KolumneEin Trauerspiel mit dem Titel Bilfinger

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Als die Narren am 11.11.2014 zum Auftakt der Fassnacht in Mannheim ausrückten, übernahm Eckhard Cordes am Rande der Innenstadt den Vorsitz des Aufsichtsrats bei der Bilfinger SE. Man könnte also viele Witze mit dem Datum seines Amtsantritts machen, wenn die Lage des Konzerns nicht so ernst wäre. Fakt ist: Der Umsatz des Industriedienstleisters ist seitdem um ein Fünftel, der Aktienkurs sogar um zwei Drittel gefallen. Der Traditionskonzern, dessen Wurzeln bis 1880 zurückreichen, ist nach einem nunmehr seit sechs Jahren anhaltenden Dauerumbau nur noch ein Schatten seiner selbst. Seine Zukunft liegt im Dunklen. Nur einer ist bei jeder neuen Windung und Wendung davon überzeugt, alles richtig zu machen: Cordes.

Schuld sind immer die anderen – so war es schon bei all seinen früheren Karrierestationen.  Etwa bei der vollständig missglückten Fusion von Daimler und Chrysler, bei der Cordes die Fäden zog. Oder bei Franz Haniel, wo der damalige Vorstandschef den Familienkonzern auf das riskanteste (und am Ende gescheiterte) Abenteuer seiner Geschichte schickte. Oder bei der Metro AG, die sich nach dem Ende seiner Ägide als Vorstandschef deutlich schwächer präsentierte als jemals vorher.

Bei Bilfinger hat Cordes in sechs Jahren drei Vorstandsvorsitzende verschlissen. Jetzt wechselt Christina Johansson aus dem Finanzressort kommissarisch auf den Chefsessel, wie das Unternehmen letzte Woche verkündete. Und wieder einmal geht es dabei Knall auf Fall zu, wie schon häufig bei Bilfinger in den letzten Jahren. Denn Geduld und Fingerspitzengefühl gehören ebenfalls nicht zu den Tugenden des Aufsichtsratsvorsitzenden.

Cordes verdankt seinem Job bei Bilfinger dem schwedischen Investor Cevian Capital, der in Mannheim bisher eine genauso glücklose Hand bewiesen hat wie in Essen bei Thyssenkrupp, dem zweiten großen Investment der Schweden in Deutschland. Anfangs legten die Manager von Cevian in Mannheim durchaus den Finger in die richtige Wunde. Bilfinger war 2014 unter dem damaligen Vorstandschef Roland Koch im Gefolge einer verfehlten Expansionsstrategie in eine gefährliche Schieflage geraten. Der ehemalige CDU-Politiker musste im letzten Jahr am Ende einer langen Prozessreihe gemeinsam mit anderen ehemaligen Bilfinger-Vorständen 18,2 Mio. Euro Schadenersatz für Pflichtverletzungen zahlen.

Doch nach dem unrühmlichen Abschied von Roland Koch 2014 brachten die sogenannten „aktivistischen Investoren“ ausgerechnet ihren Partner Cordes an die Spitze des Aufsichtsrats – eine Fehlentscheidung mit Langfristfolgen. Mit 26,8 Prozent des Aktienkapitals dominiert Cevian bis heute das Unternehmen. Damit verfügt Cordes über eine Machtfülle, die selten in deutschen Konzernen ist. Doch Ruhe ist durch den wichtigsten Vertreter des Ankeraktionärs nicht eingetreten. In letzter Zeit konnte man von außen eher den Eindruck gewinnen, dass sich die für Cordes so typische Hektik wieder einmal durchsetzt.

Dass der bisherige Vorstandschef Thomas Blades mit 64 Jahren geht, wäre unter normalen Bedingungen ja durchaus nicht ungewöhnlich. Aber warum muss der Brite sein Amt mit „sofortiger Wirkung“ abgeben und warum gibt es ganz offensichtlich keine Nachfolgeplanung? Trotz all der schönen Worte in der entsprechenden Pressemitteilung muss man unter diesen Umständen vermuten, der Abgang von Blades ist nur ein weiterer Akt in dem Trauerspiel mit dem Titel Bilfinger.

 


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.