GastkommentarFünf Lehren aus der Corona-Krise

Harald Christ
Harald Christ, der Unternehmer, Wirtschafts- und Finanzexperte war früher in der SPD und ist vor kurzem in die FDP eingetreten

„Und er versammelte sie an einem Ort mit dem Namen Armageddon…“ (Off. 16, 16)

Krisen, das lehrt die Geschichte, sind auch Wendepunkte. Momente, in denen der Bestehende gewogen und geprüft wird, Zeiten in und aus denen Neues entsteht. So betrachtet haben wir vielleicht gerade heute Chancen, von denen vor drei Monaten noch niemand zu träumen gewagt hat: Wenn wir aus der Corona-Pandemie die richtigen Schlüsse ziehen, dann können wir alle – Staat, Wirtschaft und Gesellschaft – gestärkt aus der Krise hervorgehen.

Fünf Punkte sind dabei von entscheidender Bedeutung.

  • Erstens: Der Föderalismus in Deutschland hat sich seit knapp 70 Jahren bewährt. Aber: In Krisen wie der aktuellen führt die permanente Abstimmung zwischen 16 Bundesländern zu Zeit- und Reibungsverlusten, die unbedingt zu vermeiden sind. Deshalb: Wir brauchen einen zentralen, bundesweit geltenden Krisenmechanismus, der die Aktionen der Länder koordiniert – und im Zweifelsfall auch Entscheidungsbefugnis besitzt.
  • Zweitens: Die Defizite im Bereich der digitalen Infrastruktur werden seit Jahren laut beklagt. Was aber im Normalfall für den Einzelnen allenfalls nervig oder für die Wirtschaft hinderlich ist, kann sich in einer Krise als gefährlicher Standortnachteil erweisen. Wenn Millionen Menschen plötzlich ins Homeoffice wechseln, dann dürfen die Datennetze nicht zusammenbrechen. Deshalb: Wir müssen Anstrengungen und Investitionen in den Ausbau der Digitalisierung umgehend und massiv verstärken. Nicht nur mit Lippenbekenntnissen oder „Digitalgipfeln“ im Kanzleramt. Sondern in der Realität.
  • Drittens: Die Bundesregierung hat in den vergangenen Tagen mit beherzten Entscheidungen nicht nur ungeheure Finanzmittel bereitgestellt, sondern auch zahlreiche Auflagen und Regulatorien außer Kraft gesetzt. Gut so! Die Folge darf aber nicht sein, dass nach der Krise einfach alles auf Anfang zurückgesetzt wird: Wir sind, in der Politik, vor allem aber in der Wirtschaft chronisch überreguliert. Die aktuelle Handlungsfreiheit, der sich die Bundesregierung in diesen Tagen mutig bedient, muss als Chance genutzt werden, der Wirtschaft und den Bürgern größere Spielräume zu gewähren. In der Phase des Wiederaufbaus – und darüber hinaus.
  • Viertens: Wie schnell wir die Folgen der wohl unabwendbar eintretenden Rezession überwinden wird entscheidend davon abhängen, wie flexibel wir alle agieren, wenn der Motor des öffentlichen Lebens wieder anspringt. Viele Menschen werden dann sehr viel verloren haben. Manche ihre berufliche Existenz, andere ihren Job, einige fast alles. Gemeinsam haben wir es in der Hand, ob und wie rasch die Gesellschaft diesen Wirkungstreffer wegsteckt. Für Staat, Gesellschaft und Wirtschaft heißt das: Die gewaltigen Belastungen, die auf alle zukommen, müssen gerecht auf die Schultern verteilt werden. Zusätzliche Anreize für diejenigen, die bis an oder über die Belastungsgrenze hinaus dem Wohle der Gemeinschaft dienen, sind der richtige Weg. Nicht nur in der Krise.
  • Fünftens: Die genannten Korrekturen allein werden uns allerdings nicht viel nützen, wenn sich die Entscheidungswege in Politik, Verwaltung und Wirtschaft nicht deutlich beschleunigen. Genehmigungsverfahren dürfen nicht mehr Jahre dauern, ebenso wenig dürfen Unternehmen globale Trends wie bisher verschlafen. Wir müssen aufs Gaspedal treten – in allen Bereichen der Gesellschaft!

Der Tag danach, das Ende der Krise wird kommen. Hoffentlich bald! Welche Lehren wir aus ihr ziehen – wir haben es in der Hand. Diese einmalige Chance dürfen wir nicht verspielen!

 


Harald Christ ist Chairman des Beratungsunternehmens Christ&Company. Das frühere SPD-Mitglied schloss sich vor kurzem der FDP an.