InterviewWohin mit dem Windradmüll?

Havariertes Windrad im Windpark Sitten
Havariertes Windrad im Windpark Sitten: Der Müll lässt sich nicht recyclen
© dpa

Herwart Wilms ist Geschäftsführer der Remondis Assets & Services, der wichtigsten Tochtergesellschaft von Remondis. Sie übernimmt übergreifende Funktionen wie IT, Technik oder Marketing für den führenden deutschen Recyclingkonzern. Wilms vertritt das Unternehmen auch nach außen.


Herr Wilms, Sie sind der wichtigste Müllmann des Landes, 30 Millionen Deutsche entsorgen bei Ihnen Abfall – und halten sich für Weltmeister im Recycling und Müllvermeiden. Stimmt das eigentlich?

In der Tat trennt niemand besser als der Deutsche die Abfälle in seinem Haushalt. Bei Papier, Glas und Kunststoff macht ihm keiner was vor. Da haben wir eine tolle Qualität, keine Maschine bekäme das besser hin. Es gibt zwar Menschen, die alles in eine Tonne schmeißen, weil sie glauben, Roboter würden das schon sortieren. Aber so weit sind wir lange noch nicht.

Das klingt, als seien Sie mit der Industrie dagegen nicht so zufrieden.

Ja, hier werden noch zu viele Rohstoffe verschwendet. Unsere Welt funktioniert heute so: Der Produzent entwickelt ein Produkt und bringt es in den Markt; der Konsument nutzt es und schmeißt es dann weg. Dann kommen wir und sollen daraus noch etwas machen. Aber das funktioniert nicht.

Warum nicht?

Weil die Unternehmen, die Hersteller mit uns vorab zu wenig über die Wiederverwertbarkeit reden. Wenn sie das Produkt so gestalten, dass wir zum Schluss noch etwas damit anfangen und wir die eingesetzten Rohstoffe wieder herausholen können, dann erst haben wir die Kreislaufwirtschaft, von der immer alle reden. Heute aber verschwenden wir noch viel zu viele Rohstoffe.

„Windräder können wir nicht recyclen!“

Was sagen die Unternehmen denn zu Ihrer Kritik?

Ganz vereinzelt merken wir, dass Unternehmen umdenken, im Großen und Ganzen aber noch zu wenig. Die Fehler werden schon am Anfang gemacht. Ein Beispiel: Die Bundesregierung hat die Energiewende beschlossen – raus aus der Atomenergie, rein in die erneuerbare Energie. Die Windräder sind aber aus Verbundstoffen gebaut, die wir nicht mehr auseinanderbekommen. Die können wir nicht recyceln! Wir können sie auch nicht verbrennen, da die Stoffe die Filter der Verbrennungsanlagen verstopfen. Also: Wir steigen bei der einen Technologie aus – unter anderem weil wir nicht wissen, was wir mit dem Atommüll machen sollen – und bei einer neuen Technologie ein, bei der wir auch nicht wissen, wie wir mit dem Abfall klarkommen.

Das heißt, es gibt bald riesige Windradmüllhalden?

Da kommt ein Riesenproblem auf uns zu. Wir haben inzwischen 24.867 installierte Windanlagen. Es wird schwieriger, neue Standorte zu finden, also werden an den vorhandenen größere Motoren und Rotoren angebracht. Momentan weiß aber niemand, wohin mit dem unbrauchbaren Windradmüll. Die Betreiber bieten uns viel Geld, damit wir ihnen das abnehmen. Wir können aber auch nur ganz wenig davon zwischenlagern. Momentan versuchen wir, Verfahren zu entwickeln, um die Räder etwa durch Erhitzung, wir nennen das Pyrolyse, in ihre Elemente zu zerlegen. Ironischerweise ist das sehr energieintensiv.

Wenn selbst Windradbauer eine schlechte Ökobilanz haben, wie ist es dann in anderen Branchen?

Ganz ähnlich. Wir haben ein großes Problem mit Fotovoltaikanlagen. Oder mit Elektroautos. Für die E-Mobilität sind die Hersteller gezwungen, leichtere Fahrzeuge zu bauen, weil die Reichweite hoch sein soll, aber die Batterie so schwer ist. Aber anstatt das endlos recycelfähige Aluminium zu nehmen, setzen sie günstigere Leichtstoffverbunde aus Kunststoff und Metall ein, die so fest miteinander chemisch verbunden sind, dass sie nicht mehr trennbar sind. Der Rohstoff ist damit für immer weg.

Und was ist mit den ganzen Batterien für Elektroautos, die irgendwann auch ausgelaugt sind?

Auch die machen uns Sorgen. Lithium-Batterien sind nicht so konstruiert, dass wir sie recyceln könnten.