„Jung & Naiv“ mit Isabel Schnabel Alt und weise: Wenn eine Zentralbankerin sich auf Youtube versucht

Isabel Schnabel 2019, als sie noch eine der Wirtschaftsweisen war
Isabel Schnabel 2019, als sie noch eine der Wirtschaftsweisen war
© IMAGO / Reiner Zensen
Beim Youtube-Interviewformat „Jung & Naiv“ versucht EZB-Direktorin Isabel Schnabel, die Geldpolitik der Zentralbank in einfachen Worten zu erklären. Herausgekommen ist ein knapp zweieinhalbstündiges Proseminar

Galoppierende Inflation, explodierende Lebensmittel-, Energie- und Spritpreise: Noch nie schien die Europäische Zentralbank (EZB) relevanter für Bürgerinnen und Bürger. Nur: Aus dem gläsernen Elfenbeinturm im Frankfurter Ostend lassen sich das Wie und Warum der Geldpolitik nur schlecht näherbringen. Wie also enger an die Otto Normalos rücken?

Beim Youtube-Format „Jung & Naiv“ hat EZB-Direktorin Isabel Schnabel jetzt versucht, den Kurs der EZB einem jungen Publikum zu erklären. Das Ergebnis ist ein fast zweieinhalb Stunden langes Interview, das auch als VWL-Online-Proseminar an der Uni laufen könnte. Mit jung und naiv hat das Ganze wenig zu tun – erwachsen und weise würden besser passen. Und dennoch fügt sich der Auftritt gut ein in die neu ausgegebene Kommunikationsstrategie der Zentralbank.

Denn Schnabels Chefin Christine Lagarde hatte bei ihrem Amtsantritt als EZB-Präsidentin proklamiert, den Bürgerinnen und Bürgern die Geldpolitik besser erklären zu wollen. „Wir werden nicht weiter das Evangelium predigen“, sagte sie 2019. Es gehe auch darum, „zu kommunizieren und zu beteiligen“. Ihr Vorgänger Mario Draghi dagegen war oft vorgeprescht und hatte Fakten geschaffen.

Also sagt ein hochrangiges Mitglied des EZB-Direktoriums angesichts gestiegener Energiepreise nun Sätze wie: „Ich habe meine Heizung auch runtergedreht“, oder: „Die Inflationsmessung ist sehr komplex, das ist sehr sehr schwierig“. Die Hoffnung ist, dass das die Arbeit der EZB für eine junge Bevölkerung, sagen wir, nahbarer macht. Die großen Zusammenhänge erklären sich für einen durchschnittlich gelangweilten Jugendlichen dadurch freilich nicht. Für diese Altersgruppe ist das Format aber konzipiert.

In der Schule war sie gut, beim Partymachen auch

Vielleicht hilft ja ein Ausflug ins Private? Tatsächlich erfährt man als Zuschauerin im Laufe des Gesprächs spannende Dinge über Schnabel: aufgewachsen in einem behüteten Elternhaus in Dortmund, der Vater Jurist und Leiter der Rechtsabteilung einer Brauerei, die Mutter studierte Lehrerin und der Kinder wegen zu Hause geblieben. In der Schule sei „die kleine Isabel“ gut gewesen: „Ich war sehr zielstrebig, bin ich ja immer noch und ich habe auch immer hart gearbeitet.“ Inzwischen seien es deutlich mehr als 50 Stunden pro Woche, sagt sie über ihren EZB-Job.

Gut sei die Ökonomin auch im Partymachen gewsen. „Ich war kein Kind von Traurigkeit, ich war auf vielen Partys. Heute leider nicht mehr so viel.“ Morgens sei sie schon mal übernächtigt in die Schule gekommen, „dann bekamen meine Eltern einen Anruf.“ Solche Aussagen dürften den Freigabeprozess der EZB-Pressestelle bei einem schriftlichen Interview eher selten überleben – hier hilft das Live-Format. Bei Jugendlichen könnte Schnabel damit Punkte sammeln – die ihre Arbeitgeberin EZB auch gebrauchen kann. Lange wurden die Währungshüterinnen und -hüter für ihre zu positive Einschätzung der Inflationsrisiken und eine vermeintlich verschlafene Zinswende kritisiert.

Doch wenn es um harte Geldpolitik geht, will die zielgruppengerechte Ansprache nicht recht klappen. Die Fragen des Moderators sind zwar größtenteils formatgemäß naiv, aber die Materie ist einfach zu komplex, und für Schnabels Antworten braucht man oft großes Vorwissen.

Neben Inflation und Deflation geht es um den Aufbau von VWL-Studiengängen, um Ökonomen wie Marx, Keynes und Smith, um Begriffe wie Preisniveaustabilität, Wachstum, geldpolitische Transmission, um mögliche Marktverwerfungen wegen des Ukraine-Krieges. Welche Jugendlichen bleiben da bitte bei der Stange?

Es bleibt kompliziert

Ob von denen tatsächlich so viele zuschauen, ist allerdings ohnehin fraglich: „Die Dekarbonisierung bedeutet gleichzeitig höhere Auslastung, also Inflation, und die Notwendigkeit gestiegener Investitionsnachfrage. Ein an die EU-Taxonomie angelehnter grüner Zins könnte Investitionen ermöglichen, während ein fossiler Zins die Preise stabilisert. Gute Idee?“, zitiert der Moderator eine Frage aus dem Publikum.

Schnabels Antwort: „Ja, das ist ein interessantes Konzept. Wir haben ja im Moment bestimmte Operationen. Also Kreditvergabe an Banken, das sind die TLTRO, die gezielten längerfristigen Refinanzierungsoperationen, bei denen es so ist, dass man den Zins differenziert. (...) Die, die die Kreditvergabe aufrecht erhalten, kriegen einen besseren Zins als andere.“ Uff. Das muss man erstmal verdauen.

Fazit: Die Youtube-Gehversuche sind aller Ehren wert. Aber selbst zweieinhalb Stunden vermeintlich naive Befragung einer deutschen Top-Ökonomin aus Europas wichtigster Finanzinstitution machen die Dinge in der Finanzwelt eben einfach nicht einfacher.


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