GastkommentarWarum Trumps Kritik an Nord Stream 2 falsch und doch richtig ist

Blick auf das Rohrende der Ostseepipeline
Blick auf das Rohrende der Ostseepipeline "Nord Stream 2" an der Empfangsstation in Lubmin. Die 1.200 Kilometer langen Gaspipeline soll jährlich rund 55 Milliarden Kubikmeter russisches Erdgas von Russland nach Deutschland transportierendpa

Trump tobt. Trump droht. Trump hat Unrecht. Das ist der übliche Dreisatz, der in der deutschen Öffentlichkeit geradezu reflexhaft durchgespielt wird, sobald der US-Präsident seinen Twitter-Account startet. Das Misstrauen in die von Interessen geleitete Politik des amerikanischen Populisten besteht aus gutem Grund. Allzu unverhohlen stellt der Wirtschaftsmann im höchsten Amt die ökonomischen Interessen in den Vordergrund. „America first“ meint bei ihm leider meist nur „Profit first“. Deswegen stehen die USA in den Disziplinen Energieeffizienz und Klimaschutz eher auf den hinteren Plätzen der Weltrangliste des Erfolgs.

Doch es wäre falsch, dem ersten skeptischen Impuls gegenüber jeglicher Trump-Äußerung zum Ersatz für ein eigenes Urteil zu machen. Auch ein Automechaniker, der auf einen Motordefekt hinweist, ist nicht zwingend ein Lügner, nur weil er sein Geld mit Reparaturen verdient. Auch eine Hebamme sagt die Wahrheit, wenn sie erklärt, dass Kinder nicht vom Storch gebracht werden.

Die geplante Ostseepipeline Nord Stream 2 ist nicht deswegen gut und richtig, nur weil Trump sie schlecht und falsch findet – auch wenn er sie möglicherweise nur deswegen kritisiert, weil er sich – im Falle des Falles – irgendwann ein Geschäft mit amerikanischem Flüssiggas erhofft. Natürlich gehört es nicht zum üblichen politischen oder geschäftlichen Gebahren, dass der amerikanische Präsident seinen Botschafter in Berlin einen eher bedrohlichen als freundlichen Neujahrsbrief an deutsche Konzerne schreiben lässt. Unverhohlen wurde den Unternehmen signalisiert, dass jedes Engagement für die Pipeline negative wirtschaftliche Konsequenzen für sie haben könne, falls die USA eines Tages Sanktionen gegen an der Pipeline beteiligte Firmen verhängen würde. Das ist kein Denkanstoß, sondern eine Drohung – das ist klar. Selbst wenn der Brief mit einem scheinbar sorgenvollen Hinweis verknüpft ist: Deutschland mache einen riesigen Fehler und werde von russischen Gaslieferungen abhängig.

Das deutsche Wohl – oder zumindest die Interessen der deutschen Unternehmen – sind dem US-Präsidenten vermutlich ziemlich egal. Allzu offensichtlich geht es darum, das in den USA durch Fracking geförderte Gas zu höchstmöglichen Preisen nach Europa und insbesondere Deutschland zu verkaufen. Nord Stream 2 würde einen Strich durch diese Rechnung machen, denn das vergleichsweise teure Fracking-Gas kann derzeit gegen Gaslieferungen aus Russland kaum mithalten. Zudem ist das Fracking-Gas aus den USA wegen der umweltschädlichen Förderungsmethoden ohnehin kritisch zu sehen – und daher keine wirkliche Alternative.

Trotzdem! Wo Trump Recht hat, hat er Recht: Die Pipeline Nord Stream 2 ist tatsächlich ein Fehler. Aber aus anderen Gründen:

#1 Fehlende Diversifikation, fehlende Flexibilität

Bereits jetzt bezieht Deutschland etwa ein Drittel seiner Gasimporte aus Russland, und würde mit Nord Stream 2 diesen Anteil weiter erhöhen. Die neue Pipeline verpflichtet uns zu zusätzlichen Gasimporten aus Russland  – und das für kommende Jahrzehnte.

Die EU hat sich im Rahmen der Energieunion vorgenommen, den Anteil russischer Gaslieferungen zu mindern. Stattdessen will sie auf größere Diversifikation der Energieimporte, auf Flexibilität und somit auch verstärkt auf Flüssiggas setzen. Gedacht wird dabei allerdings nicht an das umweltschädliche amerikanische Fracking-Gas, sondern an Flüssiggas aus Nordafrika und anderen Regionen.