Vermögensaufbau Gegen den Zahn der Zeit: Wie Altersvorsorge bei hoher Inflation gelingt

Die Inflation erschwert den Vermögensaufbau für die Altersvorsorge.
Die Inflation erschwert den Vermögensaufbau für die Altersvorsorge.
© IMAGO / Bihlmayerfotografie
Zehn Jahre lang war die Inflation kein großes Thema mehr. Jetzt ist sie mit Macht zurück. Das erschwert den Vermögensaufbau fürs Alter. Wie die Altersvorsorge trotzdem gelingen kann

Schätzfrage: Wie viel ist ein Euro in 35 Jahren noch wert? 70 Cent? 50 Cent? Oder nur noch 25 Cent? Der Unterschied zwischen diesen drei Ergebnissen liegt in der Inflation: Bei einem Prozent jährlicher Geldentwertung sind nach 35 Jahren 30 Cent der Kaufkraft weg, bei zwei Prozent schon die Hälfte – und müssen wir mit vier Prozent Inflation rechnen, dann haben sich im selben Zeitraum die Preise vervierfacht.

Vier Prozent Inflation? Was bis vor wenigen Wochen noch einigermaßen unwahrscheinlich klang, liegt inzwischen sogar unter den allgemeinen Inflationserwartungen. Laut einer aktuellen Haushaltsbefragung der Deutschen Bundesbank rechnen Privatleute sowohl auf ein, fünf und zehn Jahre mit einer jährlichen Geldentwertung von mehr als vier Prozent.

Explodierende Energiekosten und Lieferengpässe hatten den Preisauftrieb zuletzt massiv befeuert. Und wer dachte, die Lage würde sich schnell wieder beruhigen, wird von der neuen Realität eingeholt. „Als die Inflation im vergangenen Jahr markant anstieg, meinten viele Experten, allen voran die EZB, dass sie Anfang 2022 wieder abnimmt“, sagt Klaus Morgenstern vom Deutschen Institut für Altersvorsorge (DIA). Das habe sich aber nicht bewahrheitet – und nun sollten Sparer längerfristig von einer anhaltend hohen Inflationsrate ausgehen und dies in ihren Anlageentscheidungen berücksichtigen. Die gute Nachricht vorweg: Staatlich geförderte Rentenbausteine inklusive der gesetzlichen Rentenversicherung sollten auf lange Sicht genau wie die Löhne in etwa mit der Inflation mitwachsen. Dagegen ist die hohe Geldentwertung Gift für die vielen Spareinlagen der Deutschen.

Hier geht es um rund 3 Billionen Euro an Sicht-, Termin- und Spareinlagen, die nach Bundesbank-Angaben praktisch unverzinst auf Konten oder Sparbüchern herumliegen. Der reale Vermögensverlust nach nur einem Jahr mit vier Prozent Inflation liegt somit bei 115 Mrd. Euro – das entspricht ungefähr den jährlichen Umsatzsteuereinnahmen des Bundes. Wenn das DIA anmahnt, die Altersvorsorge zu überdenken, geht es also darum, diese Vermögensverluste in dreistelliger Milliardenhöhe abzuwenden.

Bloß wie? Letztlich ist die Antwort auf diese Frage simpel: Nur wenn die Rendite beziehungsweise der Zins einer Anlage höher liegt als die Inflation, steigt das reale Vermögen. Sind sie gleich hoch, ist immerhin Kapitalerhalt möglich. Konkret bedeutet das, dass Vorsorgesparen momentan nur möglich ist mit Anlageprodukten, die mehr als vier Prozent Rendite abwerfen. Sparbücher, festverzinsliche Wertpapiere und Lebensversicherungen fallen bei dieser Betrachtung jedenfalls raus. So lag die durchschnittliche laufende Verzinsung der deutschen Lebensversicherer nach Berechnungen der Ratingagentur Assekurata im Jahr 2021 nur bei 2,06 Prozent – dabei sind Altverträge mit hohen Zinsversprechen mit eingerechnet. Für Zwölf-Monats-Feldgeld-Analgen gibt es nach Angaben der FMH-Finanzberatung maximal 0,7 Prozent Zinsen, für Tagesgeld sind höchsten 0,25 Prozent drin. All diese vermeintlich sicheren Sparideen vernichten derzeit reale Werte.

Aktien und Immobilien als Alternativen

Wer das vermeiden will, kommt nicht daran vorbei, gewisse Risiken einzugehen und in Anlageformen zu wechseln, die Kurs- oder Preisschwankungen unterliegen – allen voran Aktien.

Aktien bieten auf lange Sicht recht verlässlich Renditen oberhalb der Inflation, wie sich bei der Rückschau auf vergangene Jahrzehnte erweist: So ist beispielsweise der breite europäische Aktienmarktindex Euro Stoxx in den vergangenen 35 Jahren (bis Ende 2021) im Durchschnitt um jährlich 7,3 Prozent gestiegen.

Mit Blick auf die ungewisse Zukunft kommt noch eine theoretische Überlegung dazu: Wer in Aktien investiert, erwirbt Unternehmensanteile, bekommt also einen realen Wert für sein Geld. Aktiengesellschaften sind der Inflation nicht einfach ausgeliefert, sondern können ihr begegnen, indem sie beispielsweise selbst die Preise erhöhen. Auch das schützt Anleger vor den Folgen der Geldentwertung.

Ähnlich stabil und damit immun gegen Inflation zeigen sich in den vergangenen Jahren die Immobilienpreise. Mieten und Kaufpreise kletterten weitaus schneller als andere Preise. Auch Wohnungen und Häuser sind Realwerte und damit grundsätzlich geeignet, um auf Dauer der Geldentwertung ein Schnippchen zu schlagen – jedenfalls, solange die Nachfrage erhalten bleibt.

Der Begriff des Realwertes gilt schließlich auch für Gold, das besonders häufig genannte Hausmittel gegen Inflation. In der Tat ist Gold nicht nur wert, was draufsteht, sondern besitzt darüber hinaus einen inneren Wert – im Gegensatz zu Papiergeld. Weil Gold als knappes Edelmetall nicht beliebig vermehrbar ist, kann es auch nicht so stark abwerten wie reines Buchgeld, dessen Menge immer weiter zunimmt. Allerdings hat das Edelmetall im vergangenen Jahr Anlegern keine Gewinne beschert, was daran liegen dürfte, dass nach einer hohen Wertsteigerung im Vorjahr viele Anleger einen Teil ihrer Bestände verkauft haben. Mit Blick auf die kommenden Jahre sind Beobachter zudem vorsichtig, was die weitere Goldpreisentwicklung angeht. Denn anders als Immobilien oder Aktien erwirtschaftet Gold keinerlei Erträge. Und wenn bald die Zinsen steigen, um die hohe Inflation auszubremsen, dann wird das zinslose Gold im Vergleich zu anderen Anlagen uninteressanter. Als Wertaufbewahrungsmittel hat das Edelmetall langfristig sicherlich seine Daseinsberechtigung. Zur Wertsteigerung nicht unbedingt – doch darum geht es bei der Altersvorsorge letztlich auch.


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