InterviewBayer-Lobbyist Berninger: „Die unsichtbare Hand des Marktes wird grün“

Matthias Berninger, Leiter des Bereiches Public Affairs, Science & Sustainability für die Bayer AG in Washington, D.C.IMAGO / tagesspiegel


Matthias Berninger leitet seit Anfang 2019 den Bereich „Public Affairs, Wissenschaft und Nachhaltigkeit“ für den Bayer Konzern. Er lebt in Washington. Zu seinen Kernaufgaben zählt die nachhaltige Ausrichtung des Unternehmens, aber auch Lobbyarbeit für grüne Gentechnik, Präzisionszüchtung mithilfe von Genscheren wie CRISPR-Cas. Früher saß er für die Grünen im Bundestag.


Capital: In Deutschland könnten bald die Grünen an der Regierung beteiligt sein oder sogar die neue Kanzlerin stellen. Was bedeutet das für einen Chemie- und Pharmakonzern wie Bayer?

MATTHIAS BERNINGER: Unabhängig davon, welche Koalition ab September im Bund regiert, glaube ich, dass Bayer sehr gut mit dieser Regierung klarkommen wird. In Deutschland sind wir Platzhirsch in der Agrartechnologie und im Gesundheitsbereich. Auch global spielen wir eine führende Rolle und sind eines der innovativsten Unternehmen. Ich glaube, dass sich unsere Interessen sehr mit denen des Landes decken. Die eigentliche und spannendere Frage ist: Wie groß wird die Innovationsfreude sein, die von der nächsten Regierung ausgelöst wird? Wir leben in einer historischen Situation, in einer disruptiven Zeit, mitten in einer Biorevolution. Das hat wenig mit Parteipolitik zu tun. Robert Habeck und Markus Söder haben neulich in einem gemeinsamen Interview deutlich gemacht, wie nahe sie beieinander sind, wenn es um Gentechnologie geht. Laschet, Scholz und Baerbock haben da eine andere Tonalität, weniger schwarz-weiß, wenn es um das Thema geht.

Wer hat denn recht?

Viele Menschen lehnen die Gentechnik ab, auch die meisten Umweltverbände. Dabei haben die meisten kein Problem damit, sich gentechnisch veränderten Impfstoff in den Oberarm zu spritzen – sogar zweimal. Aber sie haben ein Problem mit Gentechnik im Essen. Dieser Widerspruch regt zum Nachdenken an.

Das klingt erst mal nach zwei sehr unterschiedlichen Dingen, oder?

Ja und nein, denn die grundsätzlichen Technologien gleichen sich. Sie beziehen sich auf die Eiweißproduktion und auf die entsprechenden Zellmotoren. Die Frage ist, ob wir das Potenzial dieser Technik in Europa voll ausschöpfen werden. Im vergangenen Jahr hat Emmanuelle Charpentier den Nobelpreis auf diesem Gebiet bekommen, sie arbeitet mitten in Berlin. Wir haben auch mit Biontech in Mainz oder mit Curevac in Tübingen gesehen, dass die Gentechnik ein riesiges Potenzial hat. Jetzt müssen wir nur Chancen und Risiken gut gegeneinander abwägen und dürfen uns nicht in ideologischen Diskussionen verzetteln.

Warum nehmen die Menschen Gentechnik im Essen als schlimm wahr, wenn es um Impfungen geht, ist sie aber okay?

Bei der Einführung der Gentechnik in den 90ern wurden Fehler gemacht. Die Bürger haben sie abgelehnt, weil man genveränderte Produkte nicht ausreichend kennzeichnen wollte. Außerdem mangelt es an Verständnis dafür, wo der gesellschaftliche Vorteil der Gentechnik liegt. Für die nächste Generation der Technologie setzen wir sehr auf Transparenz. Außerdem haben wir mit dem Klimanotstand die Argumente auf unserer Seite.

Wie meinen Sie das?

Die Umwelt- und Klimabedingungen ändern sich so schnell, dass man neue Technologie nicht einfach außen vorlassen darf.

Sie meinen also, dass die Gentechnik eine Antwort auf die globale Erwärmung sein wird?

