Kolumne Fehlende Kreativität in der Coronakrise

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
© Martin Kress
Aus der Wirtschaft kommen nur wenige Vorschläge zur Bewältigung der Pandemie. Sie könnte eine viel größere Rolle spielen. Wenn sie will – und wenn man sie lässt

Räsonieren und kritisieren, mahnen und warnen. So sieht er aus, der verbale Beitrag der meisten Wirtschaftsverbände zur Bewältigung der Corona-Krise. Man räsoniert über die Kurzatmigkeit der Politik, man kritisiert das Impfchaos, man mahnt mehr Hilfen für Unternehmen an und warnt vor den Folgen des Lockdowns. Was aber fehlt sind kreative Vorschläge aus der Wirtschaft, was man besser machen könnte. Sie könnte eine viel größere Rolle dabei spielen, uns aus der Bredouille zu bringen, wenn sie will. Und wenn die Politik sie auch lässt.

Beispiel Impfgipfel: Nach einem ganzen Jahr Pandemie setzen sich Bund, Länder und Pharmaindustrie nun endlich an einen Tisch, um neue Vorschläge zu machen. Warum aber erst jetzt?

Beispiel Vakzin-Einkauf: Warum war die Industrie mit ihrer großen Erfahrung bei der Steuerung von Lieferketten nicht von Anfang an in diesen Beschaffungsprozess eingeschaltet? Die Konzerne organisieren ihre Grippeimpfungen in der Regel selbst. Also schalten wir sie doch auch ein, wenn es um die zweite große Impfwelle im Sommer und Herbst dieses Jahres geht.

Beispiel Lockdown: Es ist leicht, eine „langfristige Öffnungsperspektive für den Einzelhandel“ zu fordern. Aber wo bleiben die ganz konkreten Vorschläge, es besser zu machen als bisher – und zwar ohne den nächsten Pandemieschub auszulösen?

Beispiel Gesundheitsämter: Viele lachen sich kaputt über die antiquierten Methoden der Bürokraten, zum Beispiel Erkrankte noch per Fax an das Robert-Koch-Institut zu melden. Aber wieso schließen sich die IT-Unternehmen nicht zusammen, um die Gesundheitsämter schnell auf den neusten Stand der Technik zu bringen – zum Beispiel durch Patenschaften vor Ort?

Natürlich kann man einwenden, es sei nun einmal zu allererst die Aufgabe des Staats die Führung zu übernehmen in einer Krise. Das stimmt. Und zu allererst müssten sich die Firmen schließlich darum kümmern, ihre eigenen Arbeitnehmer so gut wie möglich vor dem Virus zu schützen. Wohl wahr. Und bis auf einige negative Ausnahmen (Fleischindustrie!) funktioniert das ja auch ganz gut. Aber das alles sind in Wahrheit keine Argumente gegen eine aktivere Rolle der Wirtschaft. In der Krise ist Freiwilligkeit gefragt und nicht einfach nur verstärkte Lobbyarbeit für die eigenen Interessen. Und von freiwilliger Initiative sehen wir zu wenig in Deutschland.

Wir haben in Deutschland die Fähigkeit zu einer nationalen Anstrengung aller Bürger und aller Institutionen verlernt. In den USA will sich der neue Präsident Joe Biden nach den verheerenden Versäumnissen seines Vorgängers jetzt auf den „Defense Production Act“ stützen, um Unternehmen stärker als bisher einzuschalten. Bei uns gibt es solche Instrumente gar nicht – zum Teil auch aus guten Gründen und aus unseren Kriegserfahrungen. Aber die letzten Monate haben deutlich gezeigt, dass es eben auch nicht reicht, sich auf die normalen bürokratischen Prozesse zu verlassen und die übliche Arbeitsteilung zwischen Politik und Wirtschaft. Da muss mehr möglich sein als bisher geschieht.

Natürlich beobachten wir in diesen Wochen zu allererst ein Versagen der Politik. Angela Merkel gleiten die Fäden sichtlich aus den Händen. Ihr fehlt immer wieder die Kraft, die Bundesländer auf eine einheitliche Linie zu bringen. Sie analysiert richtig, aber handelt nicht genug. All das kritisiert man in unseren Unternehmen. Aber das spricht die Wirtschaft nicht von der Verantwortung frei, selbst mehr zu tun.


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