ReportageHertha und die Investoren

Das Tor zum Castillo Son Vida auf Mallorca öffnet sich mit leisem Quietschen. Michael Preetz steuert seinen Mietwagen die Auffahrt hinauf zu dem Fünfsternehotel, einem umgebauten Schloss, das in den Hügeln über Palma thront. Es ist ein Abend Mitte Januar. Der Manager des Fußballbundesligisten Hertha BSC kommt von einem Testspiel der Berliner in ihrem Wintertrainingslager, Sieg im Elfmeterschießen gegen den Zweitligisten RCD Mallorca. Nun parkt Preetz seinen Opel Zafira, in den er seine langen Beine für die Rückfahrt ins Mannschaftshotel gequetscht hat, neben dem Eingang.

Eine Woche lang hat sich der Hertha-Tross hier einquartiert: die Mannschaft, das Trainerteam, Ärzte und Physiotherapeuten, der Leiter der Nachwuchsakademie. Ebenfalls eingeflogen sind der Vereinspräsident und Preetz’ drei Kollegen aus der Geschäftsleitung der Hertha BSC GmbH & Co KGaA, jenes Unternehmens mit zuletzt knapp 100 Mio. Euro Umsatz, in das der Club sein Bundesligateam ausgegliedert hat. Auf Mallorca wollen die Trainer die Spieler fit für die Rückrunde machen – und die Chefs ihre Fußballfirma „fit für die Zukunft“. So nennt Preetz die Agenda für die Sitzungen, zu denen sich die Hertha-Führung trifft, wenn gerade kein Training oder Testspiel ansteht.

Nach einer dieser Runden sitzt Preetz in Jeans und Trainingsjacke mit Sponsorenlogo in der holzvertäfelten Bar des Teamhotels, hinter sich eine Terrasse mit Postkartenblick über die Bucht von Palma. Seit 2009 trägt der 50-jährige Ex-Stürmer bei den Berlinern den Titel „Geschäftsführer Sport, Kommunikation und Medien“. Seitdem ist Preetz so etwas wie das Gesicht des Vereins: Bei den Abstiegen 2010 und 2012, aber auch bei den direkten Wiederaufstiegen und den Erfolgen der letzten beiden Jahre, in denen Hertha mit vergleichsweise schmalem Personaletat um die Europa-League-Plätze mitgespielt hat. Die rund 40 Mio. Euro, die Preetz pro Saison für Spielergehälter ausgeben kann, würden beim FC Bayern gerade einmal für die drei teuersten Stars reichen.

Mit der Mannschaft fährt der Manager gleich zum Sightseeing herunter nach Palma. Aber vorher redet er über die großen Projekte des Clubs, der in diesem Jahr 125 Jahre alt wird: über die Suche nach einem zweiten Investor, der möglichst eine dreistellige Millionensumme in den Verein pumpen soll. Über die Pläne für ein neues Stadion. Wie sich der Club im In- und Ausland offensiver vermarkten will. „All das brauchen wir, wenn wir den wirtschaftlichen Abstand zu den Top sechs in der Bundesliga verkürzen wollen“, sagt Preetz.

Seit 2009 ist Michael Preetz Hertha-Manager - und verantwortlich für den Profikader
Seit 2009 ist Michael Preetz Hertha-Manager – und verantwortlich für den Profikader
© Ériver Hijano

Nicht nur bei Hertha BSC bemühen sich die Clubmanager um neue Erlösquellen. Die Bundesliga rüstet auf, angetrieben von den übermächtigen Fußballkonzernen aus München und Dortmund, die dank Dutzender Millionen aus der Champions League ein Mehrfaches des Umsatzes von Bundesliga-Mittelständlern wie Hertha machen. Mehr Stars, teurere Transfers, höhere Gehälter: Für den Rest der Liga wird es immer schwerer, mit den Top-Teams mitzuhalten. Auch andere Vereine wie Werder Bremen sind deshalb auf der Suche nach finanzstarken Investoren – nicht nur in Deutschland, auch in China oder Nordamerika. Beim VfB Stuttgart ist in diesem Sommer der Autobauer Daimler mit mehr als 40 Mio. Euro eingestiegen.

Doch in keiner anderen Branche haben es Investoren hierzulande so schwer wie im Profifußball. Eine Sonderregel – 50+1-Regel genannt – verhindert, dass sie bei einem Club die Kontrolle übernehmen können. Bei vielen Fans sind sie verhasst als Kapitalisten, die den Fußball kaputt machen – auch weil man viele Beispiele von eigensinnigen Investoren kennt, die sich in Transfers und Trainerfragen einmischen und für Unruhe im Verein sorgen. So wie der Logistikmilliardär Klaus-Michael Kühne beim HSV oder der jordanische Unternehmer Hasan Ismaik, der den Traditionsclub 1860 München ins Chaos gestürzt hat.

Es gibt aber auch das Beispiel Hertha. Es zeigt, was ein Investor einem Verein bringen kann, wenn beide Partner es richtig anstellen.

„Das ist ein seriöses Modell“

Hertha BSC hat bereits einen Investor, Kohlberg Kravis Roberts (KKR) aus New York. Vor dem Einstieg des Finanzkonzerns hatten die Berliner in der Krise gesteckt – erst wirtschaftlich, dann auch sportlich. Die Abstiege verschärften die Finanznot und verfestigten das chronische Imageproblem des Clubs – auch in der eigenen Stadt: arm, aber nicht einmal sexy. Anfang 2014 investierte KKR 61,2 Mio. Euro, unter anderem für einen Anteil von knapp zehn Prozent an der Hertha BSC GmbH & Co KGaA. Für die Amerikaner, die sich in Deutschland zuvor an Konzernen wie MTU, Wincor Nixdorf oder WMF beteiligt hatten, ist es bis heute das einzige Engagement im Profisport.

Für den hoch verschuldeten Verein war der Einstieg einer der bekanntesten Private-Equity-Firma der Welt ein Überraschungscoup. Und die Basis für einen Turnaround, der sich auch auf dem Platz auszahlt.

„Ohne KKR würden wir heute nicht da stehen, wo wir sind“, sagt Werner Gegenbauer, der Hertha-Präsident – wirtschaftlich und sportlich, aber auch, weil Spieler und Sponsoren wüssten: „Da kann sich wieder was entwickeln.“ In der Branche gilt die Partnerschaft von Hertha und Hochfinanz als Musterbeispiel. „Das ist ein seriöses Modell“, sagt ein anderer Clubchef. Was die Ligakollegen besonders bemerkenswert finden: Nach dem Einstieg hat man von KKR nie wieder ein Wort gehört. Und das bei einer Private-Equity-Firma, die seit dem „Heuschrecken“-Vergleich des früheren SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering als rücksichtsloser Firmenjäger gilt: ein Investor, der bei einem kriselnden Unternehmen einsteigt, es knallhart saniert und dann möglichst schnell wieder verkauft, um zügig Kasse zu machen.