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Holger Schmieding Bleibt Deutschland eine Rezession erspart?

Ein LNG-Tanker hat am schwimmenden LNG-Terminal in Wilhelmshaven festgemacht
LNG-Terminal Wilhelmshaven: Putins Energiekrieg läuft ins Leere
© Sina Schuldt / picture alliance/dpa
Die Prognosen für 2023 waren düster, jetzt sieht es so aus, als könnte Deutschland um eine Rezession herumkommen. Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank, erklärt, warum er verhalten optimistisch für 2023 ist
Holger Schmieding ist Chefvolkswirt der Berenberg Bank 
Holger Schmieding ist Chefvolkswirt der Berenberg Bank 
© Getty Images

Kommen wir ohne Rezession durch den Winter? Bisher sieht es zwar weiterhin so aus, als würde die deutsche Wirtschaft zum Jahresbeginn etwas schrumpfen. Das Verbrauchervertrauen ist immer noch angeschlagen, die Preise steigen schneller als die Einkommen, der Wohnungsbau bricht ein und Unternehmen erhalten weniger neue Aufträge. Aber in den letzten Wochen ist die Chance erheblich gestiegen, dass Deutschland an einer Rezession vorbeischrammen und mit einer Stagnation davonkommen kann, bevor die Konjunktur ab spätestens Mitte des Jahres wieder Tritt fassen dürfte.

Der Ausblick hat sich aufgehellt. Dies hat vor allem einen Grund. Der Versuch des russischen Präsidenten Wladimir Putin, uns mit der Gaswaffe zu erpressen, ist gescheitert. Auch ohne Nordstream sind unsere Gasspeicher heute so voll wie selten zuvor zu dieser Jahreszeit. Mit 78 Prozent lag der Füllstand der Speicher in der EU am 21. Januar um 18 Prozentpunkte über dem Durchschnitt der Jahre 2015 bis 2020. Deutschland schneidet mit seinen zu 87 Prozent gefüllten Speichern sogar noch besser ab. Dabei liegt gut die Hälfte der üblichen Heizsaison mittlerweile hinter uns.

Natürlich hat das milde Wetter sehr geholfen. Aber laut Bundesnetzagentur haben deutsche Haushalte und Unternehmen in den letzten fünf Monaten sogar bereinigt um diesen Temperatureffekt fast 20 Prozent weniger Gas verbraucht als üblich.

Da wir diesen Winter wahrscheinlich mit einem Speicherstand von rund 50 Prozent beenden werden, müssen wir im kommenden Sommer weniger Gas nachkaufen als früher. Deshalb ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass wir auch im Winter 2023/24 genug Gas haben werden.

Die Lage am Gasmarkt entspannt sich

Für diesen Erfolg haben wir einen hohen Preis gezahlt. Um unsere Speicher zu füllen, koste es, was es wolle, haben wir im vergangenen Sommer die Marktpreise für Gas in schwindelerregende Höhen getrieben. In der Spitze lag der Großhandelspreis Ende August mit 330 Euro pro Megawattstunde etwa 16-mal höher als der langfristige Durchschnitt von 20 Euro pro Megawattstunde.

Aber je mehr es uns gelungen ist, das Schreckgespenst eines Gasmangels zu vertreiben, desto mehr hat sich die Lage entspannt. Derzeit handeln die Kontrakte für Gas im Februar 2023 bei 60 Euro und für Februar 2024 bei 72 Euro pro Megawattstunde.

Gasmangel ist aktuell kein Thema mehr. Zudem können Verbraucher und Unternehmen jetzt darauf hoffen, dass ihre Kosten für Gas nicht mehr erheblich steigen werden über das immer noch sehr hohe Niveau hinaus, das sie jetzt erreicht haben. Entsprechend ist das Verbrauchervertrauen seit Oktober wieder etwas gestiegen, auch wenn es immer noch auf Krisenniveau liegt.

