Start-ups Europas Aufholjagd: Was Europa dem Start-up-Magneten USA entgegensetzen kann

Jeppe Rindom, Gründer und CEO, Pleo
Jeppe Rindom, Gründer und CEO, Pleo
© PR
Jedes Jahr zieht es unzählige Start-ups aus der ganzen Welt – besonders aber aus Europa – ins Gründer-Mekka USA. Vor ein paar Jahren mag das Sinn ergeben haben; inzwischen nicht mehr. Europäische Start-ups sollten auf dem Kontinent bleiben.

Europäische Unternehmen machten laut Fortune durch ihre Initial Public Offerings (der erstmalige Börsengang eines Unternehmens; IPO) vergangenes Jahr Milliarden an der Börse: 9,5 Mrd. US-Dollar, um genauer zu sein. Mit diesen 9,5 Mrd. US-Dollar gibt es aus europäischer Sicht nur ein Problem: Sie wurden auf dem New Yorker Parkett erzielt. Nicht in London, nicht in Frankfurt, nicht in Paris oder anderswo in Europa. Tatsächlich zieht es noch immer jedes dritte europäische Unternehmen für ihren IPO in die USA. Ein Trend der leider noch immer nicht abnimmt. Denn trotz des reifenden Start-up- und Finanzierungsökosystems sind es gerade die jungen Tech-Unternehmen, die den Sprung wagen. Die Start-up-Analyse „The State of European Tech“ des Wagniskapitalgebers Atomico zeigt, dass siebenmal mehr Einhörner, die nach 2015 gegründet wurden in die USA gehen, im Vergleich zu Einhörnern, die vor 2015 gegründet wurden.

Und das ist oftmals schlicht nicht nötig. Ja, früher gab es einige gute Gründe, in die USA zu gehen. Doch während der amerikanische Markt natürlich interessant bleibt, läuft Europa den Vereinigten Staaten als Standort für den Firmensitz mehr und mehr den Rang ab. Insgesamt ist die Notwendigkeit für den Umzug über den großen Teich nicht mehr gegeben.

Die Versuchung der New Yorker Börse

Doch vielleicht sollte man zu Beginn kurz erklären, warum europäische Start-ups in der Vergangenheit lieber heute als morgen die Zelte abbrechen und in den USA wieder aufschlagen wollten. Da spielten drei Faktoren eine grundlegende Rolle:

  1. Der Zugang zu Kapital und Investoren: Mit wenigen Ausnahmen (über-)leben Start-ups auf Basis der Verfügbarkeit von externem Kapital. Und davon war in den USA schlicht mehr verfügbar: noch im Jahr 2015 flossen „gerade einmal” 13,2 Mrd. US-Dollar in europäische Start-ups (State of European Tech) – Europa lief damit der Musik hinterher. Denn eine vergleichbare Summe (11,3 Mrd. US-Dollar) floss laut der US-amerikanischen National Venture Capital Association alleine im vierten Quartal des gleichen Jahres in dortige Start-ups.

    Über Jahre hinweg war es in den USA einfacher an hohe – und damit für das Start-up vorteilhafte – Bewertungen zu kommen. Und: amerikanische Venture-Capital-Firmen waren stets bereit, mit ihren größeren Kapitalsummen risikoreicher umzugehen. Da viele Investoren nur Unternehmen aus ihrem eigenen Netzwerk finanzieren – oder jene, die ihnen empfohlen wurden – suchten viele Start-ups die Nähe zu den großen Geldgebern.

    Zudem war es in den USA deutlich einfacher mit hohen Bewertungen an die Börse zu gehen. Sowohl aus Regulierungs-technischer Sicht, als auch aufgrund der größeren Bereitschaft öffentlicher Investoren, diese Anteile dann zu kaufen.
  2. Der fragmentierte Markt: Europas Diversität war und ist in vielerlei Hinsicht ein Segen. Für Unternehmen ist diese Heterogenität jedoch eine Herausforderung. Die Märkte in den jeweiligen Ländern sind kleiner – und jede Expansion bedeutet neue bürokratische Kraftakte, Go-to-Market-Strategien, neue Kulturen und Bedürfnisse.

