KolumneEU-Referendum - im Zweifel für den Status quo


David Milleker ist seit 2006 Chefvolkswirt bei Union Investment, einer der größten deutschen Fondsgesellschaften. Sie gehört zur genossenschaftlichen FinanzgruppeDavid Milleker ist seit 2006 Chefvolkswirt bei Union Investment, einer der größten deutschen Fondsgesellschaften. Sie gehört zur genossenschaftlichen Finanzgruppe.


Das Referendum über den weiteren Verbleib Großbritanniens in der EU am 23. Juni dürfte zumindest diesseits des Atlantiks das wichtigste politische Ereignis im laufenden Jahr werden. An dieser Stelle wollen wir uns diesem Thema weniger von der ökonomischen oder der politischen Seite des „was wäre wenn“ nähern, sondern von einer rein statistischen.

Konkret ist etwa auffällig, dass in den meisten Umfragen zum Referendum die „Austreten“- und „Bleiben“-Fraktionen relativ eng beieinanderliegen. Wenn auch zuletzt mit einem ganz kleinen Vorsprung für den Verbleib. Bei 10 bis 20 Prozent unentschiedenen Wählern scheint das Rennen allerdings vollkommen offen. Die Quoten bei den britischen Buchmachern hingegen weisen mit circa 30 Prozent auf eine geringere Wahrscheinlichkeit für einen Austritt hin als die Umfragen.

Hier ist zunächst einmal festzuhalten, dass sowohl Umfrageinstitute als auch Buchmacher nicht auf historische Erfahrungswerte aus tatsächlich erfolgten Volksabstimmungen zurückgreifen können, die zum Abgleich mit den per Umfrage erhobenen Rohdaten verwendet werden können. Dieser fehlende Erfahrungsschatz macht es schwer vorherzusagen, ob sich zum Beispiel klare Bindungen etwa an Parteien auf das Abstimmungsverhalten auswirken oder ob sich Prognosen aus Umfragen mit dem tatsächlichen Verhalten am Wahltag decken.

Im Zweifel für den Status quo

Um das an einem Beispiel zu illustrieren: Aus den Befragungen zum Brexit geht beispielsweise ziemlich eindeutig hervor, dass die Befürworter des Verbleibs in der EU bei Jungwählern (18 bis 24 Jahre) deutlich überwiegen (58 Prozent Verbleib zu 19 Prozent Austritt), bei den Rentnern dagegen die Austrittsbefürworter (mit 52 Prozent für Austritt und 32 Prozent für Verbleib). Berücksichtigt man freilich, dass die Wahlbeteiligung der jungen Gruppe bei der letzten Parlamentswahl bei 43 Prozent, die der Rentner dagegen bei 78 Prozent lag, muss man diese Zahlen im Zweifelsfall ganz anders lesen als ein reines Umfrageergebnis, bei dem beide Gruppen etwa annähernd gleich stark vertreten wären. Im Extremfall so: Kommt die Jugend am Wahltag nicht aus dem Bett, gibt es eine deutliche Mehrheit für den Brexit.

Der zentrale Grund aus unserer Sicht weniger auf die Umfragen zu schauen, sondern ähnlich wie die Buchmacher einen Brexit für unwahrscheinlich zu halten, ist folgender: In der Regel haben Menschen einen starken Hang, sich im Zweifelsfall lieber für den Status quo zu entscheiden als für eine unbekannte Zukunft. Und zwar selbst dann, wenn der Status quo als unbefriedigend wahrgenommen wird.

Im Falle der Brexit-Abstimmung wird sogar relativ deutlich, dass die Austrittsvariante als unsicher oder sogar nachteilig wahrgenommen wird. Das ergibt sich aus den doch ausgeprägten Mehrheiten,
a) die einen Austritt für riskant und keinesfalls für gefahrlos halten,
b) eine wirtschaftliche Verschlechterung befürchten,
c) weniger internationalen Einfluss nach einem Austritt sehen oder
d) eine Verschlechterung des Arbeitsmarkts befürchten.

Die Umfrageergebnisse überzeichnen daher voraussichtlich um einiges das Risiko eines Austritts und spiegeln mehr die Unzufriedenheit mit dem Status quo. Dagegen dürften die Quoten der Buchmacher vermutlich vor allem die historische Erfahrung der Präferenz der Wähler für den Status quo am Wahltag spiegeln.

Am Wahltag wird es zwar ein relatives Wahl-, aber nur ein binäres wirtschaftlich-politisches Ergebnis geben. Und hier dürften vermutlich die Buchmacher gegenüber den Umfrageinstituten das Rennen machen.