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Gaskrise Kann Biogas russisches Gas ersetzen?

Noch sind die Mengen an Biogas, die produziert werden dürfen, gedeckelt – das könnte sich jetzt ändern
Noch sind die Mengen an Biogas, die produziert werden dürfen, gedeckelt – das könnte sich jetzt ändern
© IMAGO / Joerg Boethling
Biogas führt hierzulande eher ein Schattendasein, doch das könnte sich wegen der Energiekrise ändern. Im Podcast erklärt Jan Seven, Experte für Erneuerbare Energie beim Umweltbundesamt, warum er den Ausbau von Biogas für problematisch hält

Mais, Gülle, Küchenabfälle oder Pflanzenreste kommen in einen Behälter, mithilfe von Bakterien wird alles vergoren und daraus entsteht dann Biogas. Biogas gehört neben Sonne, Wasser und Wind zu den regenerativen Energiequellen und kann in einer Biogasanlage hergestellt werden. Rund 9200 gibt es davon aktuell in Deutschland.

Die Anlagen dürfen nur eine bestimmte Menge Biogas produzieren. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz deckelt die produzierte Gasmenge – und auch den Ausbau von Biogasanlagen. Aber die Bundesregierung will diese Deckelung aufheben.

Die Begrenzung war eingeführt worden, damit Biogasanlagen dann einspringen können, wenn Sonne und Wind nicht genug Energie produzieren. Zudem ist Bioenergie speicherbar. „Diese Stärke wollte man nutzen, wenn man schon so teuren Strom einkauft. Man hat gesagt, dann wird er eben in den Stunden produziert, wenn der Bedarf besonders hoch ist. Zudem hat man eine extra Vergütung, den Flexibilitätsbonus, eingeführt“, erklärt Jan Seven, Fachgebietsleiter für Erneuerbare Energien beim Umweltbundesamt (UBA) im ntv-Podcast „Wieder was gelernt“. „Unterm Strich war die Hoffnung, damit weniger nachwachsende Rohstoffe zu brauchen, weil so eine Anlage dann eben nicht mehr 6000 bis 7000 Stunden im Jahr läuft, sondern vielleicht nur noch 2500 oder 3000 Stunden.“

Branche will mehr Biogas erzeugen

Die Hauptprodukte von Biogasanlagen sind Strom und Wärme. Mit dem Biogas wird ein Blockheizkraftwerk angetrieben. Das funktioniert ähnlich wie ein Auto: Das Gas wird verbrannt, damit wird ein Motor angetrieben, der Strom erzeugt. Die Abwärme des Motors kann zum Heizen oder zur Warmwasseraufbereitung genutzt werden – bisher aber nur in ganz geringen Umfang.

Deutschlandweit werden jedes Jahr rund 940 Terawattstunden (TWh) Gas verbraucht. Gerade einmal ein Prozent davon ist Biogas: Rund zehn TWh werden ins Gasnetz eingespeist. Bei der Stromerzeugung ist der Anteil nur geringfügig höher, er liegt bei rund fünf Prozent und damit hinter Windkraft und Photovoltaik zurück. Die Biogasanlagen in Deutschland versorgen rund 9 Millionen Haushalte mit Strom. 

Die Branche ist aber überzeugt, dass bei der Biogaserzeugung noch mehr möglich ist – wenn die Bundesregierung wie angekündigt diese Deckelung aufhebt. Kurzfristig könnte 20 Prozent mehr Strom und Gas aus Biogas erzeugt werden, schreibt das Hauptstadtbüro Bioenergie in einem Positionspapier. Wenn man mehr Rohstoffe verwendet oder welche, die einen hohen Energiegehalt haben, wie zum Beispiel Mais. Der Fachverband Biogas meint, dass fünf Prozent der russischen Gasimporte sofort ersetzt werden können. Dafür müsste der Staat mehr Zuschüsse zahlen, als im Erneuerbare-Energien-Gesetz vorgeschrieben ist. Innerhalb von fünf bis zehn Jahren könnte die Biogasproduktion sogar verdoppelt werden, meint der Fachverband.

Energiepflanzen besetzen Ackerflächen

Jan Seven rechnet damit nicht. „Aus volkswirtschaftlichen Gründen ist es nicht darstellbar und auch nicht zu rechtfertigen, Biogas in dem Maße weiter zu fördern oder bestimmten Umbauszenarien zu folgen.“ Biogas sei verglichen mit den anderen erneuerbaren Energien die mit Abstand teuerste Energieform. Auch, weil Lebensmittel, die in Biogasanlagen zum großen Teil genutzt würden, teurer geworden seien. „Deswegen sehen wir beim Biogas eigentlich überhaupt keine Kostenreduktion, die wir bei Solarstrom und Wind massiv gesehen haben im letzten Jahr.“

In Biogasanlagen werden nicht nur Abfälle wie Biomüll, Grünschnitt oder Tiermist wiederverwertet. Es wandern vor allem auch extra angebaute Pflanzen rein, wie Mais, Weizen, Zuckerrüben oder Raps. Mais macht den größten Anteil aus: drei Viertel des Biogases werden daraus gewonnen. Weil in Mais am meisten Methan steckt.

