Inflationsdebatte Isabella Weber: „Die erste Reaktion war Panik“

Blick in einen italienischen Supermarkt: Die Inflationsrate im Euroraum liegt so hoch wie nie zuvor
Blick in einen italienischen Supermarkt: Die Inflationsrate im Euroraum liegt so hoch wie nie zuvor
© IMAGO / Xinhua
Was tun gegen die galoppierende Inflation? Mit ihrem Vorschlag für selektive Preiskontrollen hat die Ökonomin Isabella Weber eine hitzige Debatte entfacht. Im Interview verteidigt sie ihre Idee – und erzählt, wie sie die Diskussion um ihren Vorschlag erlebt hat

Als die in den USA lehrende deutsche Ökonomin Isabella Weber Ende Dezember im „Guardian“ den Vorschlag unterbreitete, die hohen Inflationsraten mit gezielten Preiskontrollen einzudämmen, rief sie damit Unterstützer wie Kritiker gleichermaßen auf den Plan. „Exzellent“ nannte die linke Forscherin Mariana Mazzucato die Idee – Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman polterte hingegen, der Vorschlag sei „dumm“ (seine Formulierung kassierte er allerdings später wieder).

In jedem Fall war es Weber gelungen, eine Debatte anzustoßen – die sogar bis heute anhält. Ob sie weiter zu ihrer Idee steht und wie sie die von ihr entfachte Diskussion erlebt hat, erklärt sie im Interview mit Capital.

Capital: Frau Weber, Ihr Vorschlag, selektive Preisdeckelungen als Instrument gegen die Inflation zu erwägen, hat für viel Aufmerksamkeit gesorgt. Was spricht für diesen Ansatz?

Isabella Weber ist Assistant Professor an der University of Massachusetts Amherst
Isabella Weber ist Assistant Professor an der University of Massachusetts Amherst
© PR

ISABELLA WEBER: Zunächst einmal muss man sich fragen, mit was für einer Inflationsdynamik wir es zu tun haben: Die Nachfrage für bestimmte Produkte ist als Ergebnis der Shutdowns deutlich gestiegen. Dazu kommt, dass Unternehmen das Angebot aufgrund der Lieferengpässe nur begrenzt ausweiten können. Außerdem können sich neue Anbieter in dieser Lage nicht am Markt etablieren und das Angebot ausweiten. Und zu guter letzt sind allen Unternehmen diese Schwierigkeiten bewusst. Gerade in stark konzentrierten Branchen liegt der Wettbewerb in der Pandemie somit in gewisser Weise auf Eis und Preissteigerungen sind teilweise willkürlich. Zusätzlich zu der Pandemie kommt nun noch der riesige Schock der russischen Invasion in der Ukraine, der die Energiepreise weiter explodieren lässt. 

Was heißt das für den Preisanstieg, den wir in vielen Bereichen sehen?

Man kann beobachten, dass bei einigen Produkten die Preise deutlich stärker steigen als die Inflationsrate, bei Rohstoffen, Energie und Lieferkosten zum Beispiel. Daher stellt sich die Frage, ob einige Unternehmen die höheren Kosten nicht nur weitergeben, sondern die Preise so erhöhen, dass ihnen ungewöhnliche Profite bleiben. Wenn das bei mehreren Produkten der Fall ist, kann der Preisanstieg für Verbraucher gehörig sein. Noch fehlen viele der Daten. Diese werden nur nach und nach verfügbar, aber in der Wirtschaftsberichterstattung wurde seit dem Herbst wiederholt auf den Zusammenhang zwischen starken Preisanstiegen und außergewöhnlich hohen Profiten verwiesen. Auch die Bundesbank macht das Argument, dass viele Unternehmen nicht einfach nur erhöhte Kosten weitergegeben haben, sondern die Gelegenheit auch nutzen, um ihre Margen zu erhöhen.

Und wie würde Ihr Ansatz dagegen helfen?

