KolumneDie teuren Zukäufe der Siemens AG

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Wenn es nach dem neuen Siemens-Chef Roland Busch geht, dann soll es die letzte große Abspaltung auf absehbare Zeit sein: Der Münchner Konzern trennt sich von der Getriebesparte in Bocholt, der Flender AG. Dabei gehört das Unternehmen erst seit 2005 zu Siemens. Der Konzern gibt seine Tochter mit einem Buchgewinn ab, so weit so gut. Aber das ist auch keine Kunst, wenn man eine Beteiligung in früheren Jahren mangels Profitabilität mehrfach abschreiben musste.

Der Finanzinvestor Carlyle zahlt deutlich weniger als den Jahresumsatz für Flender, insgesamt 2,025 Mrd. Euro für zuletzt 2,2 Mrd. Euro Umsatz. Vor 15 Jahren waren beim Erwerb 1,2 Mrd. Euro fällig bei einem damaligen Umsatz von 1,0 Mrd. Euro. Zwischenzeitlich musste Siemens viel Geld in die Neuerwerbung stecken. So gerechnet war die Flender AG also ganz gewiss kein lohnendes Portfolio-Investment. Hinzu kommt: Siemens zahlt auch noch eine Art Mitgift beim Verkauf des Unternehmens, eine langfristige Abnahmegarantie für Windkraftgetriebe von Flender.

In der Vergangenheit fehlte in München oft die glückliche Hand beim Kauf von anderen Unternehmen. Oft ließ man sich auf einen Bieterwettbewerb ein, der die Preise nach oben trieb. So war es bei Flender 2005, so war es vor allem bei dem völlig überteuerten Kauf von Dresser-Rand 2014 und so könnte es in diesem Jahr bei der Übernahme der Medizintechnikfirma Varian wieder gewesen sein. In all diesen Fällen signalisierte Siemens von Anfang ein sehr hohes Kaufinteresse, was die Verhandlungsposition nicht gerade stärkt. Und immer rechtfertigte man den sehr hohen Kaufpreis gegenüber den eigenen Aktionären mit einem angeblich sehr starken „strategischen Fit“. Im Falle von Flender hieß es damals zum Beispiel, damit werde Siemens endlich zu einem Komplettanbieter bei Antriebssträngen. Das Wort vom „Komplettanbieter“ tauchte auch beim Kauf von Dresser-Rand auf – und bei vielen anderen Erwerbungen auch. Aber die erwünschten Effekte trafen eben nicht immer ein.

Keine überzeugende Rendite für die Siemens-Aktionäre

Eine viel glücklicheres Händchen zeigte Siemens dagegen beim Verkauf seiner Unternehmensbeteiligungen. Man denke nur an Osram: Siemens trennt sich Ende 2017 von seinem letzten Aktienpaket, als der Kurs von Osram mit 65 Euro nur knapp unter dem Allzeithoch lag. Heute notiert die Aktie mit 52 Euro – und dieser Kurs erklärt sich auch nur aus der Übernahmeofferte des österreichischen Konkurrenten AMS. Besser konnte man also kaum verkaufen als damals Siemens.

Unterm Strich aber kann man bezweifeln, dass sich die Siemens AG mit ihren äußerst zahlreichen Portfolio-Maßnahmen einen Gefallen getan hat. Kein anderer deutscher Dax-Konzern hat seit den 80er-Jahren so viele Unternehmen gekauft und verkauft wie Siemens. Das organische Wachstum blieb dabei zum Teil auf der Strecke. Und die Aktionäre erhielten keine überzeugende Rendite für all die riskanten Käufe und Verkäufe. Nach der Abspaltung von Siemens Energy fängt die Rest AG mit unter 60 Mrd. Euro Umsatz quasi noch einmal von vorn an. In ein paar Jahren wird man sehen, was Roland Busch daraus gemacht hat.

 


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.