InterviewRogoff erwartet Rückkehr der Euro-Krise

Herr Rogoff, die Welt schaut auf die USA und den neuen Präsidenten, und viele finden es sehr schwer vorherzusagen, was die Folgen seiner Politik sein werden. Was erwarten Sie?

Donald Trump bringt große politische Unsicherheit, weil er offensichtlich selbst nicht genau weiß, was er tun soll. Er hat sehr wenig Erfahrung und eine sehr sprunghafte Persönlichkeit. Und es zeichnet sich ab, dass er eine große präsidiale Macht ausüben möchte. Das könnte ein Belastungstest für die Institutionen in den USA werden. Auf Dauer ist das extrem problematisch. Dennoch, auf kurze Sicht wird die US-Wirtschaft gut laufen.

Warum ist das so?

Zum einen ging es ihr schon ziemlich gut, wir hatten ein solides Wachstum. Barack Obama hat bei aller Kritik einen guten Job gemacht, als er die USA 2009 aus der Großen Rezession führte. Sein Fehler war es, dass er dabei sehr schnell sehr viele Regulierungen eingeführt hat, die eine große Unsicherheit erzeugt haben und Investitionen bremsen. Trump will diese Regulierungen mit einem Schlag abschaffen. Allein seine Pläne auf der Angebotsseite werden einen positiven Effekt auf das Geschäftsklima haben, auf Investitionen und Wachstum in diesem und im kommenden Jahr.

Was halten Sie von Trumps Plänen einer Steuerreform und Investitionen in die Infrastruktur?

Eine Unternehmenssteuerreform ist eine gute Idee, denn derzeit haben wir einen ziemlichen Murks, eine Reform könnte zu mehr Wachstum führen. Die Pläne für eine Senkung der Einkommensteuer lehne ich aber entschieden ab. Schon die Steuersenkungen im Jahr 2001 unter George W. Bush waren eines der größten Fehler in der US-Politik in diesem Jahrhundert. Steuersenkungen für Reiche gehen zu 180 Grad in die falsche Richtung, sie vergrößern die Ungleichheit, die eines unserer größten Probleme ist. Den unzufriedenen Menschen, die Trump gewählt haben, hilft dies überhaupt nichts. Ich vermute, dass er persönlich diese Steuersenkungen auch gar nicht unbedingt haben möchte, es ist ein Zugeständnis an die republikanische Partei. Seine Pläne für mehr Investitionen in die Infrastruktur werden natürlich einen Effekt auf das Wachstum haben.

„…dann haben wir das klassische Makro-Schlamassel“

Capital-Cover 03/2017
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Also wird es 2017 in den USA weiter bergauf gehen. Aber was erwarten Sie nach diesen Trump-Boom?

Die Effekte der Deregulierung und der Stimulus werden 2017 und 2018 das Wachstum weiter beflügeln. Aber 2019 könnte die US-Wirtschaft überhitzen, und dann haben wir das klassische Makro-Schlamassel. Die Inflation wird steigen, die Staatsschulden werden höher sein – und unsere Wirtschaft wird dadurch verwundbarer sein.

Trumps Handelspolitik ist derzeit das, was die meisten Gemüter erhitzt. Was erwarten Sie?

Wenn er seine Ankündigungen tatsächlich alle umsetzt, wird er Schaden anrichten. Aber es dauert eine Zeit, bis man den Handel wirklich kaputt macht. Auch hier bin ich auf kurze Sicht eher optimistisch, auf lange Sicht pessimistisch.

Aber Trump hat doch schon angefangen, über Twitter hat er etwa deutschen Autoherstellern gedroht…

Diese theatralischen Aktionen gegen Deutschland und China sind eine Tragödie. Aber der Präsident hat auf Dauer nicht genug Macht, Alleingänge zu starten, wir haben immer noch den Kongress. Ich bin vorsichtig optimistisch, dass er hier hauptsächlich Dinge tun wird, die für Schlagzeilen sorgen.

Viele fürchten dennoch eine neue Ära des Protektionismus und das Ende der Globalisierung.

Mein Kollege Harold James, Wirtschaftsprofessor in Princeton, hat in einem Buch im Jahr 2009 bereits dargelegt, dass es viele Wellen der Globalisierung gibt. Er argumentierte, dass etwa alle 25 Jahre ein Rückschritt zu beobachten ist. Das erleben wir derzeit, es geht also nicht nur um eine Wahl in den USA, die Bewegung ist viel breiter. Das Problem ist, dass es Trump nicht gelingen wird, all die Jobs in die Fabriken in den USA zurückzubringen, selbst wenn er Importe beschränkt oder sie mit Schutzzöllen belegt. Denn diese Jobs werden durch die fortschreitende Technologisierung ersetzt, nicht durch unfairen Handel mit China oder Deutschland. Chinas Präsident Xi hat auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos einen großartigen taktischen Schachzug gemacht, als er rhetorisch die Lücke gefüllt hat, die die USA und Europa derzeit hinterlassen.