Diese Energiepflanzen belegen 15 Prozent der deutschen Ackerflächen. Insgesamt 1,5 Millionen Hektar, die eigentlich dringend benötigt werden, um dort Lebensmittel und Futter anzubauen, sagt Jan Seven. „Auf diesen Flächen wachsen keine Lebensmittel, es wachsen keine Futtermittel für die Tiere, die wir in großer Stückzahl halten. Die Futtermittel importieren wir aus Brasilien. Wir haben eine direkte Konkurrenz zwischen Teller und Fermenter.“ In einem Fermenter werden in einer Biogasanlage die Rohstoffe erwärmt und zersetzt, sodass Biogas entstehen kann.

Biogas kein Ersatz für russisches Gas

Bei der großflächigen Herstellung von Biogas werden aber nicht nur wertvolle Lebensmittel verschwendet, es gibt auch ein ganz praktisches Problem: Viele Biogasanlagen sind nicht ans Gasnetz angeschlossen. Der Anschluss sei häufig nicht möglich, weil das Gasnetz zu weit weg, die Anlagen zu klein sind, sagt Jan Seven. Ein Transport per Tankwagen sei teuer. „Sie sind nie darauf ausgelegt gewesen, irgendwas ins Gasnetz einzuspeisen.“ Grund dafür sei die Förderung von Strom aus Biogas durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz gewesen.

Biogas könne russisches Gas kurzfristig nicht ersetzen. „Wenn suggeriert wird, dass man dieses Biogas eins zu eins statt Gas aus der Gasleitung nutzen könnte, dann stimmt das nicht.“ 

Nur 2,5 Prozent, 219 der rund 9200 Biogasanlagen in Deutschland, können Gas ins Gasnetz einspeisen. Damit das klappt, muss das Biogas aber erst zu Biomethan aufbereitet werden. Denn Biogas besteht aus ganz verschiedenen Stoffen: Etwa 50 bis 75 Prozent ist Methan, der Rest ist vor allem Kohlendioxid, also CO2. Das CO2 muss entfernt werden. Erst wenn das passiert ist und das Biogas so viel Methan enthält wie Erdgas, kann es als Biomethan in das Gasnetz eingespeist und genutzt werden.

Solaranlagen ertragreicher als Maiswüsten

Die Biogasanlagen, die Gas produzieren, seien sehr groß und lieferten laut Seven zehn Prozent des Biogases. „Die brauchen sehr, sehr viele Rohstoffe, die aus einem sehr weiten Umkreis um die Anlage herangekarrt werden müssen. Um die Transportentfernung zu minimieren, haben wir dann um solche Anlagen herum große Konzentrationen von Maisfeldern.“

Der Experte für erneuerbare Energien plädiert deshalb dafür, die Anbauflächen stattdessen für Photovoltaikanlagen oder Windräder zu nutzen. Solaranlagen könnten im Jahr durchschnittlich 40-mal mehr Strom erzeugen als Biomasse, wie beispielsweise Mais auf der gleichen Fläche. Das steht in einem internen Papier des UBA. Deswegen gilt Biogas als deutlich weniger umweltfreundlich als die anderen erneuerbaren Energien.

Mehr Güllenutzung kaum möglich

Nur wenn man Gülle verwendet, ergeben solche Anlagen wirklich Sinn. Denn dann spart man Methan-Emissionen und macht noch etwas Nützliches daraus, sagt der Energieexperte. 30 Prozent der Gülle werde heute zur Energiegewinnung genutzt. Allerdings kann aus Gülle weniger Energie gewonnen werden als beispielsweise aus Mais.

Mehr Gülle einzusetzen, ist zwar möglich, schreibt das Umweltbundesamt in einer Studie – dafür müssten sich aber die Rahmenbedingungen ändern. „Die restlichen 70 Prozent auch noch zu nutzen, ist ein hehres Ziel. Das ist nicht so einfach“, schätzt Jan Seven ein. Gülle zu vergären sei weniger Energiegewinnung als eine „Form der klimaverträglichen Abfallbeseitigung.“

Die Biogashersteller wollen mit Bioenergie zwar kurzfristig russisches Gas ersetzen. Das ist aber teuer und schlecht für die Umwelt. Denn es bedeutet: mehr extra angebaute Pflanzen wie Mais für die Energiegewinnung einzusetzen.

Dieser Beitrag ist zuerst bei ntv.de erschienen.

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