Kolumne Aktienrente – besser spät als nie

Christoph Bruns
Christoph Bruns
© Lyndon French
Lange hat sich die Politik vor der Notwendigkeit einer Aktienrente herumgedrückt und damit die gute Entwicklung an den Märkten verpasst. Trotzdem ist es zu begrüßen, dass die Ampel-Koalitionäre das Thema nun endlich anpacken

Dem Vernehmen nach prüfen SPD, Grüne und FDP, ob das bestehende Altersvorsorgesystem um eine kapitalgedeckte dritte Säule ergänzt werden kann. Für die Bundesrepublik ist das eine bahnbrechende Entwicklung, denn mit der Aktienanlage fremdeln Politik und Bevölkerung schon seit Gründung der Republik. Im 19. Jahrhundert war das anders. Führende Köpfe wie etwa Goethe als Finanzminister in Sachsen-Weimar, Helmuth von Moltke und Karl Marx waren sich über die Vorteile der Aktienanlage zum langfristigen Vermögensaufbau bewusst.

Man könnte mit Recht von einem weiteren Sonderweg der Deutschen sprechen, denn die meisten Nachbarländer pflegen einen wesentlich entspannteren Umgang mit der Beteiligung an der Wirtschaft durch Aktienanlagen. Dabei sind es keineswegs nur die angelsächsischen Länder, die seit Jahrzehnten in der Altervorsorge eine starke kapitalgedeckte Säule pflegen. Auch die sehr reichen Nachbarländer Deutschlands, namentlich die Niederlande und die Schweiz, besitzen eine ausgeprägte dritte Säule in ihren Pensionssystemen.

Zur Ehrenrettung Deutschlands ließe sich anfügen, daß die Reformregierung Schröder / Fischer einen Versuch unternahm, den Einstieg in die kapitalgedeckte private Altersversorge zu finden. Unter den Namen Riester- und Rürup-Rente sind diese Versuche in die Geschichte eingegangen, wenngleich sie aus handwerklichen Gründen gescheitert sind. Der allzu deutsche Hang zu Zinsprodukten, Garantien und Versicherungen führte faktisch zu untauglichen Anlagestrategien.

Weil aber die demographische Entwicklung sehr unvorteilhaft für das bestehende Umlagesystem ist, sehen sich die Koalitionsverhandler gezwungen, das Rentensystem umzubauen. Gelingt das nicht, dann muss ein ständig zunehmender Teil der Renten aus den Steuereinnahmen bezahlt werden, denn die Rentenbeiträge reichen bereits seit Längerem nicht mehr zur Deckung der Rentenzahlungen aus. Genau besehen war diese Entwicklung seit dem Pillenknick in den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts absehbar. Es gehört zu den größten Versagensleistungen deutscher Politik, dieses schwerwiegende Problem nicht angemessen aufgegriffen zu haben. Auch unter Frau Merkel wurde diesbezüglich nichts geleistet.

Möglicherweise hat es neben der nachteiligen Demographie auch die Abschaffung positiver Zinsen bedurft, um den Koalitionsverhandlern klar zu machen, dass der einzig kluge langfristige Weg zum Vermögensaufbau in der Beteiligung an der Wirtschaft qua Aktienanlagen besteht. Schade ist, dass die Politik die Aktienmarktentwicklung der letzten vier Jahrzehnte verschlafen hat, obwohl es an Stimmen nicht gefehlt hat, die frühzeitig auf das Defizit hingewiesen haben.

Dennoch ist es jetzt richtig, nach vorne zu blicken und nicht den verpassten Möglichkeiten der Vergangenheit nachzutrauern. Deutschland ist eben eine verspätete Nation. Freilich wird es auf die Details ankommen, um ein fundiertes Urteil über die Pläne der kommenden Regierung zu treffen. Immerhin lässt sich zur Aktienrente mit Titus Livius, dem großen römischen Historiker sagen: „Potius sero quam numquam!“ (Besser spät als nie)

Christoph Bruns ist Fondsmanager, Vorstand und Hauptaktionär der Fondsgesellschaft Loys AG. Hier finden Sie weitere Kolumnen von Christoph Bruns


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