Kolumne Nach der Winterpause: Der Aufschwung geht weiter

Ein Aufsteller auf dem Jungfernstieg auf dem Weihnachtsmarkt weist Besucher darauf hin, dass hier Maskenpflicht besteht und ein Mindestabstand von 1,5 Meter einzuhalten ist
Ein Aufsteller auf dem Jungfernstieg auf dem Weihnachtsmarkt weist Besucher darauf hin, dass hier Maskenpflicht besteht und ein Mindestabstand von 1,5 Meter einzuhalten ist
© Hanno Bode / IMAGO
Auch wenn die Lage trostlos erscheint und auch die Aussichten wenig Mut machen, die Wirtschaft hat gute Chancen auf eine Erholung im Frühjahr. Holger Schmieding ist optimistisch für die Konjunktur im kommenden Jahr

Selten war der Ausblick auf Wirtschaft und Finanzmärkte so zwiespältig wie heute. Einerseits lasten außergewöhnliche Schocks und Risiken auf der Konjunktur. Seit fast zwei Jahren grassiert die Pandemie, die in immer neuen Wellen über die Menschen in großen Teilen der Welt hereinbricht. Lieferketten sind ins Stocken geraten. Ein Anstieg der Inflation auf beiden Seiten des Atlantiks auf die höchsten Raten seit mehreren Dekaden schmälert die Kaufkraft vieler Menschen. Omikron könnte zudem der Konjunktur Anfang 2022 einen neuen schweren Schlag versetzen. Andererseits gibt es gute Gründe zur Annahme, dass die Wirtschaft nach einer Pause im Winter auch in Europa spätestens in Frühjahr 2022 wieder anspringen kann.

Mit einer kraftvollen Reaktion auf die Pandemie hat die Wirtschaftspolitik es 2020 und 2021 geschafft, die Arbeitsmärkte und Einkommen der Haushalte nahezu überall in der entwickelten Welt zu stabilisieren und die befürchtete Pleitewelle zu vermeiden. Auch dank staatlich gestützter Einkommen haben viele Haushalte in Zeiten des Virus zusätzliche Ersparnisse anhäufen können. Die Finanzlage der Unternehmen ist ebenfalls überwiegend gut. Sie haben Nachholbedarf bei Investitionen und möchten zudem dank hoher Auftragsbestände ihre Kapazitäten erweitern. Darüber hinaus planen viele Staaten, ihre Investitionen in die digitale Wirtschaft, die Infrastruktur, das Gesundheitswesen und den Klimaschutz aufzustocken.

Die Chancen und Risiken unterscheiden sich vor allem in ihrem Zeitprofil. Die Delta-Welle der Pandemie hat Kerneuropa im November und Dezember hart getroffen. Möglicherweise erweist sich die hoch ansteckende Omikron-Variante als so gefährlich, dass Anfang 2022 neue Lockdowns nötig sein werden, um Gesundheitssysteme nicht zu überlasten. Aber die Erfahrung der letzten 22 Monate hat gezeigt, dass die Pandemie von Welle zu Welle das Wirtschaftsgeschehen weniger beeinträchtigt als zuvor. Zudem hat die Welt ihre Möglichkeiten, Impfstoffe zu entwickeln, anzupassen und milliardenfach zu produzieren, seit 2020 erheblich ausgeweitet.

Erholung im Frühjahr

Spätestens im Frühjahr 2022 dürfte es gelingen, die Pandemie in der entwickelten Welt und vielen Schwellenländern so in den Griff zu bekommen, dass sie nicht mehr den Ausblick für Wirtschaft und Finanzmärkte prägt. Auch die Engpässe in Lieferketten dürften sich langsam auflösen, selbst wenn es bis weit ins Jahr 2023 dauern kann, bis der Mangel an Halbleitern endgültig behoben ist. Deshalb überwiegt beim Blick auf das Jahr 2022 insgesamt die Zuversicht.

Seit Mai 2020 haben wir bereits mehrfach erlebt, dass die privaten Verbraucher gerne ihre Geldbeutel öffnen, wenn die pandemische Lage dies zulässt. Das Leben lässt sich nicht unterdrücken. Sobald es möglich und hinreichend sicher ist, möchten die Menschen miteinander ausgehen, reisen und Kultur genießen. Nach jeder Welle der Pandemie ist gerade die Nachfrage der Haushalte jeweils schneller angesprungen als erwartet.

Die Arbeitsmärkte haben sich seit dem Sommer 2020 überraschend schnell vom Corona-Schock erholt. So hat die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung in Deutschland bereits im Juni 2021 einen neuen Rekord erreicht. Auch wenn insgesamt die Zahl der Beschäftigten in vielen Ländern noch etwas niedriger ist als vor der Pandemie, zeichnet sich in immer mehr Bereichen eine Knappheit von Arbeitskräften ab. Auf beiden Seiten des Atlantiks bieten Unternehmen mehr Stellen an als jemals zuvor. Deshalb können sich Arbeitnehmer auf einen stabilen Beschäftigungsausblick und höhere Löhne freuen. Das stützt ihre Bereitschaft, als Verbraucher tiefer in die Tasche zu greifen als üblich.

