FinanzevolutionFintech? Nie gehört

Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie noch nie den Begriff „Fintech“ gehört haben, liegt bei etwa 90 Prozent. Das ist zumindest die Zahl, die laut einer Umfrage des Marktforschungsinstituts Explorare unter 512 Deutschen herauskam, wie die Frankfurter Rundschau berichtete. Vor allem unter Frauen und Männern über 50 Jahren sollen die meist jungen Unternehmen, die den digitalen Wandel des Finanzsektors national und international prägen, weitestgehend unbekannt sein.

Die Marktforscher von Explorare haben auch gefragt, woran es liegt, dass bisher keine Fintech-Angebote genutzt werden (siehe die Fachwebseite Fintech Insider zu einer Zusammenfassung). Die Marktforscher fanden heraus, dass mehr als 62 Prozent der Befragten mit ihren bisherigen Dienstleistern zufrieden seien und fast 38 Prozent das passende Angebot fehle.

Ob das stimmt, ist allerdings zweifelhaft, denn die meisten haben ja nach der gleichen Auswertung offenbar nichts von den neuen Angeboten gehört. Ob das an mangelndem Interesse, zurückhaltender Kommunikation oder zu geringen Werbebudgets der Fintechs liegt, soll dahingestellt sein.

Begriffe sind nicht selbsterklärend

In einer Zeit, in der viele Bankkunden nicht einmal gemerkt haben, dass die EC-Karte schon seit Jahren durch die Girocard ersetzt wurde, haben viele Privat- und Geschäftskunden noch wenig Interesse an den Veränderungen in der Finanzwelt. Wer sich regelmäßig durch die Schlagzeilen der neuen Finanzwelt in Fachmagazinen oder Blogs klickt, der trifft auf eine neue Begriffswelt, die sich selbst unter Finanzprofis nur langsam verbreitet. Man denke nur an Leistungen, wie P2P-Kredite (Kredite ohne Banken), Robo-Adivsory (durch Computeralgorithmen gesteuerte Anlageberatung) oder mobile payments (Bezahlen per Smartphone). Die Fachwebseite Venture Scanner zählt 16 verschiedene Innovationskategorien unter der Überschrift Financial Technology. Keiner der Begriffe erklärt allein durch die Bezeichnung die Dienstleistung.

Hinter jeder dieser 16 Kategorien wiederum verstecken sich zahlreiche Untergruppen, die einen Überblick zusätzlich erschweren (siehe zum Beispiel meine Kolumne über die „Invasion alternativer Finanzierungsplattformen„). Neue Technologien wie Blockchain und Smart Contract, das Wiederaufleben alter Technologien wie künstliche Intelligenz oder geänderte rechtliche Rahmenbedingungen wie die PSD II (EU-Richtlinie für den Zahlungsverkehr) erschweren zusätzlich den Durchblick.

Es ist also kaum überraschend, dass der normale Bankkunde das Interesse verliert, beziehungsweise es gar nicht erst geweckt wird. Das erinnert an die neue Fernsehwelt. Auch hier sehen sich die Kunden, die eigentlich nur Sendungen konsumieren wollen, mit einer Fülle neuer Fachbegriffe und Angebote konfrontiert. Was interessieren Begriffe wie HD, LED, HDMI, CI+, Smart-TV? Eigentlich möchte man nur ein möglichst komfortables TV-Erlebnis aus einer Hand beziehungsweise aus einem Gerät in möglichst hoher Qualität. Die Praxis sieht in den meisten Haushalten anders aus. Ein Zoo an Fernbedienungen für unterschiedliche Geräte, Dienste und Übertragungstechnologien setzen für das beste TV-Erlebnis ein Technikseminar voraus, wenn man alle Möglichkeiten ausschöpfen will. Für die Bedürfnisse der TV-Konsumenten nach möglichst einfacher Bedienung scheint sich hier kaum einer zu interessieren. Eifert die Finanzindustrie der TV-Branche nach?