Auf die Stimmung kommt es an. Wie schon Ludwig Erhard sagte, ist Konjunktur „zu 50 Prozent Psychologie“. Das gilt heute mehr noch als früher. Denn trotz aller Lasten ist die finanzielle Lage vieler Haushalte und Unternehmen gut. Sie haben mehr Geld auf der hohen Kante als üblich. In den drei Jahren der Pandemie (2020-2022) haben die deutschen Verbraucher mehr gespart als sonst. Diese Zusatzersparnis beläuft sich insgesamt auf 220 Mrd. Euro. Das entspricht 11,2 Prozent des gesamten privaten Verbrauchs des Jahres 2022. Auch wenn es leider für viele Haushalte gerade am unteren Ende der Einkommensskala nicht zutrifft, so gilt doch für den Durchschnitt: sie können mehr Geld ausgeben und so den Energie- und Nahrungsmittelpreisschock abfedern. Die Frage ist, ob sie es wollen.

Ab Sommer wird die Inflation zurückgehen

Wenn Verbraucher große Angst vor der Zukunft haben, halten sie sich zurück. Deshalb haben wir seit Juni 2022 vorhergesagt, dass Deutschland auf eine Rezession im Winter zusteuert. Aber wenn die Angst jetzt schneller weicht als erwartet, kann es sein, dass viele Verbraucher bereits in den kommenden Monaten ihre Geldbeutel nicht so geschlossen halten werden wie zunächst gedacht. Die vollen Restaurants in vielen Städten sprechen für einen ungebrochenen Wunsch, nach der Pandemie wieder das Leben zu genießen. Viele Bürger sind offenbar bereit, einen Teil ihrer Ersparnisse einzusetzen, um die Zeit zu überbrücken, in der die Einkommen real, also nach Abzug der derzeit noch hohen Inflation, sinken.

Etwa im Sommer wird die Inflation so weit zurückgegangen sein, dass die Einkommen wieder stärker steigen als die Preise. Gerade bei den wichtigen Energiekosten dürfte es nicht mehr weiter nach oben gehen. Damit sinkt die Inflationsrate, die ja die aktuellen Preise mit denen des Vorjahres vergleicht.

Auch bei den Unternehmen keimt die Hoffnung, dass die Lage sich wieder bessern kann. Während sie die aktuelle Situation immer noch als schwierig beurteilen, sehen sie wieder mit etwas mehr Zuversicht in die Zukunft. Die Geschäftserwartungen sind zuletzt wieder etwas gestiegen.

Bei schwacher Nachfrage, hohen Energiekosten und großer Unsicherheit stellen Unternehmen normalerweise Investitionen zurück. Stattdessen fahren sie einen Teil ihrer Produktion herunter. Dies ist Teil einer normalen Rezession. Aber wenn wieder mehr Unternehmen erwarten, dass die Konjunktur sich im Sommer beleben wird, dann könnte es sein, dass sie in diesem Winter einfach ihre vielfach immer noch satten Auftragspolster abarbeiten, statt in den Rückwärtsgang zu schalten.

Verhaltene Zuversicht

Die Zeiten bleiben unsicher. Ein Ende des brutalen russischen Angriffs auf die Ukraine ist nicht abzusehen. Allerdings hat Europa sich so weit aus der Abhängigkeit von russischer Energie befreit, dass uns Putin wirtschaftlich kaum noch schaden kann. Statt knapp 50 Prozent kommen derzeit nur noch weniger als 10 Prozent der Gaseinfuhren der EU aus Russland. Die Lage in China ist derzeit dramatisch. Das Land zahlt einen hohen Preis für seine Fehler im Umgang mit dem Virus aus Wuhan. Aber am Ende dieser Monster-Welle der Pandemie dürfte China in wenigen Monaten die Herdenimmunität erreicht haben, leider auf die harte Art. Dann wird auch die chinesische Konjunktur wieder zumindest halbwegs in Gang kommen.

Alles in allem können wir mit verhaltener Zuversicht auf das Jahr 2023 schauen. Wir sind dabei, den Putin-Schock zu bewältigen, und zwar offenbar besser, als zunächst befürchtet. Auch wenn wir vielleicht doch noch in diesem Winter eine sanfte Rezession durchmachen müssten, haben sich die tiefdunklen Gewitterwolken weitgehend verzogen. Spätestens im Sommer geht es wieder spürbar aufwärts.

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