KolumnePreissetzungsmacht: Wer hat Angst vor der Inflation?

Auslage im Apple Store im Zentrum fotografiert durch die Schaufenster
Apple verfügt über eine hohe PreissetzungsmachtIMAGO / Future Image

Für Wirtschaftsnobelpreisträger Eugene Fama ist die aktuelle Geldpolitik nur großes Theater – sie sei „wie Pornografie: lediglich Unterhaltung und nicht real“. Fama bezieht sich dabei auf die Strategie der Zentralbanken, langfristige Schulden aufzukaufen und in ähnlichem Umfang kurzfristige Schulden zu begeben. Die Einlagen der Banken bei der EZB belaufen sich schon auf etwa 4320 Mrd. Euro, was gut 30 Prozent der aktuellen Geldmenge M3 der Eurozone entspricht. Die Regierungen können diesen Schatz früher oder später mit der Vergabe von Bürgschaften oder Kreditsicherheiten begierig heben. Und dann drohen gemäß Quantitätstheorie mittelfristig Geldentwertungen um ebendiese 30 Prozent.

Peter Seppelfricke lehrt Finanzwirtschaft an der Hochschule Osnabrück. Er ist zugleich Gründer und Geschäftsführer der Value Investor Research GmbH

Aber nicht nur die Geldmenge löst inflationäre Tendenzen aus. Corona legt wie ein Brennglas viele Probleme in der Wirtschaft offen. Unternehmen haben realisiert, dass die Globalisierung bzw. komplexe Lieferketten auch viele Risiken bergen. Es ist bereits jetzt erkennbar, dass in vielen Sektoren die kostengünstigen Werkbänke in China beziehungsweise Asien vielfach durch eine teurere, heimische Produktion ersetzt werden. Damit wird auch eine „Cost-Push-Inflation“ in Gang gesetzt.

Daneben zeichnet sich nach dem Ende der Krise ein typischer „Boom-Bust-Zyklus“ ab: Es wurden viele Kapazitäten (insbesondere im Reise- und Touristiksektor) zerstört und gleichzeitig hat sich bei den privaten Haushalten im Euroraum eine Kaufkraft von etwa 400 Mrd. Euro angestaut. Die deutlich steigende Auslastung der Kapazitäten wird den absehbaren Preisdruck weiter verschärfen.

Zauberwort Preissetzungsmacht

Diese Effekte werden vermutlich nicht schlagartig auftreten. Die Wucht der Inflation wird insbesondere davon abhängen, wie schnell die Konjunktur wieder auf einen Wachstumspfad einschwenken wird und inwieweit sich die Regierung in der Eurozone eine „Bürgschaftswettlauf“ liefern werden. Das wahrscheinlichste Szenario ist, dass sich die Preissteigerungen etwa in einem Rahmen von circa drei bis vier Prozent jährlich in den kommenden Jahren einpendeln werden.

Vor diesem Hintergrund stellen sich viele Anleger die Frage, welche Unternehmen und Aktien am ehesten vor der absehbaren Geldentwertung geschützt sind. Das Zauberwort heißt hier Preissetzungsmacht: Je leichter Unternehmen Preissteigerungen im Einkauf an die Verbraucher weiterreichen können, desto weniger werden ihre Ergebnismargen und Gewinne im Zuge der zunehmenden Inflation einbüßen.

In wettbewerbsintensiven Branchen verfügen Unternehmen über keine Preissetzungsmacht. Angehende Ökonomen lernen schon in ihren ersten Semestern, dass bei einem sogenannten „vollkommenen Wettbewerb“ die Kapitalrenditen in etwa den Kapitalkosten der Unternehmen entsprechen. In weniger wettbewerbsintensiven Branchen verfügen Unternehmen über eine höhere Preissetzungsmacht.

Aus der Analyse einer Reihe von globalen Konzernen ergibt sich, dass Unternehmen in einigen bestimmten Branchen sich stärker gegen Inflationsgefahren wehren können:

  • Pharma-Konzerne: Unternehmen wie Genmab, Roche oder AstraZeneca verfügen über eine sehr hohe Preissetzungsmacht. Aufgrund von hohen Aufwendungen für Forschung und Entwicklung bei einzelnen Medikamenten sind diese Unternehmen vor unliebsamer Konkurrenz geschützt und können die Preise den Kunden regelmäßig diktieren.
  • Technologieunternehmen: Internetkonzerne wie Alphabet, Apple oder Facebook können sich mithilfe von Wechselkosten oder Netzwerkeffekten vom Wettbewerb abkoppeln. Die zahlreichen loyalen Kunden agieren wenig preissensitiv, Preissteigerungen lassen sich problemlos durchsetzen.
  • Software-Konzerne: Die Produkte von Unternehmen wie SAP oder Oracle sind häufig sehr individuell auf Kunden zugeschnitten und lassen sich nur schwerlich ersetzen. Kunden können bei Preisanhebungen deshalb kaum auf alternative Anbieter ausweichen.
  • Markenunternehmen: Es ist auffällig, dass Konzerne mit einer Vielzahl von etablierten und angesehen Marken – zum Beispiel Diageo, Procter&Gamble oder Colgate-Palmolive – über eine hohe Preissetzungsmacht verfügen. Mit Hilfe einer starken Marke kann man sich dem Wettbewerb entziehen und einen eigenen Markt schaffen.

Die Unternehmen aus den größten deutschen Branchen (Automobile, Maschinenbau, Chemie) sind dagegen einem scharfen Wettbewerb ausgesetzt und dürften es schwer haben, Preissteigerungen bei Rohstoffen an die Abnehmer weiterzureichen. Nur vereinzelt findet man auch deutsche Unternehmen mit einer hohen Preisssetzungsmacht – Beispiele wären etwa Rational, HelloFresh oder SAP. Die meisten dieser Unternehmen sind jedoch in den USA beheimatet. Einen Home Bias sollten deutsche Anleger in einem Inflationsumfeld deshalb tunlichst vermeiden.

Bei Banken könnte sich ein allgemeiner Preisauftrieb übrigens auch positiv bemerkbar machen. Die Zinsstrukturkurve sollte sich im Zuge deutlich steigender Inflationserwartungen weiter ausweiten. Sichere Geschäfte mithilfe von Bürgschaftsprogrammen und steilere Zinsstrukturkurven eröffnen auch den Banken wieder bessere Perspektiven.