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LNG Europa kauft für Rekordbeträge russisches Flüssiggas

Ein Journalist macht Aufnahmen von dem LNG-Tanker Christophe de Margerie, der für das Jamal-LNG-Projekt eingesetzt wird
Ein LNG-Tanker am Flüssiggasterminal auf der Halbinsel Jamal. Das Foto stammt aus dem Jahr 2017, als die Anlage in Betrieb genommen wurde
© IMAGO / Xinhua
Pipelinegas bezieht Europa nicht mehr aus Russland. Dafür kommt aber dieses Jahr vermehrt Flüssiggas russischer Herkunft in die EU. Noch nie hat die Gemeinschaft so viel Geld für den Rohstoff nach Moskau überwiesen – trotz der Sanktionen

Die Europäische Union hat ihre Abhängigkeit von russischen Energielieferungen in diesem Jahr massiv verringert. Sie stoppte den Import von Kohle und bereitet ein Ölembargo vor. Ein Produkt indessen erlebt einen Boom: Die Einfuhr von russischem Flüssiggas (LNG) ist um etwa 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Gezahlt hat die EU dafür von Januar bis September den Rekordbetrag von 12,5 Mrd. Euro – fünfmal mehr als im Vorjahr. Eine bittere Lektion für die EU, die Russland wegen des Kriegs in der Ukraine eigentlich durch Sanktionen Einnahmen entziehen will.

Grund für die Entwicklung sind die sinkenden Importe von russischem Pipelinegas, die die Abnehmer ersetzen müssen. Der Nachfrageschub aus Ländern wie Frankreich und Belgien machte Russland zum zweitwichtigsten LNG-Lieferanten Nordwesteuropas – deutlich hinter den USA aber vor Katar. Das geht aus Schiffs- und Hafendaten hervor.

„Russisches LNG muss weiter fließen“, sagte Anne-Sophie Corbeau vom Center on Global Energy Policy der Columbia University. „Die globale LNG-Bilanz ist ohnehin schon eng genug. Ich denke, dass die meisten europäischen Länder in dieser Hinsicht gerne ein Auge zudrücken.“

LNG: Europa kauft für Rekordbeträge russisches Flüssiggas

In Europa stellten nur Großbritannien und die baltischen Staaten den Kauf von russischem LNG ein. Russisches Öl hingegen wird in der gesamten Region gemieden, ein EU-weites Verbot soll am 5. Dezember in Kraft treten.

Ein komplettes Gasembargo wurde nie ernsthaft in Erwägung gezogen. Doch sucht die EU nach alternativen Lieferquellen. Noch in diesem Jahr sollen fast zwei Drittel der russischen Gaseinfuhren ersetzt werden, hauptsächlich durch LNG aus anderen Teilen der Welt. Tatsächlich ist der Anteil Russlands an der Gasversorgung von mehr als einem Drittel im letzten Jahr auf weniger als zehn Prozent gesunken. Davon besteht fast die Hälfte inzwischen aus LNG.

LNG: Europa kauft für Rekordbeträge russisches Flüssiggas

Die meisten weltweiten LNG-Lieferungen sind in langfristigen Verträgen mit großen multinationalen Konzernen festgeschrieben, die weitgehend frei von staatlicher Kontrolle sind. Der französischen TotalEnergies beispielsweise gehört 20 Prozent an der größten russischen Produktionsanlage in Jamal. Das Unternehmen hat zwar Neuinvestitionen in Russland gestoppt und Teile des Geschäfts im Land verkauft, will aber in Jamal bleiben, um die Gasversorgung Europas zu sichern – solange es die Sanktionen erlauben.

Nicht auszuschließen ist allerdings, dass Russland seinerseits die LNG-Lieferungen einschränkt, wie es dies bereits bei den Pipelines getan hat. Anfang dieses Jahres untersagte Moskau die Lieferung des supergekühlten Brennstoffs an die deutsche Tochter Gazprom Germania, nachdem die Bundesnetzagentur dort die Kontrolle übernommen hatte. Einige Abnehmer fürchten auch, dass der Kreml Rubelzahlungen für LNG verlangen könnte, aber bisher gibt es keine solche Entscheidung.

LNG: Europa kauft für Rekordbeträge russisches Flüssiggas

Die Auswirkungen des LNG-Booms auf den russischen Haushalt sind unklar. Moskau hat zwar weniger Gas über Pipelines nach Europa geliefert, dürfte aber dennoch von den horrenden Marktpreisen profitieren. Im Moment hat Europa kaum eine andere Wahl, als weiter russisches Flüssiggas zu kaufen.

Der Gasmarkt „wird wahrscheinlich eng bleiben, bis frühestens 2025 neue LNG-Quellen zur Verfügung stehen“, meint Kate Dourian vom Arab Gulf States Institute in Washington. „Es ist zweifelhaft, dass die EU sich auf strengere Sanktionen einigen kann, die auch russisches LNG einschließen.“

©2022 Bloomberg L.P.

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