26. May 2019
Kolumne

Gegen wen wählen Sie bei der Europawahl?

Eine einzelne Europaflagge hängt in München aus einem Wohnungsfenster
Eine einzelne Europaflagge hängt in München aus einem Wohnungsfenster

Eine „Antihaltung“ – diese sagt die Bertelsmann Stiftung bei vielen Europäern für die anstehende Europawahl voraus. Eine Mehrheit habe vor, gegen eine bestimmte Partei zu stimmen statt für eine, so die Analyse. Denkzettel für die Parteien bestimmen die Wähleragenda.

Meine erste Reaktion darauf war: Geht’s noch?!

Meine zweite Reaktion, nachdem ich mich gezügelt habe, ist: Liebe Wählerinnen und Wähler, die Parteien können doch nichts dafür.

Wen machen wir einen Kopf kürzer?

Wenn Sie oder jemand in Ihrem Bekanntenkreis vorhat, gegen eine Partei zu wählen, dann haben nicht die anderen Parteien versagt. Auch nicht einzelne Parteivorsitzende oder Politiker. Stattdessen haben wir uns lediglich das Versagen unseres politischen Systems vorgeführt.

Zu spüren bekommen allerdings immer nur Einzelpersonen die Häme der Europäer. Da soll dem CSU-Politiker Manfred Weber ein Denkzettel verpasst werden oder der tschechische EU-Abgeordnete Jan Zahradil eine Lektion lernen. Die sollen spüren, dass sie nichts taugen! So oder so ähnlich lautet die Argumentationsgrundlage am Stammtisch.

Kommen die Argumente Ihnen schon so bekannt vor wie mir? Ja, genau: In Unternehmen führen wir seit Jahrzehnten die gleiche Debatte: Welcher Manager, welcher CEO ist schuld, dass die Firma gerade den Bach runtergeht? Wem verpassen wir einen Denkzettel, wen machen wir einen Kopf kürzer? Die Häme gegen einzelne Player nimmt kein Ende.

Das Systemversagen aber auch nicht. Wo liegt also der eigentliche Fehler?

Wer kann es besser?

Die Krux liegt – in der Politik genauso wie in der Wirtschaft – im paternalistischen, hierarchischen System. Und zwar deshalb, weil es auf zentrale Steuerung und auf die kausale Abfolge von Ursache und Wirkung setzt. Aber: Die Realität verhält sich nicht geordnet, lässt sich nicht steuern und verfolgt schon gar keine Kausalitäten.

Sie verhält sich eher wie eine Kreuzung in einer ostasiatischen Großstadt. Die Fußgänger, Mopeds, Rikschas, Fahrräder, Lastenräder, Kleinwagen und Laster strömen dort aus fünf oder sechs Richtungen auf die Kreuzung unter Missachtung jeglicher Verkehrsregeln. Sie drosseln einfach das Tempo und fahren so schnell wie möglich und so langsam wie nötig, um anderen Verkehrsteilnehmern ausweichen zu können. Jedes einzelne Vehikel sucht sich seinen Weg und insgesamt entsteht ein riesiges Kuddelmuddel, das aber fließt und sich kontinuierlich bewegt. Es gibt keinen Stau bis zum Stillstand. Die Verkehrsteilnehmer kommen auf wunderbare Weise unfallfrei auf der anderen Seite der Kreuzung wieder heraus.

Nun stellen Sie sich einen Schutzmann aus den 50er-Jahren vor und stellen Sie ihn in Uniform und mit weißen Handschuhen auf sein Podestchen mitten auf die ostasiatische Kreuzung: Er winkt und gestikuliert, trillert hilflos auf seinem Pfeifchen und versucht, das Chaos zu regulieren – und die ganze Welt ignoriert ihn. Denn sein Einfluss ist gleich null. Höchstens bringt er ein paar Mopedfahrer durcheinander, weil er im Weg steht, oder er verursacht einen Unfall, indem er einen Fahrradfahrer anhält.

In allen heutigen Politik- und Wirtschaftsfeldern gibt es so viele Einflussfaktoren, die niemand unter Kontrolle haben kann – schon gar nicht eine einzige europäische Partei oder ein einzelner Parteivorstand.

Wir lösen das Problem deshalb nicht, indem wir fragen: Wer könnte innerhalb des Systems besser regieren?

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