ReportageUber vs. Didi - Fast and Furious

Die Toiletten, sagt Stephen Zhu. Es habe auch an den Toiletten gelegen, dass sein Arbeitgeber den Taxikrieg gewonnen habe. „Unsere Fahrer genieren sich, einfach vor einem Hotel zu halten und dort aufs Klo zu gehen“, sagt Zhu, Vizepräsident der chinesischen Fahrdienst-App Didi Chuxing. „Also haben wir Restaurants, Conveniencestores, Shoppingmalls an Bord geholt und unseren Fahrern gesagt: ‚Das sind unsere Partner, benutzt gerne ihre Toiletten. Sie werden auf dem Navi angezeigt.‘ Die Fahrer sehen, dass wir uns um sie kümmern. Also verlassen sie uns nicht einfach, wenn sie woanders zehn Prozent mehr verdienen können.“

Toiletten also. Sie haben den Kampf um den Milliardenmarkt mitentschieden. Während Fahrdienst-Apps wie Uber hierzulande zuletzt höchstens noch Schlagzeilen machten, wenn ein Taxiverband sie wieder aus dem Markt geklagt hatte, haben sich Uber und sein chinesisches Pendant Didi in der Volksrepublik eine Auseinandersetzung geliefert, die in der jüngeren Wirtschaftsgeschichte ihresgleichen sucht.

Man hätte denken können, der chinesische Taxikrieg sei nur – wobei „nur“ eine himmelschreiende Untertreibung ist – mit zehnstelligen Dollarsummen geführt worden, mit Terabyte an Daten und unter Beteiligung von Investoren wie Apple, Tencent, Alibaba, Baidu und Saudi-Arabiens Public Investment Fund. Doch es geht um die Vorherrschaft auf dem Markt für die Mobilität der Zukunft. Da zählt eben jedes Detail. Auch Toiletten.

Trotz der legendären Aggressivität des Uber-CEOs Travis Kalanick haben die Amerikaner dabei den Kürzeren gezogen – und ihr Chinageschäft im August 2016 an Didi verkauft. Doch damit ist, wie es aussieht, fürs Erste nur die Volksrepublik befriedet. Auf dem Weltmarkt geht der Fight in die nächste Runde. Nicht nur Uber und Didi werden ihn ausfechten, sondern eine ganze Allianz regionaler Anbieter. Und Asien wird ein Hauptschauplatz sein beim Kampf um die Frage, wie die Welt künftig von A nach B kommt.

1430.000.000 Fahrten

Acht Uhr abends in einem gläsernen Bürogebäude eine Autostunde nördlich von Pekings Zentrum. In einem Einzelbüro blubbert ein kleines Aquarium, ein Wald von Grünpflanzen verdeckt die Fensterfront. Hinter dem bescheidenen Schreibtisch hängt eine Karikatur eines Frauengesichts. Jean Liu, die Präsidentin des Unternehmens, hat offenbar einen selbstironischen Zug – und kein Problem damit, dass ihr 35 Jahre alter Vize Zhu ihr Büro für Gespräche nutzt, wenn sie sich zu Hause um ihre drei Kinder kümmert.

Was wirkt wie ein Beamtenzimmer in einem deutschen Ordnungsamt, ist tatsächlich das Herz von Didi Chuxing. Vielleicht wächst der Fahrdienstanbieter einfach zu schnell, als dass die Räumlichkeiten Schritt halten könnten.

Der Name wird oft als Didi abgekürzt, was sich etwa mit „Tuut-tuut“ übersetzen lässt – eine lautmalerische Wortschöpfung für hupen. Man kann über Didis Smartphone-App Taxis und Privatwagen bestellen, Mitfahrgelegenheiten organisieren, sogar einen Chauffeur ordern, der das eigene Auto nach Hause steuert, wenn man mal zu viel getrunken hat. Die Branche nennt sich auf Englisch Ride Hailing.

An einer Pick-up-Station in Schanghai ordert eine Frau einen Didi-Wagen
Teil der Infrastruktur: An einer Pick-up-Station in Schanghai ordert eine Frau einen Didi-Wagen
© dpa

Wenige im Westen kennen Didi, und doch ist es ein Unternehmen, das einen Rekord nach dem anderen bricht. Erst 2012 gegründet, beschäftigt Didi heute nach eigenen Angaben 6000 Leute und vermittelt Passagiere an 15 Millionen Fahrer. Schon 2015 kamen 1,43 Milliarden Fahrten zusammen. Statistisch gesehen ist somit jeder Chinese allein 2015 mindestens einmal mitgefahren. 2016 sind die Zahlen weiter in die Höhe geschnellt.

Das sagt zwar nichts über die Profitabilität aus. Dennoch bewerten Investoren Didi mittlerweile mit 33,5 Mrd. Euro. Das macht es zum drittwertvollsten Start-up der Welt, das noch nicht an der Börse notiert ist. Davor liegen nur der Smartphone-Hersteller Xiaomi – und, auf Platz eins, der US-Rivale von Didi: Uber. Dessen Bewertung von 65 Mrd. Euro liegt deutlich über der Marktkapitalisierung von VW.