FrankreichFrankreichs Feuerprobe

Revolutionsstimmung am Arc de Triomphe: Protestierende der Gelbwestenbewegung zünden Barrikaden an
Revolutionsstimmung am Arc de Triomphe: Protestierende der Gelbwestenbewegung zünden Barrikaden anAction press

Die Gelbwesten, sagt Valérie Petit, die kenne sie aus nächster Nähe. Der Riss, der die französische Gesellschaft spaltet, geht auch durch die Familie der 42-Jährigen, die sich als Abgeordnete in Paris gerade bemüht, der Reformpolitik von Emmanuel Macron neuen Schwung zu geben. Ihr eigener Bruder zieht derweil in einer der Hauptstadt-Banlieues auf die Straße und brüllt Parolen gegen die Versager in Paris und ihren Elite-Präsidenten Macron.

Zwei Jahre ist es her, dass Petit, damals 40, ins Parlament gewählt wurde. Sie war eine von vielen, die nie vorher Politik gemacht hatten. Ins öffentliche Amt spülte sie eine Wahl, die einer Revolte gegen die alten Parteien, Eliten und Praktiken gleichkam. Menschen, die vorher Piloten, Bandarbeiter, Ingenieurinnen, Start-up-Leute gewesen waren, schliefen nun auf Klappliegen in ihren Abgeordnetenbüros, beflügelt vom Glauben an das Neue.

Halb Europa war erleichtert, als Macron und seine Leute gewannen. Ihr Sieg sah damals nach einer Absage an die Zerstörungswütigen aus, an Populisten, Rassisten, Europafeinde. Macrons La République en Marche (LaREM) war eine Anti-Bewegung, aber eine konstruktive. Getragen wurde sie von Leuten wie Petit: noch jung, voller Ehrgeiz, frus- triert von der alten Politik, begeistert von den neuen Möglichkeiten. Eine ganze Generation strebte an die Schaltstellen.

Saal der Nationalversammlung
Den Sitz der Nationalversammlung entriss 1791 das Volk den Bourbonenprinzen

Capital hat einige der Politikneulinge damals besucht. Nun sind wir zurückgekehrt, um erneut mit ihnen zu sprechen. Nach zwei Jahren wollten wir von den Stützen des Präsidenten wissen: Was ist übrig vom Zauber des Anfangs? Kann die Bewegung ihre Versprechen noch wahr machen? Oder wird Frankreich endgültig unreformierbar? Wir haben Menschen getroffen, die selbst frustriert über Widerstände im Apparat sind, über die Unbeweglichkeit der eigenen Reihen, auch über die Einsamkeit der Macht, die Macron wie seine Vorgänger zelebriert. Gleichzeitig wollen sie von ihrer Hoffnung nichts preisgeben.

Gerade hat Macron Zugeständnisse an die Gelbwesten verkündet: mehr Geld für Rentner, weniger Steuern für Gering- und Mittelverdiener, mehr Staatsdiener als geplant. Wie das bezahlt werden und gleichzeitig Macrons Schwur auf solide Budgets eingelöst werden soll, bleibt wolkig. In den nächsten Wochen muss sich entscheiden, ob der Präsident sein Mandat retten kann oder ob die Anti-Stimmung gewinnt. Schon bei der Europawahl könnte die Regierungspartei LaREM laut Umfragen von den Rechtsextremen überflügelt werden. Stürmische Zeiten also, in denen Macrons Politikneulinge ihre Rollen finden müssen, jeder auf seine Art.