ÖlpreiscrashGewinner und Verlierer des Ölpreisschocks

Ölförderung in Texasdpa

Das letzte Mal, als der Ölpreis so stark einbrach wie vergangene Nacht, fielen Bomben auf Bagdad. Es war der 17. Januar 1991, die USA hatten gerade den Golfkrieg gegen Irak eröffnet – und parallel dazu fluteten die Staaten des Westens den Markt mit Erdöl aus ihren eigenen strategischen Reserven. 29 Jahre danach, in der Nacht zum 9. März 2020, sind die Preise an den internationalen Rohölmärkten wieder ins Bodenlose gefallen: In nicht einmal einer Minute ging es mehr als 30 Prozent abwärts. Der Crash wird massive Folgen für die globale Wirtschaft haben; die Einbrüche an den Aktienbörsen an diesem Montag deuten es schon an.

Der wichtigste Rohstoffmarkt der Welt stellt sich auf eine Ölschwemme ein. Der plötzlich fallenden Nachfrage durch die Coronavirus-Epidemie steht nun eine mögliche Ausweitung des Angebots gegenüber. Denn Saudi-Arabien und Russland haben über das Wochenende einen Preiskrieg angezettelt, wie ihn der Markt jahrzehntelang nicht mehr gesehen hat.


Keiner dieser beiden großen Produzentenstaaten ist bereit, seine eigene Förderung so zu senken, dass sie zum geringerem Bedarf Chinas, der Fluggesellschaften oder anderer großer Konsumenten passt. Obwohl der Ölpreis schon seit dem großflächigen Ausbruch des Virus in die Knie gegangen ist – und obwohl die Entscheider in Moskau und Riad ahnen konnten, dass ihre Weigerung die Kurse noch weiter nach unten drücken würden. Im Gegenteil: Die Saudis haben am Samstag sogar zusätzliche Preisrabatte für ihren schwarzen Stoff angekündigt – und damit wohl den Crash von Sonntagnacht ausgelöst, als die Märkte wieder eröffneten.

„Der Streit ist der Auslöser für den Ölpreis-Einbruch“, sagt Jörg Krämer, Chefökonom der Commerzbank, im Gespräch mit Capital. „Aber dass er so eskaliert ist, liegt an der gesunkenen Nachfrage und den konjunkturellen Risiken dahinter.“ Denn boomt die Weltwirtschaft, verbraucht sie in der Regel viel Öl. Schwächelt sie, sinkt der Bedarf nach dem Brennstoff.

Letztmals ging die weltweite Nachfrage 2009 zurück: in der Finanzkrise. 2020 könnte es wieder passieren – so jedenfalls sagt es die Internationale Energieagentur (IEA) am Montag voraus. Sie erwartet nun einen Förderrückgang um rund 90.000 Barrel (je 159 Liter) pro Tag. Angesichts eines Verbrauchs von mehr als 90 Millionen Fass täglich erscheint dies auf den ersten Blick nicht viel. Aber es ist außergewöhnlich für einen Geschäft, das sonst Jahr für Jahr wächst und wächst. Und es verändert das Gleichgewicht am volatilen Markt: die Balance zwischen Produzenten und Verbrauchern. Mit Folgen für Staaten und Regionen, Branchen und Akteure weltweit.
Wir stellen Gewinner und Verlierer des Ölpreis-Crashs vor:

Gewinner

Die deutschen Autofahrer – zumindest diejenigen, die noch einen Verbrenner fahren. Sie werden sich in den kommenden Tagen an deutlich niedrigeren Diesel- und Benzinpreisen erfreuen können. Beim Diesel könnte der Liter sogar weniger als 1 Euro kosten, zumal der Euro auch gegenüber dem Dollar steigt. Auf Rückgänge von 25 oder 30 Prozent wie beim Rohöl werden die Pkw-Besitzer allerdings nicht hoffen können. Ein beachtlicher Teil des Tankstellenpreises sind Steuern, und die bleiben mehr oder weniger gleich. Auch Besitzer von Ölheizungen können die Gunst der Stunde nutzen. „Die Verbraucher werden mehr für andere Dinge ausgeben können“, sagt Randeep Somel, Director für globale Aktien von M&G Investments. Nach Berechnungen der Commerzbank wird der Preiscrash von Montagnacht die deutsche Ölrechnung um einen Betrag senken, der 0,9 Prozent des gesamten Bruttoinlandsprodukts entspricht.

Fluggesellschaften: Kaum eine Branche leidet so unter der Corona-Epidemie wie die Airlines. Die Lufthansa hat ihren Flugplan teils drastisch zusammengestrichen, die Ferienflieger bangen um ihr Reisegeschäft – und was mit der ohnehin fast bankrotten Alitalia geschehen soll, steht in den Sternen. Schon in den vergangenen Jahren haben sich die Insolvenzen gehäuft. Klar ist: Es wird weitere Pleiten und Entlassungen geben. Aber nach dem Ölpreiscrash werden die Schäden nicht ganz so groß ausfallen. Denn Treibstoff macht oft zwischen 25 und 40 Prozent der Gesamtkosten eines Fluges aus.

Christine Lagarde: Die Chefin der Europäischen Zentralbank (EZB) gewinnt Handlungsspielraum in der Corona-Krise. Denn die Energiekosten entscheiden maßgeblich über die Teuerungsraten. Und „wenn der Ölpreis bei ungefähr 30 Dollar bliebe, könnte die Inflation im Euroraum ungefähr 0 Prozent im Mai erreichen“, sagt Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer. Der EZB fällt es damit leichter, die Geldpolitik weiter zu lockern. Krämer erwartet schon bei der nächsten EZB-Sitzung am kommenden Donnerstag eine Senkung des Einlagezinssatzes für Banken um 0,1 Prozentpunkte auf minus 0,6 Prozent sowie mehr Käufe von Anleihen.

