GastkommentarKlimaprämie statt CO2-Steuer

Claudia Kemfert leitet die Abteilung
Claudia Kemfert leitet die Abteilung "Energie, Verkehr, Umwelt" am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung und ist Professorin Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance. dpa

Kennen Sie den Hütchenspieler-Trick? Da soll man wetten, unter welchem von drei Hütchen sich eine Kugel befindet. Doch was anfangs leicht scheint, wird zum garantierten Verliererspiel. Denn die fingerfertigen Spieler bewegen die Hütchen so schnell hin und her, dass gar nicht auffällt, wenn irgendwann die Kugel in der Hinterhand verschwindet und unter gar keinem Hütchen mehr liegt. Die wortreichen Diskussionen zur CO2-Steuer gleichen leider diesem fiesen Trickbetrug. Dabei brauchen wir nichts dringender als das Gegenteil: die gnadenlose und ehrliche Offenlegung aller Kosten, eine radikale Preiswahrheit!

Leider werden derzeit von den prominenten Spielmachern die Argumente und Zahlen so schnell hin- und hergeschoben, dass am Ende niemand mehr weiß, was wie viel kostet – nur dass man am Ende mal wieder weniger Geld in der Tasche hat. Genau diese aus Verwirrung gespeiste Wut treibt derzeit die Gelbwesten in Frankreich auf die Straße. Und auch in Deutschland sind die Bürgerinnen und Bürger die komplizierten Diskussionen leid.

81 Prozent der Deutschen wünschen sich endlich konkrete Maßnahmen zum Klimaschutz, Millionen Schülerinnen und Schüler weltweit gehen genau dafür auf die Straße – unterstützt von zehntausenden Wissenschaftlern. Sie alle haben es satt. Seit über 40 Jahren wissen wir, dass unser Wirtschaftssystem sich ändern muss, wenn wir nicht Umwelt, Natur und jetzt das ganze Klima unwiderruflich zerstören wollen. Und immer noch ändert sich viel zu wenig. Die angestrebte Reduzierung der klimaschädlichen Emissionen bis 2020 ist kläglich gescheitert. In manchen Bereichen steigen die Emissionen sogar statt zu sinken. Deutsche Vorzeige-Unternehmen machen internationale Schlagzeilen aber nicht mehr dank innovativer Technologien, sondern nur noch aufgrund origineller Betrugsmethoden.

Klimaschutz kostet nicht mehr

Und die deutsche Politik weigert sich, die Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen, sondern betont im Gegenteil deren besonderen Schutzbedarf, weswegen noch nicht mal jetzt geltendes Recht konsequent durchgesetzt wird. Angesichts der staatlichen Milde verkünden dieselben Unternehmen unverfroren Milliardengewinne. Oder fordern noch dreister – wie die Kohleindustrie nach jahrzehntelangen Subventionen – Entschädigungen oder eine Abwrackprämie, obwohl die alten Kraftwerke längst abgeschrieben und gigantische Gewinne eingebracht haben.

Jetzt also soll es eine CO2-Steuer richten. Und bevor noch irgendwelche konkreten Zahlen genannt sind, geht ein Aufschrei durch die Republik. Sie sei zu teuer, sozial ungerecht, Autofahren und Heizen würden zum Luxus, und es gibt alternativ zum „kleinen Mann“ sogar eine neue Gallionsfigur des Widerstands, die „ungedämmte Pendlerin“. Die fiktive Frau, die mit ihrem schmalen Einkommen in einem schlecht gedämmten Mietshaus irgendwo in der Provinz lebt, genießt jetzt auf einmal die fürsorgliche Aufmerksamkeit von Lobbyisten aus Politik und Wirtschaft. Prompt sind 62 Prozent der Deutschen gegen eine CO2-Steuer. Und oberschlaue Medien verlachen das Volk für seine Dummheit; schließlich könne man doch nicht gleichzeitig für mehr Klimaschutz und gegen die Mehrkosten des Klimaschutzes sein.
Doch man kann! Denn der Klimaschutz kostet uns gar nicht mehr. Im Gegenteil.

Infografik: An der CO2-Steuer scheiden sich die Geister | Statista Mehr Infografiken finden Sie bei Statista

Seit Jahren gibt es Berechnungen, was es uns kostet, wenn wir uns nicht vom Haupttreiber des Klimawandels, den fossilen Energien, verabschieden. Der ehemalige US-Vizepräsident Al Gore beschrieb schon 1992 in seinem Buch „Earth in the Balance“ eben jene „Wege zum Gleichgewicht“ – wie der deutsche Titel lautet – mit denen wir nachhaltiger wirtschaften könnten. 2007 gewann sein Film „Die unbequeme Wahrheit“ den Oscar für den besten Dokumentarfilm. Doch bis heute weigern sich die Verantwortlichen diese Wahrheit wahrzunehmen; sie ist nämlich tatsächlich unbequem. Allerdings weder für die „ungedämmte Penderlin“ noch für den „kleinen Mann“. Das Unbequemste – und wohl auch Empörendste – an der radikalen CO2-Preiswahrheit ist nämlich, dass den Preis ausgerechnet die bezahlen, die am wenigsten zum Klimaschaden beitragen. Denn die „ungedämmte Pendlerin“ hat vermutlich einen vergleichsweise kleinen CO2-Fußabdruck.