    Die USA ist dahingehend „homogener”. Knapp 330 Millionen Einwohner, einheitliche (und oft für Unternehmen vorteilhaftere) Regularien, eine Sprache, eine gewisse Affinität für Tech-Produkte. Viele Start-ups wollten den Expansionsschritt in den USA gehen, bevor sie sich durch das europäische Dickicht wühlen.
  3. Der Kampf um die besten Talente: Egal wie groß die Idee der Gründerinnen und Gründer oder das Wachstumspotenzial des Marktes auch ist – Start-ups benötigen intelligente, technisch-gebildete Arbeitskräfte. Per Definition arbeitet ein Gros der Start-ups an (hoch-)technologischen Lösungen. Ohne gut ausgebildete und erfahrene Tech-Arbeitskräfte lässt sich kein Durchbruch erzielen, kein Produkt entwickeln, kein Unternehmen skalieren.

    Lange Zeit waren die USA Europa auch aufgrund des größeren Talent-Pools voraus. Durch den frühen Dotcom-Boom, US-amerikanische Big Tech-Firmen und herausragende Universitäten gab es nicht nur eine Vielzahl technischer Top-Talente – sondern Arbeitskräfte mit kombinierter Erfahrung in der Entwicklung hochtechnischer Produkte, dem Arbeiten unter dem Druck eines Scale-Ups und der Trial-and-Error-Arbeitsweise von Start-ups. Viele europäische Unternehmen wollten ebenfalls von diesem Talent-Pool profitieren.

Das große Geld

Der Start-up-Vorteil der USA war historisch gewachsen: die Vereinigten Staaten setzten sehr früh auf High Tech. Europas Fokus lag längere Zeit auf der überaus erfolgreichen „klassischen” Industrie. Doch Europa schließt diese Tech-Lücke; in großen Schritten. Innerhalb kürzester Zeit ist das Start-up-Ökosystem erwachsen geworden. Ja, Start-ups, die es in die Major Leagues schaffen wollten, mussten früher den Sprung in die USA machen. Diese Notwendigkeit besteht in vielen Fällen nicht mehr. Im Gegenteil: Für Gründerinnen und Gründer lohnt es heutzutage fast mehr, in Europa zu bleiben.

Denn zum einen wachsen die Finanzierungsmöglichkeiten in Europa rasant: Hohe Finanzierungsrunden, also das große Geld für schnelles Wachstum, waren früher eher Ausnahmeerscheinungen in Europa. 2017 gab es beispielsweise gerade einmal 27 sogenannte Mega-Runden; das sind Finanzierungsrunden von über 100 Mio. US-Dollar. 2021? 152! Pleo, Gorillas, Sorare – die News über europäische Mega-Runden reißen nicht ab. Und auch Early-Stage-Start-ups – also Unternehmen, die noch ganz am Anfang ihres Daseins stehen – werden in Europa immer besser finanziert. Europäische Early-Stage-Investments sind inzwischen beinahe gleichauf mit den USA. 33 Prozent aller Finanzierungsrunden bis 5 Mio. Dollar weltweit, etwa 3,8 Mrd. US-Dollar, flossen in europäische Early-Stage-Start-ups. In den USA waren es 4,1 Mrd. US-Dollar.

Selbst die eingangs erwähnten, berühmt berüchtigten Börsengänge nehmen in Europa an Tempo auf. 2021 führten 122 Unternehmen in Deutschland einen IPO durch, 89 in den USA. Kombiniert mit einer immer steigenden Anzahl an M&As sowie Private-Equity-Übernahmen und das Finanzierungs- und Exit-Potenzial in Europa ist da (State of European Tech).

Mehr noch: In Europa zu bleiben bedeutet nicht, den Kontakt zu amerikanischen (Groß-)Investoren zu verlieren. Die oft-gesuchte und früher benötigte räumliche Nähe ist heutzutage fast kein Faktor mehr. Denn durch Covid-19 und das viel-bemühte Remote Work sind Investoren und Unternehmer tatsächlich sogar näher zusammengerückt. Meetings finden nun via Video-Konferenzen statt und Investoren haben keine Scheu (mehr), Investment-Entscheidungen aus tausenden Kilometern Entfernung zu treffen.

Und: Amerikanische Investoren sind „heiß” auf europäische Unternehmen. Investments in Europas Top-Start-ups sind ihnen mittlerweile oft schlicht wichtiger als die Location. Ein Beispiel: Trotz des klaren Fokus auf Europa (sowohl aus Expansionssicht als auch für die Locations der Büros) sprach Pleo für seine Finanzierungsrunden im vergangenen Jahr mit 25 verschiedenen US-Investoren. Am Ende gewann das Fintech Top-US-Investoren wie Coatue Management und Alkeon Capital für Finanzierungsrunden für sich. Nicht ein einziger der Investoren fragte oder verlangte, das Headquarter in die USA zu verlegen. Nationale Grenzen fallen somit weg – und europäische Start-ups können Gelder von internationalen Geldgebern einsammeln, ohne den Kontinent zu verlassen.

