Rentenreform Was spricht für die Aktienrente – und was dagegen?

Aktienkurse an einer Anzeigetafel im Handelssaal der Deutschen Börse
Aktienkurse an einer Anzeigetafel im Handelssaal der Deutschen Börse
© STPP / IMAGO
Die nächste Bundesregierung könnte ein kapitalgedecktes Rentenmodell testen. Sowohl dessen Befürworter als auch dessen Kritiker haben einige gute Argumente auf ihrer Seite

Die Verhandlungen zwischen SPD, Grünen und FDP laufen; die Wahrscheinlichkeit, dass die nächste Bundesregierung eine Ampel-Koalition wird, ist hoch. Damit rückt die dringend nötige Rentenreform näher, und auch die Möglichkeit, dass die nächste Regierung ein kapitalgedecktes Rentenmodell ausprobieren wird. Insbesondere die FDP macht sich für eine Aktienrente nach schwedischem Vorbild stark. Ihre Forderung danach hat es bereits ins Sondierungspapier geschafft: Darin ist die Rede von 10 Mrd. Euro, die die Deutsche Rentenversicherung im kommenden Jahr aus Bundesmitteln für die Anlage am Kapitalmarkt bekommen soll.

Eine kapitalgedeckte Rente, in welcher Form auch immer, hat viele Fans, aber auch viele Kritiker. Darunter sind nicht nur solche, die die Börse pauschal als Casino verteufeln. Sondern auch Ökonomen, die Zweifel daran haben, dass es möglich ist, eine Alternative zum umlagefinanzierten Rentenmodell einzuführen, ohne Nachteile für die aktuell berufstätigen Generationen in Kauf zu nehmen.

Das sagen Befürworter der Aktienrente

Das umlagefinanzierte Rentenmodell, bei dem die Jungen für die Alten zahlen, steht wegen des demografischen Wandels kurz vor dem Kollaps. Staatlich geförderte, private Ergänzungen wie die Riester-Rente stehen wegen hoher Kosten in der Kritik und sind durch die Niedrigzinsen unter Druck geraten. Ein kapitalgedecktes Modell würde beide Probleme auf einen Streich lösen, argumentieren Befürworter der Aktienrente: Erstens legen erwerbstätige Bürger damit für ihre eigene Rente an, statt den Ruhestand der jeweils älteren Generation zu finanzieren – das entschärft den Demografie-Faktor. Zweitens versprechen Aktieninvestments höhere Renditen und niedrigere Kosten als Zinsprodukte, erst recht solche mit doppelter Kostenstruktur wie Fonds im Versicherungsmantel.

Ähnlich wie die Schweden könnten auch die Deutschen einen kleinen Teil ihrer Rentenbeiträge in einen staatlich gelenkten Fonds fließen lassen, der in Aktien und Anleihen investiert. Eine solche Lösung würde das Rentenniveau stabilisieren und den Staat, der die gesetzliche Rentenversicherung schon heute jedes Jahr mit einer dreistelligen Milliardensumme bezuschusst, entlasten, argumentiert die FDP. Ein staatlicher Rentenfonds mit solider, langfristiger Anlagestrategie und niedrigen Kosten dürfte Anlegern zudem stabilere Renditen einbringen als Investments auf eigene Faust.

Nicht nur Liberale sprechen sich für ein kapitalgedecktes Rentenmodell aus, auch Verbraucherschützer fordern seit Jahren ein solches Modell – allerdings als Teil der dritten Säule, also der privaten Altersvorsorge, nicht als Teil der gesetzlichen Rente. Die Beiträge zu einem staatlich verwalteten Vorsorgefonds könnten vom Arbeitgeber automatisch abgeführt werden, sagt Dorothea Mohn vom Bundesverband der Verbraucherzentralen (VZBV). Wer das nicht will, müsste aktiv ablehnen. Durch ein solches Opt-Out-System würde ein weiteres Problem angegangen: Viele Deutsche kümmern sich zu wenig um ihre Altersvorsorge.

Der Zeitpunkt für den Einstieg in eine Aktienrente wäre gut, sagen Ökonomen. Die rekordtiefen Zinsen würden es dem Staat nämlich ermöglichen, äußerst günstig Schulden zu machen , um einen Kapitalstock aufzubauen, mit dem erste Erträge erwirtschaftet werden können. Dank seiner hervorragenden Bonität und der negativen Zinsen kann Deutschland unterm Strich am Geld verleihen sogar verdienen. Zudem senkt die steigende Inflation die Last der Staatsschulden.

Das sagen Kritiker der Aktienrente

Wer der Börse misstrauisch gegenübersteht, hat Sorge, dass der Staat die Rente seiner Bürger in riskante Wertpapiere investieren könnte, weist auf die regelmäßig auftretenden Krisen im globalen Finanzsystem hin und befürchtet, dass am Ende weniger statt mehr Geld für die Rente da wäre. Zudem würden die Arbeitgeber bei einem kapitalgedeckten Rentenmodell aus der paritätischen Finanzierung entlassen, kritisiert der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB). Vermögensverwalter sind skeptisch, dass der deutsche Staat als Aktieninvestor eine gute Figur machen würde, und wollen die Vorsorge via Kapitalmarkt lieber weiter in privaten Händen wissen.

Einige Wirtschaftswissenschaftler, die einer Aktienrente generell offen gegenüberstehen, halten den aktuellen Zeitpunkt für ungünstig, um einen solchen Versuch zu wagen. Erstens dürften die Aktienrenditen in den kommenden Jahrzehnten nach Einschätzung vieler Experten nicht mehr so üppig ausfallen wie in der Vergangenheit. Zweitens müsste die junge Generation, die der älteren zahlenmäßig deutlich unterlegen ist, doppelt zahlen, gibt Rentenexperte Axel Börsch-Supan zu bedenken : Sie müsste via Umlageverfahren die Rente ihrer Eltern und Großeltern finanzieren und gleichzeitig einen Kapitalstock für ihre eigenen Ruhestandszahlungen aufbauen. Mit dem aktuellen Missverhältnis zwischen älteren und jüngeren Bürgern könne das nicht klappen, sagt Börsch-Supan. Andere Wirtschaftsexperten weisen darauf hin, dass der Aufbau eines Kapitalstocks länger dauern würde, als das aktuelle Rentensystem noch finanzierbar ist.

Und wer hat Recht?

Beide Seiten haben valide Argumente. Klar ist: Das umlagefinanzierte Rentenmodell muss reformiert werden. Ein kapitalgedecktes Modell als Alternative ist durchaus eine Überlegung wert. Viele Bedenken dazu betreffen Details, etwa die Frage, ob der Staat ein Zugriffsrecht auf die Anlagebeträge hätte und versuchen könnte, damit seinen Haushalt auszugleichen. Diese Bedenken ließen sich mit einer klugen Ausgestaltung ausräumen. Eine zentrale Frage für die Ausgestaltung einer Aktienrente ist allerdings, ob sie Bestandteil der gesetzlichen Rente oder der privaten Altersvorsorge wäre. Das muss die nächste Bundesregierung entscheiden.

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