Horst von Buttlar In allen Krisen sind wir nur Getriebene

Protest gegen den Ukraine-Krieg in Berlin
Protest gegen den Ukraine-Krieg in Berlin
© IMAGO / Bernd Friedel
Der Ukraine-Krieg hat einen Abgrund des 20. Jahrhunderts geöffnet, als wir die Aufgaben des 21. Jahrhunderts endlich anpacken wollten. Wir sollten nicht in diesem Loch verharren

Wir leben in Zeitenwendezeiten, in „einer anderen Welt“, es gibt ein Davor und ein Danach. Der Krieg in Europa, heißt es überall, hat alles verändert, ein Bruch sei es, ein Zivilisationsbruch, das Ende der alten Weltordnung, die Rückkehr eines alten Imperialismus. Es sind große Worte und Sätze, mit denen wir das Unfassbare zu erfassen versuchen. Und doch stehen hinter diesen Zeitenwendesätzen viel Angst und Ratlosigkeit. Was kommt jetzt?

Der Plan war ein anderer. Dieses Land wollte seit Herbst aufbrechen, sich neu erfinden, schneller werden, „mehr Fortschritt wagen“. Stattdessen Krisenmanagement, Aufrüstung, Kalter Krieg 2.0. Einen „nie erlebten Zusammenbruch des Zukunftsoptimismus“ diagnostizieren die Meinungsforscher in Allensbach, nur noch knapp jeder fünfte Deutsche blickt mit Hoffnung in die Zukunft. Wir sind in ein Loch gefallen, in ein weiteres, anderes Loch als vor zwei Jahren, als wir im ersten Lockdown auch runterkamen – und auf den Sommer warteten.

Unter diesem Krieg leidet die Ukraine, das steht an erster Stelle. Aber nach einigen Wochen des Krieges, der sich zu einem brutalen Bomben-, Stellungs-und Abnutzungskrieg ausgeweitet hat, müssen wir ein erstes Fazit ziehen, was die Schockwellen der russischen Aggression auch hier angerichtet haben.

Europa ist in diesem Schock vereint wie nie, aber verwundbar, überwältigt. Eng an der Seite der USA, als habe es Trump nie gegeben. Wir liefern Waffen, erwägen neue Raketenschutzschilde, stellen mehr Geld für neue Waffen bereit, als wir es jemals für möglich gehalten haben. Manche Politiker mussten innerhalb weniger Tage mehr Überzeugungen abräumen, als Volten in ein Leben passen. Unsere Regierung führt, auch wenn Olaf Scholz versunken wirkt, mit einem traumatisierten Pragmatismus. Sie tut, was getan werden muss. Allen voran Robert Habeck, der bestimmt nie Gasverträge in Katar aushandeln wollte. Oder über Kohlereserven nachdenken. Wäre diese Regierung ein Mensch, so wäre sie über Nacht grau geworden.

Habeck liefert in seiner Erschütterung nebenbei den Überbau: Wir alle haben uns die Zukunft anders vorgestellt, vor allem beim so existenziellen Umbau der Wirtschaft zur Klimaneutralität. Gas sollte die Brückentechnologie sein, Putins Gas, doch Russland hat diesen Plan auf furchtbare Weise durchkreuzt. Nun wird ein Weg, der ohnehin schwer war, noch schwerer. Sollen wir jetzt statt dreimal so schnell 3,5-mal so schnell Windräder bauen?

Wir gestalten nicht, wir reagieren

Das ist die beste aller Annahmen: So wie eine furchtbare Pandemie uns eine segensreiche Schockdigitalisierung brachte und uns besser und schneller machte, so könnte dieser Krieg uns endgültig wachrütteln: weil er uns unsere Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen und unsere Verwundbarkeit schmerzlich vor Augen führt. Die doch abstrakte Notwendigkeit, die Wirtschaft klimaneutral umzubauen, wird furchtbar konkret, weil die Gaspipeline in Putins Russland eine der letzten Verbindungen zu diesem Despoten ist. Diese Erkenntnis schließt aber noch keine Stromlücke und tauscht keine Ölheizung aus. Der Pragmatismus dieser Wochen sollte uns weiter antreiben, nicht Wunschdenken, selbst wenn wir Getriebene bleiben. Und das sind wir – wir gestalten nicht, wir reagieren. 

Bei allen großen Krisen, die uns viel zu oft seit 2008 erschüttert haben – Finanzkrise, Euro-Krise, Flüchtlingskrise, Corona-Krise – waren wir Getriebene. Der Krieg hat einen Abgrund des 20. Jahrhunderts geöffnet, ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, als wir das 21. Jahrhundert endlich anpacken wollten. Das ist eine Tragödie, aber es sollte uns nicht ewig lähmen, sondern nur entschlossener machen. Was vorher wichtig und richtig war, wird nicht unwichtig oder falsch. 


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