Auch für alle anderen Beiträge zur gesamtwirtschaftlichen Nachfrage stehen die Ampeln in der gesamten entwickelten Welt sowie in vielen Schwellenländern auf Grün. Unternehmen wollen mehr investieren. Sie haben Nachholbedarf, möchten ihre Kapazitäten aufstocken und zudem ihre Lieferketten so umgestalten, dass diese künftig weniger krisenanfällig sind. Auch die strikteren Vorgaben für den Klimaschutz erfordern neue Investitionen. Darüber hinaus möchten sie ihre Lagerbestände auffüllen.

Als Reaktion auf die Covid-19 Megarezession haben Finanzminister und Notenbanken nahezu überall auf der Welt die Geldschleusen ab März 2020 weiter geöffnet als je zuvor. Auch wenn die Geldpolitik – zum Glück – wieder zurückrudert, stützt sie auf absehbare Zeit die Nachfrage. Bisher zeichnet sich nur ab, dass Notenbanken den Fuß vom Gas nehmen, da die Konjunktur keinen weiteren Stimulus braucht. Zwar wirft die aktuell außerordentlich hohe Inflation viele Fragen auf, in den USA noch weit mehr als in Deutschland und der Eurozone. Dennoch werden die Notenbanken vermutlich auf absehbare Zeit ihre Politik nicht so energisch straffen wollen, dass dies einem Tritt auf die Bremse gleichkäme. Im Laufe des Jahres 2022 wird der Inflationsdruck voraussichtlich gerade in Deutschland und der Eurozone wieder spürbar nachlassen, da einige preistreibende Sondereffekte aus dem Vorjahresvergleich der Preisniveaus herausfallen werden. Der kräftige Anstieg der Energiepreise, der für etwa die Hälfte der Euro-Inflation verantwortlich ist, dürfte sich erfahrungsgemäß so nicht wiederholen.

Gute Chancen für ein leichtes Wachstum im ersten Quartal

Mit einem Zuwachs der Wirtschaftsleistung von geschätzt 2,6 Prozent ist Deutschland 2021 weit hinter der Entwicklung der Eurozone insgesamt (5,1 Prozent) und den USA (5,5 Prozent) zurückgeblieben. Dies hat zwei Gründe: Zum einen hat sich durch eine nachträgliche Revision der Daten und ein unerwartet gutes Ergebnis für das Schlussquartal 2020 herausgestellt, dass die Konjunktur 2020 weniger eingebrochen war als zunächst gedacht – und um weit weniger als in den meisten anderen Ländern der Eurozone. Entsprechend gab es 2021 weniger Aufholpotenzial in Deutschland. Zum anderen belastet der ausgeprägte Mangel an Halbleitern weltweit insbesondere die Automobilindustrie und den Maschinenbau. Da Deutschland einen größeren Teil seiner Wirtschaftsleistung in diesen beiden Wirtschaftszweigen erarbeitet als nahezu alle anderen Länder, hat dies die Wirtschaft hierzulande vergleichsweise hart getroffen.

source: tradingeconomics.com

Zum Jahreswechsel und Anfang 2022 könnten neue Restriktionen zum Eindämmen der Pandemie die Konjunktur zwar erheblich abbremsen. Auch die deutsche Wirtschaftsleistung mag kurzfristig wieder etwas schrumpfen, wie das bereits Anfang 2021 der Fall war. Allerdings gibt es weiterhin eine gute Chance, dass Deutschland stattdessen auch im ersten Quartal ein leichtes Wachstum erreichen kann. Es mehren sich die Anzeichen, dass einige der Lieferengpässe, die gerade für das industrie- und exportlastige Deutschland besonders ins Gewicht fallen, sich langsam etwas auflösen. Sofern es nicht zu einem langen Lockdown kommt, könnte dies die coronabedingten Einbußen abmildern oder sogar ausgleichen.

Keine Welle der Pandemie dauert ewig. Im weiteren Verlauf des Jahres werden die Auftriebskräfte vermutlich immer mehr die Oberhand gewinnen. Für Deutschland ist deshalb trotz einer möglichen Winterpause ein Wachstum von bis zu 4,2 Prozent im Gesamtjahr 2022 möglich. Das wäre nur knapp unterhalb der Zuwachsrate von 4,5 Prozent, die wir für die Eurozone insgesamt erwarten.

Holger Schmiedingist Chefvolkswirt der Berenberg Bank. Er schreibt hier regelmäßig über makroökonomische Themen. Weitere Kolumnen von Holger Schmieding finden Sie hier


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