Südkorea: Kein asiatischer Staat außerhalb Chinas weist so viele Corona-Fälle aus wie das Heimatland von Samsung, LG und Hyundai. Um die wirtschaftlichen Folgen der Epidemie abzumildern, hat der Staat Finanzhilfen für Unternehmen und Einkaufsgutscheine für die Bevölkerung angekündigt. Der Ölpreisverfall wird viele Betriebe und Verbraucher massiv entlasten. Denn Südkorea verbraucht seit einigen Jahren mehr Rohöl als Deutschland – zuletzt rund 2,8 Millionen Fass (159 Liter) pro Tag. Der Crash von Montagmorgen könnte die Importrechnung um mindestens 10 Mrd. Dollar senken.

Mohammed bin Salman al-Saud: Geht der saudische Kronprinz als großer Gewinner aus dem Preiskrieg hervor? Fraglich. „MBS“ selbst ist davon aber offensichtlich überzeugt. Ohne das Kommando des De-facto-Herrschers hätte die staatliche Fördergesellschaft Saudi-Aramco niemals solche Rabatte für ihr Öl wie am Wochenende ankündigen können. Für die Saudis bedeutet der Crash Einnahmeverluste von mehr als 40 Mrd. Dollar pro Jahr – falls die Preise am Boden bleiben sollten. „MBS“ spekuliert aber wohl darauf, dass die Russen nachgeben und/oder US-Produzenten pleite gehen. Saudi-Arabien selbst dürfte auch bei den jetzigen Kursen noch Geld verdienen. Die Förderkosten in einigen Feldern, so wird kolportiert, sollen zu den niedrigsten weltweit gehören.

Verlierer

Iran: 2020 ist bislang ein schwarzes Jahr für die Iraner. Es begann mit dem Beinahekrieg mit den USA und den neuen Sanktionen aus Washington. Dann erfasste eine Welle von Corona-Erkrankungen den Iran. Die Informationen der Regierung sind spärlich, aber vieles deutet darauf hin, dass die Epidemie sich weiter rasant ausbreitet. Und jetzt droht dem Land auch noch großflächige wirtschaftliche Not, denn Öl ist seine Haupteinnahmequelle. Welche Kräfte all dies innerhalb des Staates entfesselt, ob es womöglich die Spannungen im Nahen Osten weiter eskalieren lässt – ungewiss.

Die US-Frackingindustrie: Nichts hat die globalen Ölmärkte in den vergangenen Jahren auf den Kopf gestellt wie das Fracking, kurz für „hydraulic fracturing“. Diese Technologie, bei der der Stoff mithilfe von Wasser, Chemikalien und Quarzsand aus dem Boden gepresst wird, hat die USA zum größten Erdölproduzenten der Welt gemacht. Genutzt wird sie von Konzernen, aber auch einer Unzahl mittelgroßer und kleinerer Förderunternehmen. Weil die Produktion aufwendig und vergleichsweise teuer ist, sind viele Betriebe hochverschuldet. Schon in den vergangenen Jahren haben mehr als 200 Öl- und Gasunternehmen in den USA Insolvenz angemeldet. Nun könnte es eine regelrechte Pleitewelle geben – mit drastischen Folgen für die Kapitalmärkte und für die gesamte US-Wirtschaft. Denn viele Firmen haben sich Geld am Markt für US-Unternehmensanleihen beschafft. Und: „Der Gas- und Ölsektor hat elf Prozent Anteil an der gesamten US-Industrieproduktion“, sagt Commerzbank-Chefökonom Krämer.

Nicolás Maduro: Geht Venezuela jetzt endgültig pleite, das Land mit den größten Erdölreserven der Welt? In den vergangenen Jahren sah es immer wieder mal so aus: als die Zustände im Land teils bürgerkriegsähnlich wurden, als nationale Ölförderung immer weiter einbrach und die Regale in den Supermärkten sich leerten. Doch noch immer hält sich Staatschef Nicolás Maduro an der Macht – auch weil er dank chinesischer Hilfe die Ölproduktion halbwegs stabilisieren konnte. Der jüngste Preiskollaps könnte den Staat in den Bankrott treiben. Zumal Maduros langjährige Unterstützer aus China gerade andere Probleme haben.

Die Luxusgüterindustrie: Die Bling-Bling-Branche muss sich auf ein miserables Jahr einstellen. Händler in europäischen Touristenzentren haben das in den vergangenen Wochen schon zu spüren bekommen, weil die zahlungsbereite Käuferschaft aus China oder Japan sich nicht blicken ließ. Nun, da die Petrodollars nicht mehr so sprudeln, werden auch andere wichtige Märkte schwächeln: allen voran die Golfregion und Russland.

Nigeria: An diesem Montag hat Nigeria seinen zweiten offiziellen Corona-Fall bekannt gegeben. Tatsächlich dürfte es eine viel höhere Zahl von Erkrankten in Afrikas bevölkerungsreichstem Land mit geschätzten 200 Millionen Einwohnern geben. Der von Terroranschlägen geplagte Staat ist in der Dauerkrise; der Ölpreiscrash dünnt seine wichtigste Geldquelle aus. Für einen ausgeglichenen Haushalt würde die Regierung einen Preis von 57 US-Dollar pro Barrel (159 Liter) brauchen. Am Montagmittag kostete ein Fass der Referenzsorte Brent aber nur knapp 35 Dollar.


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