BriefingFünf Jahre Brexit-Votum – ein Rückblick

Knapp 1,3 Millionen Stimmen entschieden am 23. Juni 2016 das Referendum um einen möglichen EU-Austritt Großbritanniens. Mit einer knappen Mehrheit von 51,9 Prozent stimmten die Briten damals für den Brexit – und setzten damit einen jahrelangen Verhandlungsmarathon in Gang.

Fünf Jahre später ist Großbritannien tatsächlich nicht mehr in der EU, endgültig wurde der Austritt mit dem Ende der Übergangsphase am 31. Dezember 2020 besiegelt. Der mühselige und oft langwierige Weg dahin dürfte vielen Beteiligten aber noch lange in Erinnerung bleiben. Zum einen, weil sich die wirtschaftlichen Folgen des Brexit bislang nur erahnen lassen. Zum anderen, weil die Umsetzung des in letzter Sekunde beschlossenen Brexit-Deals über die britisch-europäischen Beziehungen noch immer für Streit zwischen Brüssel und London sorgt.

Anlässlich des Jahrestages des Brexit-Referendums hat Capital eine Auswahl an Artikeln zusammengestellt, die einen Blick auf fünf Jahre Brexit-Drama werfen.

Nordirland im Klammergriff des Brexit

Schon früh entwickelte sich Nordirland für die künftigen britisch-europäischen Handelsbeziehungen zum Knackpunkt – und das blieb bis zum Schluss so. Claus Hecking ist schon im September 2018 in das nordirische Fischerstädtchen Kilkeel gereist. Dort hat er mit den Bewohnern über ihre Erwartungen an den EU-Austritt und ihre Sorgen über dessen Folgen gesprochen.

Im Hafen der nordirischen Stadt Kilkeel: Was die Fischer hier anliefern, wird meist in die EU oder den irischen Süden exportiert.
Im Hafen der nordirischen Stadt Kilkeel: Was die Fischer hier anliefern, wird meist in die EU oder den irischen Süden exportiert.

Ein Schreckensszenario für die britische Autoindustrie

Die englische Autoindustrie hat alles erlebt: Die Branche auf der Insel war tonangebend, bevor sie in den 70ern und 80ern ihren nahezu vollständigen Untergang erlebte. Erst nach der Finanzkrise vor zehn Jahren vollzog sich ein überraschender Wiederaufstieg. Und alles sah danach aus, als sei noch mehr drin. Der Brexit hat den Autobauern schwer zugesetzt – und das auch schon vor dem Ende der Übergangsphase. Lutz Meier war im Sommer 2019 auf Ortsbesuch im Kernland des britischen Autobaus rund um Birmingham.

Das Mini-Werk in Oxford stand vier Wochen lang still, obwohl es gut ausgelastet ist. Doch das Brexit-Risiko war BMW zu heikel
Das Mini-Werk in Oxford stand vier Wochen lang still, obwohl es gut ausgelastet ist. Doch das Brexit-Risiko war BMW zu heikel

Corona und Brexit: Double Trouble für Großbritannien (C+)

Die Corona-Krise hat Großbritannien zwischenzeitlich härter getroffen als jedes andere Land in Europa. Vor der Drohkulisse eines ungeregelten Brexits fürchteten Beobachter und Politiker einen existenzbedrohenden Doppelschlag. Warum die Sorge vor dem „One-Two Punch“ mehr als berechtigt waren, hat Claus Hecking in fünf Thesen erklärt.

