Kolumne Schrecken ohne Ende bei Bayer

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
© Martin Kress
Nach Glyphosat sorgt ein weiteres Unkrautmittel in den USA für Ärger. Bayer leidet weiter unter dem Monsanto-Erbe. Aber trotzdem heißt es in Leverkusen ungebrochen: Der Kauf war richtig

Die vergangene Woche brachte, wieder einmal, keine guten Nachrichten für Bayer. Im ersten Berufungsverfahren in Sachen Glyphosat signalisierten die Richter wenig Bereitschaft, das Urteil der Vorinstanz zu kippen. Dabei geht es um Schadenersatz von 79 Mio. Dollar – in einem einzigen Fall. Dann lösten sich die Gerüchte, der seit Wochen erwartete Vergleich mit dem größten Teil der über 100.000 Kläger stehe unmittelbar bevor, in Luft auf. Und gegen Ende der Woche sorgte ein weiteres Unkrautmittel des Konzerns für Ärger in Leverkusen: Ein Richter in San Francisco hob die Zulassung des Bayer-Produkts Dicamba vorläufig auf, weil die amerikanische Umweltbehörde EPA nicht alle Risiken bei der Anwendung des Mittels geprüft habe.

Nun muss Bayer bei Dicamba nicht mit einem so gefährlichen Streit rechnen wie bei Glyphosat. Im neusten Fall geht es „nur“ um die Gefahr, das sehr flüchtige Herbizid könne nach seiner Aufbringung auf den angrenzenden Äckern anderer Landwirte schwere Schäden anrichten. Weder sorgt Dicamba für so viel Umsatz bei Bayer noch ist mit Schadenersatz in astronomischer Höhe zu rechnen wie bei Glyphosat, wo die Kläger das Bayer-Mittel für ihren Krebs verantwortlich machen. Trotzdem kommt das Dicamba-Urteil natürlich zur Unzeit für den Konzern.

Allmählich verfestigt sich der Eindruck, die Übernahme von Monsanto erweise sich für die Deutschen als Fass ohne Boden. In der Branche hört man bereits den Spott, der Bayer-Konzern habe sich seit dem Kauf offenbar in eine „große Anwaltskanzlei mit angeschlossener Pharmaabteilung“ verwandelt. Selbst wenn der Glyphosat-Vergleich nun bald kommt und im Rahmen der Erwartungen ausfällt, wirkt die enorme Belastung für den Konzern nach. Nicht nur, was die Finanzen betrifft, sondern auch das Management, von der Reputation einmal ganz abgesehen.

Bayer wird Monsanto nie wieder los

Trotzdem bleibt Bayer-Chef Werner Baumann bei der Lesart, die Übernahme von Monsanto sei nicht nur strategisch richtig gewesen, sondern man habe auch alles Risiken bei dem Kauf ausreichend professionell geprüft. Man fragt sich nach Dicamba: Was müsste eigentlich noch geschehen, um diese Einschätzung zu korrigieren? Die Antwort ist einfach: Egal, was kommt, das jetzige Management kann die Übernahme schon aus juristischen Gründen nicht nachträglich in Frage stellen ohne sofort eine weitere Klagewelle loszutreten. Und zwar in diesem Fall von den Aktionären, die sich beim Kauf der Aktie auf das Urteil Baumanns und des jüngst abgetretenen Aufsichtsratschefs Werner Wenning verlassen hatten.

Ein Wiederverkauf von Monsanto dürfte unter den obwaltenden Umständen sowieso unmöglich sein. Niemand kauft einen Konzern, gegen den über 100.000 Kläger gerade vor Gericht vorgehen. Und selbst nach einem Vergleich, der niemals alle Fälle umfassen kann, bliebe ein hohes Restrisiko. Bayer müsste im Fall eines Verkaufs also einen so hohen Abschlag auf den ursprünglichen Kaufpreis hinnehmen, dass es an die Substanz des Konzerns ginge. Einen Ausweg aus der jetzigen Sackgasse gibt es also nicht.

Deshalb müssen sich die Aktionäre wohl klarmachen: Bei Bayer bleibt auf mittlere Sicht nur ein Schrecken ohne Ende. Denn ein Ende mit Schrecken scheidet als Option aus.

Bernd Ziesemerist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


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