Es gibt Modelle für ein staatliches Monitoring von Preisen in Marktwirtschaften. In der Schweiz setzt man beispielsweise schon seit Jahrzehnten auf den sogenannten Preisüberwacher, der eingreifen soll, wenn der Wettbewerb eingeschränkt ist und der Markt allein nicht als Preisüberwacher fungieren kann. Aktuell besteht insbesondere hinsichtlich des Gaspreises dringender Handlungsbedarf, wie Sebastian Dullien und ich in der „Süddeutschen Zeitung“ dargelegt haben. Die Gaspreisexplosion führt für viele Haushalte zu einer schwer zu schulternden finanziellen Belastung. Wir schlagen deshalb eine staatliche Preissicherung für den Grundverbrauch vor. 

Wie würde das funktionieren?

Der Gaspreisdeckel würde die gemessene Inflation bremsen und dennoch durch hohe Marktpreise für den Verbrauch jenseits der Grundsicherung klimapolitische Anreize zum Energiesparen setzen. Das mag zunächst wie eine überraschende Maßnahme klingen. Allerdings haben wir in vielen Bereichen schon Preise, die nicht auf einem freien Markt entstehen, sondern das Ergebnis von gesellschaftlichen und politischen Verhandlungsprozessen sind. Laut Daten von Eurostat sind in Deutschland mehr als 15 Prozent der Preise schon heute staatlich administriert. Auch ist ein solches zweigleisiges Preissystem nicht neu. Ludwig Erhard griff zum Beispiel darauf mit dem Jedermann-Programm zurück, als die Preis- und Währungsreform Inflation und einen Generalstreik auslöste. 

Im Kampf gegen die Inflation hat bisher trotzdem die Idee überwogen, dass sich die Lage von selbst normalisiert. Warum reicht es denn nicht, abzuwarten?

Gerade für Haushalte mit geringem Einkommen wird dieser Ansatz schnell zu einem ernstzunehmenden Problem. Denn dort machen sich höhere Preise schon von Anfang bemerkbar. Hinzu kommt nun der Krieg in der Ukraine, der bestimmte Energie-, Rohmaterial- und Getreidepreise weiter in die Höhe treiben wird. Die Gefahr des Abwartens ist, dass die Inflation eine Eigendynamik einnimmt, die dann nur noch mit sehr weitreichenden Maßnahmen einzudämmen ist. 

Erste Länder wie Frankreich haben dem schon einen Inflationsausgleich für ärmere Haushalte entgegengesetzt.

Um den schlimmsten Auswirkungen der Inflation und der steigenden Ungleichheit schnell entgegenzuwirken, ist das ein richtiger Schritt. Wenn man sich aber nur auf solche Transferleistungen verlässt, unterbindet man nicht die Preisanstiege. Man ermöglicht so lediglich, dass die Haushalte die höheren Preise zahlen können. Es besteht dabei die Gefahr, dass, wenn bestimmte Preise erst einmal stark gestiegen sind, es zu Preisspiralen oder auch Lohnpreisspiralen kommen kann. Inflation kann im Frühstadium am besten bekämpft werden. 

Viele Zentralbanken planen bereits Zinserhöhungen. Was erwarten Sie von diesem Schritt?

Zinserhöhungen wirken erst verzögert. Direkt beeinflussen sie vor allem den Wechselkurs. Das ist gut für die Importpreise, die in der Pandemie auch gestiegen sind, aber das allein reicht nicht. Deutschland ist ja eine Exportnation. Darüber hinaus schocken Zinserhöhungen das gesamte System auf einmal und nicht nur die Sektoren, in denen die Preissteigerungen passieren und bringen die Gefahr einer Rezession. Insofern stellt sich die Frage, ob man nicht lieber spezifische Lösungen für spezifische Probleme in bestimmten Sektoren suchen will anstatt mit dem Hammer einer Zinserhöhung den Aufschwung zu gefährden.

Die US-Regierung erwägt ja schon einen spezifischen Ansatz und will das Kartellrecht stärken.