Verwirrende Vielfalt

Eine Fülle neuer Angebote kann außerdem dazu führen, dass man für die jeweils beste Leistung einen anderen Dienstleister hat. Da kann selbst der an den neuen Entwicklungen interessierte Kunde schnell den Überblick verlieren. Dabei sind Geschäfte von Finanzdienstleistern im Grunde sehr einfach. Ihre Geschäftsmodelle beruhen auf der Schaffung eines Ausgleichs zwischen denjenigen, die Finanzierungsmittel anlegen wollen, und denen, die Mittel aufnehmen wollen oder müssen. Dazu geht es um den Transfer von Zahlungsmitteln und die Absicherung finanzieller Risiken.

Unterdessen umarmt die alte Finanzwelt die Welt der Fintechs und ist zur Aufholjagd gestartet. Rakefet Russak-Aminoach, CEO der Leumi Gruppe, einer der größten israelischen Bankengruppen, stellte kürzlich im Fachmagazin American Banker fest, dass das Ende des Banking, wie wir es kennen, bevorstehe und dies keine schlechte Sache sei. Ihr Schlüsselerlebnis, so schreibt sie, war der Wunsch ihrer Tochter, ein Bankkonto zu eröffnen. Russak-Aminoach antwortete, das sei kein Problem und wollte mit ihr zur nächsten Zweigstelle ihrer Bank gehen. Darauf schaut ihre Tochter sie irritiert an. Wenn sie bei Facebook oder Paypal ein Konto eröffne, dann bräuchte sie nicht einmal das Haus zu verlassen. Für Russak-Aminoach war das ein Schlüsselmoment, um die Transformation im Banking voranzutreiben.

Diese Veränderungsenergie spürt man nicht nur in Israel, London oder New York, sondern auch in Berlin, Hamburg und natürlich Frankfurt. Das Ökosystem der deutschen Finanzhauptstadt lag im Fintech-Ranking nach einer Studie von Barkow Consulting im letzten Jahr nur auf Rang vier hinter Berlin, München und Hamburg. Das könnte sich bald ändern, denn in der Mainmetropole sind in den letzten 15 Monaten einige Werkstätten für die Finanztechnologie entstanden.

Frankfurt holt auf

Ende letzten Jahres öffnete das Tech Quartier seine Tore neben der Frankfurter Messe. Das Tech Quartier versteht sich als Zentrum für Finanztechnologie-Unternehmen und Treffpunkt für Investoren und Anbieter. Nicht weit davon entfernt in Richtung Bankenviertel eröffnete im April der deutsche Immobilienmanager Alstria ebenfalls ein Fintech-Innovationszentrum. Es tritt unter der Bezeichnung „The Spot“ auf und will die Führungsrolle der Stadt Frankfurt im Bereich Fintech stärken. Auch hier sollen jungen Fintech-Firmen neben etablierten Unternehmen arbeiten. Und mitten im Bankenviertel hat das aus Berlin stammende German Tech Entrepreneurship Center (GTEC) einen Ableger in Frankfurt eröffnet. Hier sollen technologieorientierte Start-ups (es müssen nicht zwingend Fintechs sein) durch Programme und Veranstaltungsreihen gefördert werden.

Neben diesen jüngst gestarteten Initiativen, sind zahlreiche weitere Aktivitäten natürlich auch in anderen Städten dabei, den technologischen Wandel im Finanzdienstleistungsbereich zu unterstützen. Ob der Fachbegriff Fintech damit künftig auch bei den Kunden ankommt, ist dennoch zweifelhaft. Er muss aber auch gar nicht die Kunden erreichen. Es reicht, wenn er die veränderten Leistungen nutzt, dann hoffentlich unter Produktbezeichnungen, die einfach zu verstehen sind.


Dirk Elsner (Foto: Sebastian Berger, Stuttgart)Dirk Elsner ist bei der DZ Bank Senior Manager Innovation und Digitalisierung. In dieser Kolumne äußert er seine private Meinung. 2008 hat er das private Wirtschaftsblog BlickLog gegründet, das mehrfach ausgezeichnet wurde.


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