GastbeitragEin 5000-Euro-Gründungsbooster für alle

Vincent-Immanuel Herr (li.) und Martin Speer Phil Dera

Europa ist kein Kontinent mit ausgeprägter Unternehmensgründungs- oder Innovationskultur. Das bekommen besonders junge Menschen mit Ideen zu spüren. Wer mit einem Einfall für ein neues Produkt oder eine soziale Innovation unterwegs ist, der sieht sich vielfach mit Skepsis, Risikoaversion und komplizierten Zugängen zur finanziellen Förderung konfrontiert. Kulturell wie strukturell ist der europäische Raum eher auf Sicherheit und Beständigkeit und weniger auf Risikofreude und Wandlungsfähigkeit getrimmt. Wer in der EU ein Start-up mal ordentlich an die Wand gefahren hat oder mit einer politischen Idee gescheitert ist, erfährt selten Anerkennung oder wird darin bestärkt, es noch einmal zu versuchen. Fehler zu vermeiden steht höher im Kurs, als aus Fehlern zu lernen.

Der Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch „Europe For Future. 95 Thesen, die Europa retten – Was jetzt geschehen muss.“

Die europäische Start-up-Szene ist zudem unterfinanziert. Fast die Hälfte der jungen europäischen Unternehmen erhält die wichtigen ersten Investitionen von außerhalb der EU. „Europäische Investoren sind vorsichtig und skeptisch und wollen zuerst Umsätze sehen, bevor sie investieren“, schreibt die Journalistin Grace Brennan. All das bremst die Innovationsbereitschaft. Es ist daher nicht verwunderlich, dass sich EU-Staaten im Top-10-Ranking der Start-up-freundlichsten Länder der Welt, mit Ausnahmen von Deutschland auf Platz zwei, auf den hinteren Plätzen wiederfinden, und zwar in dieser Reihenfolge: Polen, Spanien, Schweden und Frankreich. Wie viele gute Ideen, smarte Produkte oder innovative politische Ansätze erblicken deshalb nicht das Licht der Welt?

5000 Euro für als flächendeckender Gründungsbooster

Will Europa der nächsten Generation mit ihren Ideen Wind unter den Flügeln machen und Innovationen abheben sehen, muss sich etwas ändern. Während es Zeit und Ausdauer bei der Weiterentwicklung der kulturellen Verhaltensweisen und Denkmuster braucht, kann man in puncto Finanzierung und Rahmenbedingungen direkt etwas ändern.

Wir schlagen vor, dass jeder junge Mensch in der EU im Alter zwischen 20 und 30 Jahren Zugang zu einem sogenannten europäischen Innovations-Startguthaben erhält. Eine Mindestsumme von 5000 Euro soll all jenen zugänglich sein, die sich mit einer unternehmerischen Idee oder einer sozialen oder politischen Innovation selbstständig machen oder sich beruflich weiterbilden wollen. Die Summe wird durch den EU-Haushalt aus EU-Steuern bereitgestellt und von nationalen wie regionalen Arbeitsagenturen und -büros verteilt.

Junge Menschen können sich dort oder auch online mit ihrer Geschäftsidee oder ihrem Bildungsvorhaben melden und so möglichst niedrigschwellig und bürokratiearm ihr Startguthaben erhalten. Die Fördersumme von 5000 Euro wird nach einer kurzen Prüfung dann auf das Geschäftskonto oder direkt an die jeweilige Bildungseinrichtung überwiesen. Eine einmalig höhere Fördersumme von bis zu 30.000 Euro ist auch möglich, wenn ein überzeugendes Konzept vorgelegt und eine entsprechende Nachdokumentation gewährleistet ist.

Das Startguthaben wird besonders einem Aspekt Rechnung tragen, der in der Diskussion um Unternehmensgründungen und Innovationen oft zu kurz kommt: dem Zusammenhang zwischen einer erfolgreichen Gründung und dem sozioökonomischen Hintergrund der Gründerinnen. Noch sind es leider immer noch überproportional Männer, die gründen. Rund 93 Prozent der Tech-Finanzierung gehen an reine Männerteams. Es entscheiden also weniger die Einsatzbereitschaft, Aufrichtigkeit oder der Mut der Einzelnen über den unternehmerischen Erfolg in den frühen Stunden, sondern der finanzielle und soziale Hintergrund und das Geschlecht.

Wer ein Sicherheitsnetz hat, kann stärker ins Risiko gehen. Wer hypermaskulin auftritt, nimmt den Erfolg mit nach Hause. Die EU muss dieser angelsächsischen und männlich dominierten Logik und Kultur etwas Eigenes entgegensetzen und mit einem egalitären, dezentralen und diversitätsorientierten Instrument antworten. Ein europäisches Innovations-Startguthaben wird Hunderttausende Leben ändern und Ideen in Europa zum Fliegen bringen.

 


Vincent-Immanuel Herr (32) und Martin Speer (34) sind Autoren, Feministen und Berater aus Berlin. Gemeinsam machen sie sich als Team HERR & SPEER für eine geschlechtergerechte Gesellschaft und das vereinte Europa stark. Für ihr Engagement wurden sie u.a. mit dem Jean-Monnet-Preis für europäische Integration ausgezeichnet.