachsenden Unternehmen Deutschlands ist erstmals in Davos. Was hier an Geschäften angebahnt und eingetütet wird, erfährt die Welt nicht oder erst später. „Davos ist Business-Speeddating auf Steroiden“, drückt ein Partner von McKinsey es aus.

Kontraindikator: Einige Entwicklungen hatte das Forum nicht auf dem Zettel

Man kann also gut und gerne feststellen: Das Schweizer Bergdorf wird zu einer wuselnden Weltregierungszentrale. In Tausenden Panels und Diskussionen, bilateralen Treffen und auch Partys werden die Synapsen der Kooperation wieder gepflegt und ausgebaut.

Erfahrene Teilnehmer in Davos weisen gerne darauf hin, dass die Sorgen und Äußerungen der Teilnehmer des Weltwirtschaftsforums mitunter auch eine Art Kontraindikator waren –und sie manchen Risiken eher hinterhergelaufen ist, anstatt sie zu antizipieren. Die Rückkehr der Geopolitik hatte 2020 niemand auf dem Zettel, bewaffnete Konflikte zwischen Staaten rangierten als Risiko auf den hinteren Plätzen.

Und vielleicht lösen sich auch manche Stränge der „Poly-Krise“ wieder auf – nicht nur die gefüllten Gasspeicher zeigen inzwischen, dass Krisen beherrschbar und lösbar sind. Unterschätzt werden auch immer die Anpassungsfähigkeit und Resilienz vieler Unternehmen, das hatte die Pandemie gerade erst gezeigt.

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