Ja, genau das meine ich. Nehmen wir zum Beispiel die Produktion von Kunstdünger. Mehr als zwei Prozent der weltweiten Energieproduktion werden für die Herstellung von Dünger benötigt. Das ist unglaublich viel. Außerdem gibt Kunstdünger auf den Feldern Lachgas in die Atmosphäre ab. Das ist 300-mal klimaschädlicher als CO2. Zusammen macht das fast fünf Prozent aller Klimagase. Das Haber-Bosch-Verfahren von 1908 hat es möglich gemacht, Kunstdünger zu produzieren. Es war eine der großen Erfindungen der chemischen Industrie. Wenn wir es schaffen, das durch Prozesse der Biorevolution zu ersetzen, schaffen wir eine Dekarbonisierung in einer Größenordnung, die den Klimaschutz stark voranbringt.

Wir würden also Energie sparen und gleichzeitig die Emission von Klimagasen reduzieren?

Wir würden damit sogar auch die Landwirte finanziell entlasten. Kunstdünger ist einer der größten Kostenfaktoren für die Bauern. In den USA wird die Biorevolution als Moonshot betrachtet. In Europa werden Bedenken geäußert. Europa braucht mehr Innovationsfreude so dass wir einen großen Technologiesprung hinbekommen. Wie bei den mRNA-Vakzinen.

Können Sie ein Beispiel für einen Technologiesprung geben?

Wir nutzen unser Forschungsbudget im Bereich Landwirtschaft und unseren Investitionsfonds Leaps, um in entsprechende Technologien zu investieren. Unsere Division Crop Science hat mit 2,3 Mrd. Euro den zweitgrößten Forschungsetat im Bereich Landwirtschaft weltweit. Nur der staatliche Forschungsetat Chinas liegt da vor uns. Bayer hat etwa eine Maissorte entwickelt, die für den gleichen Ertrag 20 Prozent weniger Fläche benötigt. Die Pflanzen sind deutlich kürzer.Sie können die Felder enger bepflanzen und benötigen weniger Dünger. Das Wurzelwerk geht tiefer, der Mais kann dadurch mehr CO2 im Boden binden. Außerdem kann die Pflanze Trockenheit besser vertragen. Wenn wir es mit Gentechnik jetzt noch schaffen würden, dass Mais sich den Stickstoff selbst aus der Luft holt, bräuchte man gar keinen Dünger beim Anbau mehr. So wie bei der Sojapflanze oder bei Bohnen.

Ein Feld in Mexiko. Es trägt eine Maissorte von Bayer, die resistenter ist, weniger Wasser braucht und tiefere Wurzeln hat (Foto: Bayer)

Klingt das nicht ein bisschen zu schön?

Überhaupt nicht. Die große Herausforderung besteht doch darin, Landwirtschaft zukünftig noch leistungsfähiger, aber auch noch nachhaltiger zu machen. Das ist einer der Gründe, warum Bayer Monsanto gekauft hat. Das Unternehmen verfügt über eine Schatztruhe voller Innovationen, die uns diesem Ziel näher bringen und dazu beitragen können, Ernährungssysteme klimaresilient zu machen. Und die brauchen wir, um dem Flächenfraß durch die Landwirtschaft oder der steigenden Nachfrage an Lebensmitteln durch eine wachsende Weltbevölkerung etwas entgegenzusetzen. Das kann nur durch Innovationen gelingen. Wenn man auf neue Technologien verzichtet, gelingt uns die Dekarbonisierung nicht – und wir schaffen eine De-Industrialisierung. Die unsichtbare Hand des Marktes wird in Zukunft grün sein.

Das heißt, Sie gehen davon aus, dass andere Unternehmen mitmachen werden?

Im September vergangenen Jahres hat Walmart angekündigt, dass das Unternehmen bis 2030 eine Milliarde Tonnen CO2 in seinen Lieferketten einsparen wird. Damit hat der Einzelhändler Walmart ein Dekarbonisierungsziel in der gleichen Größenordnung wie die EU. Das zeigt, welch riesigen Einfluss ein einzelnes Unternehmen mit seinen gigantischen  Lieferketten hat. Um sein Ziel zu erreichen, geht Walmart zum Beispiel zu Pepsico und sagt, dass sie da mitmachen müssen. Pepsico schaut sich dann an, wo das Unternehmen CO2 einsparen kann. Da sind die Lastwagen, da ist die Produktion. Aber auf kurz oder lang landen sie beim Mais, einem der wichtigsten Rohstoffe für nahezu jedes Nahrungsmittel. Wenn Pepsico von den Maisbauern verlangt, dass sie ihre CO2-Emissionen verringern, kommen die automatisch zu uns. Wenn wir denen nicht helfen können, könnten wir nichts mehr verkaufen. So funktioniert Dekarbonisierung.

