KolumneDrei Schritte vorwärts für Bayer

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Buy on the rumor, sell on the news! Die Richtigkeit des alten Börsenspruchs aus den USA zeigte sich am Mittwochmorgen bei der Bayer AG. Seit ihrem Tief Anfang März krabbelte die Aktie des Konzerns langsam aber sich von 50 Euro auf über 70 Euro. Die Anleger nahmen den ersehnten Vergleich in den Glyphosat-Prozessen in den USA damit bereits vorweg. Als die lang ersehnte Nachricht dann endlich kam, gab die Aktie in einem ohnehin schwachen Marktumfeld erst einmal kräftig nach. Dabei fällt der Großvergleich, der neben Glyphosat auch noch zwei andere Fälle miterledigt, mit 10 Mrd. Euro eher günstig aus. Viele Analysten haben noch vor kurzem eher mit dem Doppelten gerechnet.

Kein Zweifel: Der Leverkusener Konzern macht drei Schritte vorwärts – einen großen bei Glyphosat, zwei kleinere bei seinem anderen Präparat Dicamba und den ebenfalls anhängigen Verfahren über die Verseuchung des Grundwassers durch PCB. Damit kehrt endlich ein bisschen Ruhe in den Konzern zurück. Bayer-Chef Werner Baumann und die anderen Top-Manager können sich wieder mehr auf ihre eigentlichen Aufgaben konzentrieren. Viele Analysten dürften deshalb auch die Kursziele für die Aktie hochsetzen, wenn sie es nicht sogar bereits getan haben.

Zwei Schüsse Essig muss man allerdings in den süßen Wein gießen – einen kleinen und einen großen. Noch erfasst der Vergleich nur drei Viertel der Glyphosat-Fälle und noch fehlt auch die Zustimmung eines US-Gerichts zu einem sehr wichtigen Detail. Die meisten Experten rechnen aber damit, dass sich auch dieser Knoten in den nächsten Wochen lösen dürfte. In ähnlichen Verfahren schlossen sich am Ende auch die Kläger doch noch an, die anfangs nicht zu einem Vergleich bereit waren. Auf jeden Fall stehen die Entschädigungsparameter jetzt fest und die Gerichte dürften sich in den ausstehenden Verfahren daran orientieren. Damit kann Bayer eine große Last von den Schultern werfen.

Endlich nach vorne schauen

Für die Aktionäre, die durch die Krise zu ihrem Konzern gehalten haben, bleibt aber am Ende ein großes Minus. Das gilt zum Beispiel für viele Belegschaftsaktionäre. Denn selbst wenn ihre Aktie in nächster Zeit die Kursziele erreicht, die Optimisten jetzt setzen, hat sich der Monsanto-Kauf für die Langfristanleger nicht gelohnt. Vor dem Kauf stand der Bayer-Kurs in der Spitze bei über 130 Euro. Der Konzern war damals, viele haben es inzwischen vergessen, der wertvollste Konzern ganz Deutschlands. Ein Weg zurück zu diesem Kursniveau dürfte noch lang und holprig sein, selbst wenn nach der Corona-Krise irgendwann die Normalität zurückkehrt.

Bayer Aktie

Bayer Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RT

So sehr man daher die Erleichterung verstehen kann, die Bayer-Chef Baumann direkt nach der Ad-hoc-Meldung in mehreren Auftritten zelebrierte, so wenig besteht bisher Anlass zu irgendeiner Art von Triumphgeschrei. Die allerwichtigste Nachricht lautet: Der Konzern überlebt das Monsanto-Abenteuer und kann nun auf die Zukunft schauen. Zwischendrin sah es brandgefährlich aus und das Schlimmste schien möglich.

Sind die 10 Mrd. Euro erst einmal abgebucht und bleibt es dabei, kann der Konzern einen zweiten Anlauf nehmen, die hohen Schulden aus dem Monsanto-Kauf durch gesteigerte Erträge abzubauen. Erst dann könnte man wirklich von einer neuen Normalität für den Konzern sprechen. Und dann vergessen wir vielleicht auch die 70 Mrd. Euro (60 Mrd. Euro Kaufpreis und 10 Mrd. Euro Vergleichskosten), die für die Übernahme bisher draufgegangen sind.

 


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.