Ein neues Lebensgefühl

Ein erwachsenes Start-up-Ökosystem bedeutet auch: Der europäische Talent-Pool erlangt allmählich die nötige Erfahrung, welche bisher fehlte. Große Startups- und Tech-Schmieden wie Zalando, Rocket Internet, Klarna oder N26 – also Europas erste Big Player – formten aus hoch-intelligenten Top-Talenten Alumnis mit der Erfahrung für Produktentwicklung, Wachstum und Stressresistenz in der Start-up-Welt. Start-up-geeignete Tech-Arbeitskräfte gibt es nicht mehr „nur” in den USA.Ganz im Gegenteil! Vielmehr zieht es Scharen an Top-Talenten aus Asien, Indien oder gar den USA nach Europa. Denn in den vergangenen Jahren ist neben der Arbeitsatmosphäre in den Unternehmen (auch hier haben europäische Firmen aufgeholt) auch die Location der Zentrale wichtiger geworden. Stichwort: Work-Life-Balance. Arbeitskräfte wollen in Städten leben, die ihnen auch außerhalb der Arbeit viel geben. Und hier ist Europa im Vorteil: die Unternehmensberatung Mercer untersucht jährlich die lebenswertesten Städte der Welt und kürt die Top-25. Spoiler: Es findet sich keine einzige US-amerikanische Stadt in dieser Liste. Dominiert wird sie vielmehr von Europa; acht europäische Städte sind in den Top 10, 15 in den ersten 25.

Nicht auf den Lorbeeren ausruhen

Selbstverständlich gibt es auch weiterhin gute Gründe, den Weg über den großen Teich zu gehen. Börsengänge, gerade für High-Tech-Start-ups, sind in den USA noch immer lukrativer. Der europäische Markt bleibt fragmentiert und Europa braucht dringend neue Einwanderungsgesetze und weniger ausufernde Bürokratie, um internationalen Talenten den Zugang zum und die Bewegungsfreiheit im europäischen Arbeitsmarkt zu erleichtern.

Derzeit verfügt beispielsweise jedes Land über ein eigenes Börsenparkett. Man könnte beispielsweise darüber nachdenken, eine gemeinsame europäische Börse zu schaffen – und so die Heterogenität des europäischen Marktes zu reduzieren, einheitlichere Rahmenbedingungen für den öffentlichen Markt auf dem ganzen Kontinent zu schaffen und durch den größeren Markt die Bewertungen der notierten Unternehmen zu steigern. Zudem müssen wir in Europa einen einheitlichen und einfachen (!) regulatorischen Rahmen für die Migration von internationalem, nicht-europäischen Top-Talenten schaffen. Wichtig: Das Ziel dieser Gesetzesinitiative muss sein, den Talenten zu helfen nach Europa zu kommen und es ihnen so einfach wie möglich zu machen direkt loszulegen; „to hit the ground running” wie man im Englischen sagt.

Ob das möglich sein wird? Das steht noch in den Sternen. Doch auch hier wird Europa Fortschritte erzielen! Und in der Zwischenzeit liefern der bessere Zugang zu Kapital und Exit-Möglichkeiten, der tiefe und mittlerweile erfahrene Talent-Pool, die lebenswerten Städte oder die abnehmende Relevanz für die räumliche Nähe zu internationalen Investoren überzeugende Argumente für Gründerinnen und Gründer, Europa zu dem langfristigen Zuhause ihrer Firmensitze zu machen.

Jeppe Rindom ist Mitgründer und CEO des Fintech-Unicorns Pleo (bewertet mit 4,7 Mrd. US-Dollar). Das Unternehmen bietet eine sofort einsatzbereite Lösung für Geschäftsausgaben, die intelligente Unternehmenskarten und automatisierte Spesenabrechnungen für Mitarbeiter bietet. Das Pleo-Team über 500 Mitarbeitende und verfügt über sechs europäische Niederlassungen (London, Stockholm, Berlin, Madrid, Lissabon und Kopenhagen). Vor der Gründung von Pleo war Jeppe Rindom Chief Financial Officer des dänischen Start-ups Tradeshift; zudem ist Jeppe als Berater und Investor an diversen europäischen und US-amerikanischen Start-ups beteiligt. Jeppe Rindom wurde in der Nordic-100-List als eine der einflussreichsten Figuren der Nordischen Tech-Szene bezeichnet.


Mehr zum Thema



Neueste Artikel