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Aktivistische Investoren Bayer und die Krachmacherjungs

Das Bayer-Kreuz leuchtet auf dem Werksgelände des Konzerns in Leverkusen
Das Bayer-Kreuz leuchtet auf dem Werksgelände in Leverkusen: Der Konzern ist zur Zielscheibe aktivistischer Investoren geworden
© IMAGO / Rupert Oberhäuser
Der Kurs der Bayer-Aktie dümpelt dahin. Jetzt hat der Konzern aktivistische Investoren am Hals, die einen Kurswechsel fordern und ordentlich Wind machen. Ob sie sich durchsetzen ist ungewiss, aber eins steht fest: Sie werden ihren Schnitt machen

Das Spektakel funktioniert immer gleich. Die Angreifer suchen sich ein Unternehmen mit niedriger Börsenbewertung, dessen Management angezählt ist. Dann steigen sie mit ein paar Prozentpünktchen ein. Und veranstalten einen Riesenrabatz. Da wird die Aufspaltung des Unternehmens gefordert, eine bessere Strategie und ein neuer, besserer CEO sowieso. Das Interesse ist meist: Schneller Kursanstieg durch gesteigerte Erwartungen. Und dann Gewinnmitnahme. Dem Spiel frönen vor allem sehr vermögende Hedgefonds und ihre Chefs. Manchmal bluffen sie auch nur, kaufen gar keine oder weniger Aktien als sie sagen. Aktivistische Investoren nennt die Fachwelt die unbequemen Nörgler.  

Dass es das Agrar- und Pharmaunternehmen Bayer (wieder) erwischen würde, war nur eine Frage der Zeit. Denn die Aktie dümpelt an der Börse zwischen 50 und 60 Euro dahin – weit entfernt von Höchstständen vor der Monsanto-Übernahme 2016. Bayer leidet seit Jahren unter einer Klageflut wegen des Unkrautvernichters Roundup, einer Mitgift Monsantos. Mit der Laune der frustrierten Aktionären, deren Vermögen dahinschmolz, steht es auch nicht zum Besten.

Den Aufschlag bei Bayer machte am Montag Jeffrey Ubben mit seinem Inclusive Capital Partners Fonds, den der 61-Jährige Hedgefonds-Veteran im Jahr 2020 gegründet hatte. Er stockte seinen Anteil bei Bayer auf 0,83 Prozent auf – für die Kleinigkeit eines dreistelligen Millionenbetrags. Sodann machte er seinen Einstieg in einer freiwilligen Stimmrechtsmitteilung öffentlich und äußerte erste Kritik, milde im Ton, klar in der Sache. In der „Financial Times“ drängte Ubben auf eine externe Neubesetzung der Führungsspitze. Der Vertrag von Noch-CEO Werner Baumann endet im April 2024. Außerdem erinnerte Ubben das Bayer Management an seine Verpflichtung, den Aktienkurs zu steigern. Das existierende Management sei dazu „nicht in der Lage“. Sein Vorschlag: Bayer solle seine Struktur überdenken. Vorbild: Die Spin-offs der Gas- und Energiesparte bei Siemens. Die ultimative Zerschlagung des Konzerns sei jedoch nicht notwendig, um den Wert zu steigern.

Konzernführung lehnt Aufspaltung

Letzteres kam in Leverkusen gut an. Die Bayer-Führung lehnt eine Aufspaltung seit Jahren ab. Damit gingen wichtige Synergien zwischen den Sparten Pharma und Agrartechnik verloren. Gerade in der Forschung profitiere man stark voneinander. Zudem habe sich der Konzern neu ausgerichtet, sich etwa von Lanxess (Chemie) Ende 2004 und Covestro (Kunststoff) 2015 getrennt. Aber auch die Divestments der jüngeren Zeit etwa von Animal Health und weiteren Nicht-Kerngeschäften zeigten, dass Bayer da sehr aktiv ist. Eine Aufspaltung des Unternehmens würde keine Werte schaffen, sondern vernichten. Das könne nicht im Interesse der Aktionäre sein.

Dagegen halten allerdings etliche unabhängige Experten. Die Synergien zwischen Agrar und Pharma seien überschaubar, die einzelnen Teile von Bayer dürften mehr wert sein das Ganze. Seit längerem kursieren Papiere, die vorrechnen, welchen Mehrwert eine Zerschlagung bringen würde. Danach sind die einzelnen Bayer-Sparten in Summe rund 100 Mrd. Dollar (umgerechnet etwa 93 Mrd. Euro) wert. Der derzeitige Unternehmenswert wird dagegen mit weniger als 80 Mrd. Dollar veranschlagt.

Die Debatte um eine mögliche Aufspaltung dürfte in den nächsten Monaten hitziger werden. Weiter angefacht hat sie diese Woche der Londoner Hedgefonds Bluebell Capital, der ebenfalls bei Bayer eingestiegen ist und der Bayer-Führung pronto die Zerschlagung ihres Unternehmens auferlegte. Der Londoner Aktivist ist bekannt dafür, nur sehr geringe Anteile zu kaufen, aber seine Position lautstark zu pushen. Wie viele Aktien er hält, ist unklar. Möglich sogar, dass er nur blufft, erzählen sie hinter den Kulissen bei Bayer. Investoren müssen ihren Einstieg erst ab drei Prozent bei der Bafin anzeigen.

Doch allem Getöse zum Trotz: Zur Aufspaltung wird es (kurzfristig) nicht kommen. Baumann wird und sollte sie nicht mehr treffen. Erst muss seine Nachfolge gelöst sein. Die Suche läuft längst – und dürfte vor der Hauptversammlung Ende April fallen. Die Entscheidung wird ein erster Hinweis sein. Kommt der oder die Neue von außen, dürften radikalere Umbauarbeiten denkbar werden. Wird es ein Eigengewächs aus der Bayer-Familie – eher nicht. Gewinner so oder so: Die Krachmacherjungs, die nette Kursgewinne einstreichen werden.

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