Man kann davon ausgehen, dass viele Menschen Ihnen das nicht glauben, oder?

Das ging mir schon als Politiker so. Heute ist aber vieles mehrheitsfähig, selbst die Forderung nach Schwarz-Grün. Wir versuchen die Leute zu überzeugen, indem wir zeigen, dass Bayer Nachhaltigkeit zum Kern der Geschäftsstrategie gemacht hat. Bei Bayer sind 20 Prozent der Managergehälter an Klimaziele gekoppelt und wir bepreisen eine Tonne CO2 intern mit 100 Euro. Beides trägt dazu bei, Nachhaltigkeit systematisch voranzutreiben

Was nach außen gilt, gilt auch nach innen?

Das oberste Ziel ist, dass das Unternehmen in diese Richtung arbeitet. Wie viele andere werden wir auch Fehler machen. Aber die grundsätzliche Richtung stimmt. Dass wir zu 100 Prozent auf regenerative Energien setzen, ist ein erster wichtiger Schritt. Der Hebel in der Landwirtschaft ist aber noch um ein Vielfaches größer. Der Sektor ist insgesamt für rund 25 Prozent der klimaschädlichen Emissionen verantwortlich. Bayer hat Einfluss auf rund ein Viertel der landwirtschaftlichen Wertschöpfungsketten. Der Beitrag, den wir zum Schutz des Klimas leisten können, ist demnach etwa so groß wie der von Indien.

Das heißt, Bayer steht auch hinter dem Green New Deal der EU?

Da kann die Kommission auf uns zählen. Unsere Innovationspotenzial ist komplett darauf ausgerichtet. Wir stehen auch hinter dem ehrgeizigen Ziel, das der US-Präsident jetzt vorgestellt hat. Unsere Dekarbonisierungsziele entsprechen denen von Fridays for Future.

Wenn Bayer das glaubhaft vermitteln will, müsste dann nicht der gesamte Vorstand bei der nächsten Klimademo vorne mit dabei sein und erklären, was im Unternehmen passiert? 

Gute Idee, wenn bei einer Demo nicht nur fürs Klima, sondern auch für technologischen Fortschritt demonstriert wird, sind wir bereit dafür.

Die Gentechnik ist ja nicht das einzige Geschäftsfeld von Bayer, das bei vielen Leuten Skepsis auslöst. Auch um das Thema Pflanzenschutzmittel wird gestritten. Vor allem um Glyphosat. Warum lässt Bayer nicht einfach die Finger davon?

Das hat zum einen den Grund, dass Glyphosat, global betrachtet, für die Landwirtschaft systemisch relevant ist. Für viele Anwendungsgebiete im Ackerbau gibt es derzeit keine Alternative zu Glyphosat, was Kosten, Wirkung und Umweltverträglichkeit angeht. Die Deutsche Bahn wird diese Frage auch noch beschäftigen. Sie will einerseits kein Glyphosat mehr einsetzen, hat aber zugleich noch keine Alternative. In großen Agrarmärkten wie den USA oder Brasilien hat Glyphosat nochmal eine ganz andere Bedeutung. Wenn Sie das Mittel beim Maisanbau einsetzen, muss der Boden nicht gepflügt werden. Das bedeutet weniger CO2-Emissionen, da durch das Pflügen CO2 frei wird. Allerdings, der Stoff ist aus den 50er-Jahren. Ich glaube nicht, dass es auch 2050 noch das Mittel der Wahl sein wird. Auch hier ist Innovationsfreude gefragt. Leider lassen sich die Vor- und Nachteile von Glyphosat heute kaum mehr sachlich diskutieren. Das Produkt ist für viele Interessengruppen längst zu einem Symbol für eine Landwirtschaft geworden ist, die sie grundsätzlich ablehnen.

Wie wollen Sie die Menschen überzeugen?

Vor allem mit Transparenz. Wir haben sämtliche wissenschaftliche Studien zur EU-Wiederzulassung von Glyphosat einschließlich einer großen Zahl ganz neuer Untersuchungen im Netz veröffentlicht. Das heißt, jeder – auch die Umweltverbände – können dort unsere Rationale nachlesen. Die andere Frage ist, und das ist eine politische: Wie sehr will man es anwenden? Und da machen wir uns nichts vor. Sie kennen die Beschlüsse der jetzigen Bundesregierung. Es wird in Zukunft noch weniger Glyphosat angewendet als heute. Aber ich glaube nicht, dass es in Europa völlig verboten wird, schon gar nicht im Rest der Welt.