Mit seiner Uneinsichtigkeit erschwerte Premierminister Boris Johnson die Verhandlungen über einen Brexit-Deal immer wieder
Mit seiner Uneinsichtigkeit erschwerte Premierminister Boris Johnson die Verhandlungen über einen Brexit-Deal immer wieder

Der etwas andere Rückblick

Seitdem die Briten für den Austritt aus der Europäischen Union abstimmten, ist der Brexit zum Dauerthema geworden und hat für zahlreiche kuriose Situationen gesorgt. Charlotte Raskopf und Nils Kreimeier haben zum Auslauf der Übergangsfrist am 1. Januar einen etwas anderen Rückblick auf wichtige Eckdaten der Brexit-Geschichte geworfen – mit der wohl bekanntesten britischen Komiker-Gruppe Monty Python:

Die Komiker-Truppe Monty Python ist in Sachen Brexit gespalten

London – der Brexit-Kollateralschaden (C+)

Schon in den ersten Handelstagen 2021 wurden die Auswirkungen des britischen EU-Austritts auf schonungslose Weise deutlich. Der milliardenschwere Aktienhandel fand an den Börsen des Kontinents ein neues Zuhause. Nach dem Brexit verliert London damit seine Rolle als Spitzenreiter unter Europas Aktienumschlagplätzen. Auch wenige Monate nach dem Ende der Übergangsphase ist die Zukunft des Finanzzentrums ungewiss. Denn sie hängt stark von den politischen Gegebenheiten auf beiden Seiten des Ärmelkanals ab, meinen Harry Wilson und Neil Callanan in ihrer Analyse.

Einst galt London als wichtigstes Finanzzentrum Europas, mit dem Brexit wurden die Karten allerdings neu gemischt
Einst galt London als wichtigstes Finanzzentrum Europas, mit dem Brexit wurden die Karten allerdings neu gemischt

Diese Brexit-Baustellen bleiben

Seit dem 1. Januar 2021 ist der EU-Austritt Großbritanniens endgültig vollzogen. Nach einem holprigen ersten Quartal ist die Wirtschaft des Vereinigten Königreichs mittlerweile wieder auf Wachstumskurs. Vom Brexit-Schaden spricht niemand mehr, aber der Handel leidet – und es bleiben konfliktträchtige Punkte. Marina Zapf gibt einen Überblick über einige heikle Brexit-Baustellen.

Wie in dem erst in letzter Minute geregelten Grenzverkehr zwischen Gibraltar und Spanien bleiben viele Unwägbarkeiten
Wie in dem erst in letzter Minute geregelten Grenzverkehr zwischen Gibraltar und Spanien bleiben viele Unwägbarkeiten

Zugbetreiber Eurostar und das Brexit-Dilemma (C+)

Eurostar stand für ein gelungenes Stück europäischer Integration: Der Stil war französisch, die Unternehmensstruktur britisch, die Züge kamen teils aus Deutschland. Das Projekt verbindet vier Hauptstädte und nutzt dafür den Tunnel mit der längsten Unterwasserpassage der Welt. Vor allem die Zugverbindung London-Paris galt als europäisches Hoffnungsprojekt. Durch den Brexit und Corona steht der Betreiber mit dem Rücken zur Wand. Dabei könnte die goldene Zukunft des Bahnreisens anbrechen, meint Henry Mance.

Als Eurostar 1994 loslegte, sah die französische Tageszeitung „Le Figaro“ darin ein Zeichen für „das Ende der britischen Abgeschiedenheit“

7 Lehren aus dem Brexit-Drama

Eins hat der Brexit schon früh eindrucksvoll bewiesen: Kaum eine politische Entscheidung der vergangenen Jahre hat sich so regelmäßig und verlässlich zur Zitterpartie entwickelt, wie der britische EU-Austritt. Einige Lehren aus dem Brexit-Drama haben sich schon früh ziehen lassen und bewahrheiten sich auch heute noch. Sieben hat Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank, zusammengefasst.

Für die ehemaligen Premierministerin Theresa May würde der Streit über den Brexit zu einer unüberwindbaren Hürde, im Mai 2019 trat sie zurück
Für die ehemaligen Premierministerin Theresa May würde der Streit über den Brexit zu einer unüberwindbaren Hürde, im Mai 2019 trat sie zurück