PorträtEmmanuel Macron - Le Hoffnungsträger

Macron besucht ein Einwandererviertel in Montpellier und wird mit marokkanischem Gebäck bewirtet
Macron besucht ein Einwandererviertel in Montpellier und wird mit marokkanischem Gebäck bewirtet
© Stephanie Füssenich

Der alte Mann mit dem Käppi hält Emmanuel Macron ein Einmachglas unter die Nase. Darin klebt eine schwarze Masse. Macron schnuppert neugierig hinein. „Was ist das?“, fragt er. „Trüffel?“ Der Mann mit dem Käppi grinst: „Es ist ein Traum!“ Ja, sicher, Joël Joie handelt mit Trüffeln. Vor allem aber verkauft er mit der Spezialität eben: „einen Traum“. Macron lächelt den Mann an und erwidert: „Da haben wir ja denselben Beruf!“ Träume von Frankreich verkaufen.

Es ist früh am Morgen, Emmanuel Macron sitzt in einem TGV, der mit Tempo 320 nach Paris donnert. Am Vorabend hatte der Jungstar der französischen Politik einen Auftritt vor 1500 Anhängern in einer Konzerthalle in Montpellier. Draußen ist es noch dunkel, aber sein jugendliches Gesicht zeigt keine Spur von Müdigkeit. Anzug und Krawatte sitzen perfekt, wie immer. Macron, seine Mitarbeiter und seine Frau lesen Zeitung und halten Morgenbesprechung, dazwischen wischt Macron über seine zwei Smartphones, checkt Nachrichten, schreibt Mails.

„Monsieur le Président“, so hat ihn der Trüffel-Mann angesprochen, der im selben Wagen fährt. Die Anrede als Staatschef ist kein bisschen ironisch gemeint, eher Ausdruck eines Wunsches. Eigentlich, sagt Joël Joie, hatte er beschlossen, nicht mehr wählen zu gehen. Aber wenn Macron – der gerade Frankreichs politisches Establishment aufscheucht – im Frühjahr zur Präsidentenwahl antreten sollte, dann würde Joie ihm seine Stimme geben. „Treten Sie an?“, fragt ihn der Trüffelhändler. Macron lächelt – und schweigt.

„Es sind Helden nötig“

Das Schweigen währte nicht lange: Macron kandidiert. Der Traum, den Macron seit Monaten seinen Landsleuten verkauft, lautet: „Frankreich neu gründen.“ Nichts weniger. Um ihn zu verwirklichen, muss sich aber erst ein anderer Traum erfüllen, den er bisher nicht laut ausgesprochen hat: Macron, studierter Philosoph, Ex-Bankier und Ex-Wirtschaftsminister, müsste zum Präsidenten gewählt werden. „Sky is the limit“, sagt Macron, wenn er auf seinen Ehrgeiz angesprochen wird. Das ist mehr als eine Andeutung. „In der Politik sind Helden nötig“, sagt er. Umfragen sehen ihn auf Platz zwei vor dem konservativen Kandidaten François Fillon und hinter der Rechtspopulistin Marine Le Pen. In einer möglichen Stichwahl hat er gute Chancen gegen die Kandidatin des Front National.

Das Gefühl, zum höchsten Staatsamt der fünftgrößten Volkswirtschaft der Welt berufen zu sein, mag sich aus Macrons bisherigem Leben erklären, aus seinem kometenhaften Aufstieg. Vor zweieinhalb Jahren kannte ihn außerhalb der Pariser Elitezirkel niemand. Bis der Sozialist Hollande, der doch als „Feind der Hochfinanz“ angetreten war, seinen wirtschaftsfreundlichen Berater zum Minister machte. Der überflügelte dann nicht nur den Präsidenten an Beliebtheit, sondern fast alle Politiker. „Kann sein, dass ihm das etwas zu Kopf gestiegen ist“, sagt einer, der Macrons Wandlung zum Spitzenpolitiker aus nächster Nähe im Ministerium verfolgt hat. Macron – der sich einmal als Sozialdemokrat verstand, heute aber lieber als „Progressist“ bezeichnet, als Anti-Konservativer – hat sich schließlich nie einer Wahl gestellt. Da könnten die Ambitionen wie Übermut wirken. Wie Größenwahn.

Auf Trüffelhändler Joie und Millionen andere wirkt das nicht so. Für sie ist der junge Mann die Hoffnung auf Veränderung. Frankreichs politisches System nährt seit Jahrzehnten eine selbstgefällige Kaste, die eine Erneuerung der Personen und Programme unterdrückt – und so den Aufstieg des rechtsextremen Front National (FN) begünstigt hat. Die Wirtschaft dümpelt seit der Finanzkrise vor sich hin, die Arbeitslosenquote pendelt um die zehn Prozent. Als Antrieb für Europa fällt Frankreich schon lange aus.

Eine blau-weiß-rot angestrahlte Halle – und zum Schluss die Hymne. Beim Meeting seiner Bewegung in Montpellier zeigt sich Macron staatsmännisch
Eine blau-weiß-rot angestrahlte Halle – und zum Schluss die Hymne. Beim Meeting seiner Bewegung in Montpellier zeigt sich Macron staatsmännisch
© Stephanie Füssenich

Macrons Traum ist das Gegenteil des verzagten Frankreich der vergangenen Jahre. Er will, dass „liberal“ in seiner Heimat nicht mehr als Synonym für „Raubtierkapitalismus“ steht, er will das Land für die Globalisierung öffnen und sieht in der Digitalisierung mehr Chancen als Risiken. Er bricht mit französischen Tabus, wenn er die gesetzliche 35-Stunden-Woche, den Beamtenstatus und die Vermögenssteuer infrage stellt. Wenn er Gewerkschaftern, die ihn auf der Straße wegen seiner Maßanzüge angreifen, aufreizend entgegnet: „Die beste Art, sich einen Anzug zu leisten, ist zu arbeiten.“ Auf die Frage, was ihm zufolge das französische Kernproblem ist, antwortet er: „Es ist die Beziehung zur Arbeit, zum Geld, zur Innovation, zur Globalisierung, zu Europa, zu Ungleichheiten.“

Mit dieser Schonungslosigkeit hat Macron die linke Regierungsmehrheit gespalten. Doch es gibt viele, die von den etablierten Parteien frustriert sind und denen er aus der Seele spricht – die aber nicht die Abschottung des FN wünschen. Macron sieht sich als Gegenangebot zu FN-Chefin Le Pen. Der frühere Premierminister Manuel Valls wirft ihm Populismus vor, weil Macron sich gegen „das System“ in Stellung bringt. Sollte Demokratie Populismus sein, so sei er gerne Populist, sagt Macron.

Wo er auftaucht, drängen sich die Menschen um ihn wie um einen Rockstar. Auch im TGV nach Paris kommen ständig Fahrgäste und sogar der Schaffner, um Selfies mit ihm zu machen. Macron sagt nie Nein. Er kann schlecht verbergen, wenn er sich in seiner Eitelkeit geschmeichelt fühlt. Er knipst dann sein Passepartout-Lächeln an und richtet die stahlblauen Augen auf das hingestreckte Smartphone.