Trotzdem tut sich ja einiges auf dem Gebiet der Pflanzenschutzmittel.

Die EU will den Einsatz um 50 Prozent reduzieren. Die Frage ist: 50 Prozent von was soll konkret reduziert werden? Soll das Volumen der eingesetzten Mittel verringert werden? Sollen die erlaubten Pflanzenschutzmittelkategorien verringert werden? Oder die Umwelteinflüsse? Wir haben bei Bayer schon im Jahr 2012 entschieden, dass wir keine Tox-1-Chemikalien mehr verkaufen. Dabei folgen wird einer Bewertungsmethode der Universität Kopenhagen, um die Umweltauswirkungen unseres Pflanzenschutzportfolios verringern zu können. Gegenüber unseren Investoren haben wir angekündigt, diese Auswirkungen bis zum Jahr 2030 um 30 Prozent zu reduzieren. Das ist weit mehr als eine Halbierung des Volumens.

Es steht auch immer wieder der Vorwurf im Raum, dass Bayer Chemikalien an Länder verkauft, die in der EU verboten sind – warum machen Sie das?

Umweltverbände sagen plakativ: Alles, was in der EU nicht zugelassen ist, darf nicht mehr verkauft werden. Dass finden wir zu einfach. Ein in der EU nicht zugelassenes Insektizid hat in Ostafrika geholfen, während der Heuschreckenplage die Lebensgrundlage von mehr als 30 Millionen Menschen zu sichern, weil es erfolgreich gegen die gigantische Heuschreckenplage eingesetzt wurde. Manche Wirkstoffe wiederum werden in der EU nicht zugelassen, weil es die entsprechenden Probleme dort nicht gibt. Das Fungizid Antracol ist da ein Beispiel. In Japan und Australien darf es eingesetzt werden und diese Länder haben sehr strenge Umweltauflagen. Die lassen das Mittel zu, weil es keine Alternativen gibt.

Der Bayer Chempark in Leverkusen. Der Konzern ist ein Global Player in der Gentechnik und ein führender Hersteller von Pflanzenschutzmitteln (Foto:IMAGO / Rupert Oberhäuser)

Das heißt, Bayer wird weiterhin hier nicht zugelassene Chemikalien ins Ausland verkaufen?

Wo wir es für richtig halten, werden wir weiterhin Produkte in Europa produzieren und im Ausland verkaufen. Aber wir haben unseren Kritikern zugehört und werden eine ganze Reihe von Wirkstoffen schrittweise aus unserem Portfolio entfernen. Außerdem haben wir interne, über viele Länderstandards hinausgehende Sicherheitsstandards für Pflanzenschutzmittel veröffentlicht und glauben, andere sollten das auch tun. Diese Standards werden von uns weltweit angewendet – auch in Ländern mit niedrigeren Sicherheitsstandards. Und wir werden auch die Registrierung für diese Produkte zurückrufen, damit sie nicht von anderen weiterverkauft werden. Europa muss aber damit aufhören, sich als Silicon Valley der Regulierung zu verstehen, sondern eher den Schulterschluss mit anderen Regionen suchen. Stellen Sie sich vor, in Russland würde wegen Pilzbefalls eine komplette Weizenernte ausfallen, nur weil die NGOs über das Ziel hinausschießen. Die größten Importeure von Weizen sind Indonesien, Nigeria und Ägypten.

Was entgegnen Sie denn denen, die sagen, dass die Landwirtschaft ohne Pestizide besser dran wäre?

Wir haben kein Problem damit, wenn die EU, sagen wir mal, 25 Prozent Biolandbau will. Biobauern gehören auch zu unseren Kunden. Agrarpolitik darf nicht eine Situation erzeugen, an deren Ende einer wachsenden Weltbevölkerung sinkende Ernten gegenüberstehen. Zur Wahrheit gehört auch: Die ganze Welt kann nicht durch ökologische Landwirtschaft ernährt werden.

Es gibt Leute, die sagen, man könnte. 

Das mag sein. Die sollten dann aber auch dazu sagen, dass man zum Beispiel den weltweiten Fleischkonsum fast auf Null reduzieren müsste. Die Realität aber sieht so aus: Der Fleischkonsum wird bis zur Mitte des Jahrhunderts um 70 Prozent zunehmen. Selbst Autokraten mit Hightech-Überwachungsapparaten würden sich nicht trauen, den Veggieday einzuführen. Um Ernährung innerhalb der planetaren Grenzen zu sichern, führt an Innovation kein Weg vorbei.

 


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