Parteispenden Die Gründerszene streitet über ihr Verhältnis zu den Grünen

Ein bisschen Start-up-Atmosphäre: Robert Habeck und Annalena Baerbock beim Grünen-Parteitag im Juni
Ein bisschen Start-up-Atmosphäre: Robert Habeck und Annalena Baerbock beim Grünen-Parteitag im Juni
© IMAGO / photothek
Zuletzt standen die Grünen in der Start-up-Szene hoch im Kurs – doch nun positionieren sich einige prominente Gründer und Investoren explizit gegen die Umweltpartei. Und die Szene debattiert, welche Partei Unternehmer eigentlich am besten vertritt

Der Start-up-Lobbyverband wird in diesem Jahr keine Wahlempfehlung für die Bundestagswahl abgeben. Wozu auch? Schließlich schien ohnehin klar zu sein, wen sich Deutschlands Gründer im Kanzleramt wünschen. „Gründer wählen grün“ oder „Die Grünen sind die neue Start-up-Partei“ – so lauteten einige Schlagzeilen aus dem vergangenen Jahr. In einer Umfrage hatten damals rund 37 Prozent der Gründerinnen und Gründer erklärt, bei der nächsten Bundestagswahl für die Partei von Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock stimmen zu wollen.

Die Grünen als Start-up-Liebling

In der Gründerszene waren die Grünen im Sommer 2020 damit die beliebteste Partei – wie auch schon im Vorjahr. Die FDP, traditionell die populärste Unternehmerpartei, hatte das Nachsehen. Kein Wunder: Die grünen Kernthemen Nachhaltigkeit und Klimaschutz sind in der Tech-Branche längst en vogue. Fast jedes zweite Start-up ordnet seine Produkte der Green Economy zu, so das Ergebnis des Deutschen Start-up-Monitors 2020, aus dem auch die Wahlumfrage stammt.

Die deutsche Gründerprominenz mischt sich inzwischen auch politisch ein: Unter dem Schirm „Leaders for Climate Action” fordern mehr als 500 Unternehmer eine klimaneutrale Wirtschaft und die Einführung eines CO2-Preises ­– darunter Zalando-Macher Rubin Ritter, Delivery-Hero-Chef Niklas Östberg, Rocket-Internet-Vorstand Oliver Samwer und Amorelie-Gründerin Lea-Sophie Cramer.

Wer eine grüne Wirtschaft will, wählt grün – das schien die logische Schlussfolgerung zu sein. Heute, gut drei Monate vor dem entscheidenden Wahlsonntag, ist das Stimmungsbild jedoch deutlich komplizierter. In der Szene ist ein Streit darüber entbrannt, welche Partei denn nun eigentlich am besten zu Gründern und Start-ups passt.

Einflussreiche Szeneköpfe bekennen sich zu Schwarz-Gelb

Um die Gefechtslage nachzuvollziehen, hilft ein Blick ins Parteispendenregister. Die Grünen haben bis auf eine Großspende in Höhe von 1 Mio. Euro von einem Bitcoin-Millionär aus Greifswald in diesem Wahlkampf bisher keine öffentlich bekannten Zuwendungen aus der Digitalwirtschaft bekommen.

An die FDP sind seit Jahresbeginn hingegen fast 1 Mio. Euro von bekannten Investoren und Gründern geflossen. Dazu zählen Lakestar-Gründer Klaus Hommels, E-Commerce-Pionier Stephan Schambach und TV-Investor Georg Kofler.

Kofler begründete seine Spende mit seiner Furcht vor einer potenziell unternehmerfeindlichen Regierungskoalition von SPD, Linken und Grünen. „Ich hoffe, dass noch viele junge Unternehmer entdecken, dass #LinksGrün zwar von Erneuerung spricht, aber in Wirklichkeit einen Rückfall in eine dirigistische Planwirtschaft anstrebt“, schrieb der „Höhle der Löwen“-Juror bei Twitter.

Ähnlich äußerte sich auch sein ehemaliger TV-Kollege Frank Thelen . Er sei überzeugt, „dass eine rot-rot-grüne Regierung verheerende Folgen für unsere Wirtschaft und somit den Standort Deutschland hätte“. Thelen hatte vergangenen Woche im Interview mit der „Bild“-Zeitung eine Großspende in Höhe von 500.000 Euro an die FDP angekündigt, die er zusammen mit neun weiteren Start-up-Unternehmern aufbringen wollte. Zu dem Kreis gehören laut Pressemeldung Getyourguide-Gründer Tao Tao und Wefox-Gründer Julian Teicke. Die restlichen Namen sind noch nicht im Spendenregister eingegangen – und werden es auf absehbare Zeit wohl auch nicht, weil die Einzelspenden knapp unter der meldepflichtigen Schwelle von 50.000,01 Euro liegen.

Wie aus dem Umfeld der Thelen-Initiative zu hören ist, wollten die übrigen Geldgeber ihre Namen nicht als FDP-Spender in der Presse lesen. Die Umfragen sind das eine – öffentliche Positionierungen wie im Falle von Thelen oder Kofler sind das andere, sie bleiben die Ausnahme.

So blieb auch die Reaktion auf die harsche Kritik an den Grünen bislang verhalten. Zwar gibt es eine Reihe von Gründern, deren Nähe zur Umweltpartei bekannt ist – einige sitzen etwa im Wirtschaftsbeirat der Bundestagsfraktion. Eine von ihnen ist Sonja Jost, Gründerin des Chemie-Start-ups DexLeChem und ehemalige Vizechefin des Start-up-Verbands. Gegenüber Capital äußert sich zumindest Jost unmissverständlich: „Wir müssen uns nichts vormachen: Eine Zukunft der deutschen Industrie ohne die Grünen wird es nicht geben, denn diese wird grün sein und komplett anders funktionieren als heute.“ Es zeige sonst keine andere Partei den Willen, die notwendigen Weichen zu stellen, um Deutschland den Zugang innovativen und nachhaltigen Technologien zu sichern, so Jost.

Via Twitter hielt auch Investor und Podcaster Philipp Klöckner in einer Antwort an Frank Thelen dagegen: „Die FDP will weiterhin individuelle Freiheit in der Gegenwart gegen gemeinschaftliche Freiheit unserer Kinder tauschen. Das ist nicht liberal und Märkte lösen das auch nicht. Das Modell hat uns ja hierher gebracht.“ Für seinen Kommentar erhielt Klöckner viel Beifall, auch aus dem grünen Lager. Als eindeutige Wahlempfehlung wolle er seinen Einwurf allerdings nicht verstanden wissen, so Klöckner.

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