GastkommentarRettet die Kleinstunternehmen – und lasst Fünfe gerade sein!

Geschlossenes Café: Viele Kleinunternehmen bangen um ihre Existenz
Geschlossenes Café: Viele Kleinunternehmen bangen um ihre Existenzdpa

Kaum hat die Politik beherzt und entschlossen ein Hilfspaket aufgelegt, das explizit auch Selbstständige und Kleinstunternehmen berücksichtigt, werden erste Bedenken geäußert. Vor allem wird vor der Gewährung von Corona-Hilfen an Trittbrettfahrer und sogenannte „Zombie-Unternehmen“ gewarnt – Unternehmen also, die auch bei normaler Konjunktur aufgrund mangelnder Nachfrage den Markt hätten verlassen müssen.

Unstrittig ist, dass Trittbrettfahrer, also Menschen, die gar nicht selbstständig tätig sind und nun versuchen, sich Liquiditätshilfen auf widrige Weise zu erschleichen, ausgeschlossen werden sollen. Dagegen ist die Umsetzung der Forderung bei allen bestehenden Unternehmungen eine schwierige Gratwanderung. Aber wie groß ist die Gefahr wirklich, dass Hilfen in „falsche Hände“ geraten?

Ein Blick auf die Struktur der Kleinstunternehmen macht zunächst deutlich, dass ein sehr viel tieferer Riss durch die Volkswirtschaft geht, als der Ausschnitt der geschlossenen Läden, Geschäfte, Hotels und Gastgewerbe offenbart. Allein zum Wirtschaftszweig der „wissensintensiven Dienstleistungen“ gehören neben den Künstlern und den Kreativen und anderen Dienstleistungen im Bereich Information und Kommunikation auch die wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen, etwa Beratungen, Designbüros, Werbeagenturen oder Fotografen. Dieser Wirtschaftsbereich gilt in Deutschland wie in vielen anderen Ländern Europas als besonders wachstumsstark und trägt in Deutschland knapp 20 Prozent zur Bruttowertschöpfung bei.

Insolvenzwelle bei Kleinstunternehmen verhindern

Ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal im Vergleich zum Verarbeitenden Gewerbe ist gerade seine Kleinteiligkeit. Während im verarbeitenden Gewerbe die Mehrheit der Beschäftigten in Unternehmen mit mindestens 250 Mitarbeitern arbeitet, sind in den wissensintensiven Dienstleistungen der größte Anteil, nämlich ein Drittel der Beschäftigten in Unternehmen mit weniger als zehn Beschäftigten, also in Kleinstunternehmen, angestellt. Diese stellen das Rückgrat des Wirtschaftszweigs dar. Jenseits der IT-Dienstleister droht nun vielen Kleinstunternehmen in diesen, aber auch in anderen Wirtschaftszweigen durch die Corona-Krise die Pleite, solange ihnen die Kosten davonlaufen, ohne dass sie in der Lage sind, Einkünfte zu generieren.

Nicht nur aus menschlicher Sicht ist es wichtig, eine Insolvenzwelle bei Kleinstunternehmen zu verhindern, die sie nicht selbst zu verantworten haben. Eine wirtschaftliche Aufwärtsentwicklung nach der Eindämmung des Virus ist mit intakter Unternehmensstruktur gerade einschließlich der Kleinstunternehmungen sehr viel schneller zu realisieren.


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Insofern ist die rasche Antwort der Politik mit der Verabschiedung eines Rettungspakets, das die Selbstständigen und Inhaber kleinster Betriebe explizit miteinbezieht, richtig und richtungsweisend. Denn häufig verfügen die Inhaberinnen und Inhaber dieser Betriebe über keine oder nur geringe Rücklagen. Vielen steht das Wasser schon bis zum Hals.

Bemerkenswert ist auch die Gewährung von Liquiditätshilfen anstatt von Krediten. Im Unterschied zu vergangenen Krisen unterstützt mit dieser Entscheidung die Politik erstmalig eine Zielgruppe, die bisher als nicht systemrelevant angesehen wurde – ein wichtiges und Signal der Wertschätzung. Zusammen mit dem gut etablierten Instrument des Kurzarbeitergelds sollte es mit diesen Hilfen eher möglich werden, die nächsten drei Monate zu überstehen.

Unbürokratische Hilfe

Ihnen diese Hilfestellung nun zielgenau zu gewähren, ist eine Gratwanderung, bei der zwei Fehler gemacht werden können: Entweder erhalten Unternehmen Liquiditätshilfen, obwohl sie unter normalen Umständen den Betrieb eingestellt hätten. Oder aber Unternehmen erhalten keine oder zu späte staatliche Unterstützung, obwohl sie unter normalen Umständen ein gesundes Unternehmen gewesen wären – sie werden nun unnötigerweise in die Pleite getrieben. Mit zunehmender Überprüfung und Bürokratisierung steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Hilfen für Unternehmen mit prinzipiell gesunder Substanz abgelehnt werden.

Angesichts der Tatsache, dass jährlich nur zehn Prozent aller Unternehmen im Markt ausscheiden, ist die Wahrscheinlichkeit einer Finanzierung von „Zombie-Unternehmen“ relativ gering. Und selbst wenn alle „Zombie-Unternehmen“, aber von den „gesunden“ nur jeder dritte Betrieb diese Soforthilfen beantragt, ist die Wahrscheinlichkeit einer unnötigen Finanzierung mit 25 Prozent immer noch überschaubar. Mit anderen Worten: die Gewährung von Liquiditätshilfen für Kleinstunternehmen muss unbürokratisch gehandhabt werden, wenn daraus eine Erfolgsstory werden soll.

Doch was passiert nach der Krise? Die erfinderischen und innovativen Unternehmen, die so genannten Entrepreneure, werden im Zeitalter der Digitalisierung diese Krise nutzen, um neue Marktzugänge und neue Formen der Produktion und Distribution ihrer Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln. Insofern ist damit zu rechnen, dass sich nach der Krise viele Märkte neu sortieren, innovative Unternehmungen in die Märkte eintreten und Unternehmungen, die solche Veränderungen nicht vollzogen haben, aus den Märkten hinausdrängen. Hier sollte die Politik nicht mehr intervenieren, sondern den Marktentwicklungen freien Lauf lassen. Man darf gespannt sein, welche Ideen in Zeiten der Corona-Krise geboren und umgesetzt werden. Jede Krise ist auch eine Chance!


Alexander Kritikos ist Forschungsdirektor am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Potsdam.