Baden-WürttembergKretschmanns Grüne sind auch für Unternehmer wählbar

Wahlplakat für den amtierenden Grünen-Ministerpräsidenten Winfried KretschmannIMAGO / Eibner

„Hier glaubt doch niemand ernsthaft, dass es mit den Grünen zurück auf die Bäume ginge“, sagt Kathinka Kaden. Die evangelische Pfarrerin tritt für die Grünen im traditionell schwarzen Wahlkreis Geislingen zur Landtagswahl am kommenden Sonntag an – und sie malt sich große Chancen aus, erstmals das Direktmandat zu holen.

Weil sich immer mehr Menschen auch jenseits der Kernklientel von ökologischen Themen angesprochen fühlen, darunter auch kleine Unternehmer, Mittelständler, Handwerker. „Denen ist längst klar, dass ihre Betriebe nur eine Zukunft haben, wenn sie sie nachhaltig aufstellen“, sagt Kaden. Am deutlichsten werde dies da, wo Generationenwechsel stattfinden.

Tatsächlich hat die Wirtschaft im Ländle längst ihren Frieden mit der grüngeführten Landesregierung gemacht. Das liegt nicht zuletzt an dem Mann, der auch nach zehn Jahren als Ministerpräsident so beliebt ist, dass er bei einer Direktwahl zwei Drittel der Stimmen bekommen würde: Winfried Kretschmann. Dessen überaus pragmatischen Politik ist bei der Wirtschaft inzwischen beliebter als bei den Umweltverbänden. Für deren Geschmack hat der Oberrealo ein bisschen zu viel Verständnis für die Belange von Industrie und Mittelstand.

Autofreund Kretschmann

„Weniger Autos sind natürlich besser als mehr“ – so ein Satz, gesprochen vor zehn Jahren, käme Kretschmann heute nicht mehr über die Lippen. Auf die Schlüsselindustrie des Lan-des lässt er nichts kommen. Eine halbe Million Jobs hängen an Daimler, Porsche und den diversen Zulieferfirmen. Darum kämpft der Grüne auch gegen die strengere Abgasnorm 7.

Der Wandel, so Kretschmann, komme ja sowieso und fast von alleine: durch die strengeren EU-Vorgaben zum Flottenverbrauch. Da hält es der MP für vernünftiger, die Transformation der Branche zur E-Mobilität voranzutreiben. Tatsächlich verfügt das Ländle gemessen an seiner Fläche schon heute über die meisten öffentlich zugänglichen Ladesäulen.

Für den Fall, dass irgendwelche Zweifel an seiner Gesinnung bestehen, sagte Kretschmann kürzlich vor dem CDU-Wirtschaftsrat: „Ich darf Sie beruhigen, wir machen hier keine Ideologie.“ Und darum werde er gemeinsam mit den Herstellern und Zulieferern zu verhindern wissen, „dass wir irgendwann in die Rücklichter von Tesla gucken“.

Und doch bleibt Kretschmann natürlich ein Grüner, der die ökologische Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft eine „Jahrhundertaufgabe“ nennt – und natürlich arbeitet seine Landesregierung bereits an der Lösung dieser Aufgabe. Da wäre das „Cyber Valley“ rund um Tübingen, europaweit der größte Wissenschaftsverbund zur künstlichen Intelligenz, und das „Solar Valley“ rund um Freiburg, wo die Fraunhofer-Gesellschaft an der Zukunft der Photovoltaik forscht. Und wenn es nur nach den Grünen gegangen wäre, hätte schon in der Gegenwart jedes Neubaudach eine Solarstromanlage bekommen müssen. Der Koalitionspartner CDU hat dafür gesorgt, dass diese Pflicht zumindest vorerst nur für Gewerbeneubauten gilt.

Die Vorschrift ist Teil des neuen Klimaschutzgesetzes, mit dem sich das Bundesland dazu verpflichtet hat, seine Treibhausemissionen bis 2050 um 90 Prozent zu senken (gemessen am Stand von 1990). Umweltverbände hätten sich – natürlich – ein ehrgeizigeres Ziel gewünscht, aber auch hier gilt: Kretschmann will die Wirtschaft nicht verschrecken. Oder wie er es kürzlich bei der Verleihung des Landesumweltpreises formulierte: „Nur mit dem Pioniergeist und der Innovationskraft von Unternehmen können wir die großen Herausforderungen meistern, vor denen wir stehen.“

Die ganze Reportage über die Erfolgsgeheimnisse der Grünen in Baden-Württemberg lesen Sie auf Stern Plus.