Ja, die Herausforderung ist, dass die kartellrechtlichen Verfahren in der Regel lange dauern. Natürlich kann es unter Unternehmen zu einem vorauseilenden Gehorsam kommen, wenn man kartellrechtliche Folgen für bestehende Preispraktiken ankündigt. Da es aber dauern wird, bis diese Folgen eintreten, kann man sich nur bedingt darauf verlassen, dass dieser vorauseilende Gehorsam genug ist. Es ist trotz dieser praktischen Herausforderungen gut, dass mit der Diskussion um den Zusammenhang zwischen Marktmacht, Kartellrecht und Preiserhöhungen eine ganz neue Perspektive auf die gegenwärtige Inflation eröffnet wird.

Das heißt: Es ist an der Zeit für unkonventionelle Ideen?

Bevor man reflexartig zu Standardantworten greift, die für Zeiten ohne Pandemie, Shutdowns und nun schrecklicherweise auch Krieg entwickelt wurden, scheint eine offene Diskussion wichtig. Es geht um Lösungsansätze für eine so vorher nicht dagewesene wirtschaftliche Herausforderung. Die Idee, gegen spezifische Preissteigerungen vorzugehen, ist auch kein Allheilmittel. Sie müsste Teil von einer breiteren politischen Antwort sein. Wir können nicht davon ausgehen, dass sich die Wirtschaft nach einem einzigartigen Schock wie der Pandemie einfach mit althergebrachten Maßnahmen in den Griff bekommen lässt. Stattdessen sollten wir kreativ über neue wirtschaftspolitische Möglichkeiten nachdenken. Insofern ging es mir mit meinem Artikel im „Guardian“ darum, eine Debatte ohne intellektuelle Scheuklappen anzustoßen.

Das ist Ihnen gelungen. Wie haben Sie die Diskussion erlebt, die sich da entwickelt hat?

Die erste Reaktion war Panik, dass etwas, das von der Standardmeinung abweicht, so weit in der Mainstream-Debatte auftaucht. Gleichzeitig kam mein Gastbeitrag zu einem Zeitpunkt heraus, an dem viele Ökonomen angefangen haben, ihre eigenen Einschätzungen anzupassen und anzuerkennen, dass die Inflation vielleicht doch eine Weile andauern wird.   

Trotzdem war der Ton Ihnen gegenüber ziemlich harsch und beleidigend…

Ja, wie das „Handelsblatt“ dargelegt hat war da auch eine gute Portion Sexismus dabei. Auf der positiven Seite gab es nach den Beleidigungen aber auch mehr und mehr differenzierte Beiträge. Das zentrale Argument meines Artikels ist danach mehr und mehr zu einer zitierten Position geworden. Anfang Januar sind mit Elizabeth Warren die Stimmen in den USA, die auf die Rolle von Profitsteigerungen und spezifischen Preissteigerungen bei der Inflationsdynamik verweisen, noch einmal viel lauter geworden. Auch Paul Krugman hat vor kurzem eingeräumt, dass es einen Zusammenhang zwischen ungewöhnlich hohen Profitsteigerungen und Preissteigerungen gibt. Ein Artikel in der „New York Times“ hat auch vor ein paar Tagen den möglichen Nutzen von selektiven, temporären Preiskontrollen in Betracht gezogen. Meine Einschätzung ist also nur ein paar Wochen später bei weitem nicht mehr so exotisch.

Was erwarten Sie mit Blick auf die nächsten Wochen? 

Die Frage von produktspezifischen Preisdeckelungen wird gerade bei den Energiepreisen im Euroraum im Kontext des Krieges in der Ukraine noch wichtiger werden. Insofern werden wir noch mehr von dieser Debatte hören. 

Sehen Sie auch Risiken für Ihren Ansatz?

Risiken gibt es immer. Zum Beispiel kann es bei dem von uns vorgeschlagenen Gaspreisdeckel je nach Entwicklung der Gasimportpreise zu hohen Subventionskosten kommen. Allerdings sind diese Kosten nicht das Ergebnis der Gaspreisdeckels, sondern des Krieges. Und die Frage ist, wer dafür aufkommt – der Staat oder die Haushalte. Vor allem für Haushalte mit niedrigen und mittleren Einkommen sind die Mehrkosten kaum zu schultern. Für den Staat ist es im Gegensatz dazu durchaus möglich, diese Mehrkosten zu tragen, wie die schnelle Ausweitung des Verteidigungshaushaltes gezeigt hat.


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